Gilad Schalits Rückkehr: "Gut, dich wieder zu Hause zu haben"

Von Ulrike Putz, Jerusalem

Ein gigantisches Medienspektakel begleitet die Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Schalit aus der Gefangenschaft. "Ich habe euch euer Kind zurückgebracht", verkündet Premier Netanjahu pathetisch, das ganze Land nimmt Anteil am Schicksal der Familie. Doch der Erfolg hat Schattenseiten.

DPA

Diese Bilder waren nicht geplant: Um kurz nach 11 Uhr Ortszeit sendete das ägyptische Staatsfernsehen ein Interview mit Gilad Schalit. Nur wenige Stunden zuvor hatte der junge israelische Soldat wohl zum ersten Mal nach mehr als fünfeinhalb Jahren Geiselhaft das Tageslicht erblickt und war ägyptischen Sicherheitsleuten übergeben worden. Nun saß der 25-Jährige vor der Kamera, sah blass aus und verängstigt, doch die Ägypter kannten keine Gnade: Er musste sich den nicht sehr einfühlsamen, geschweige denn originellen Fragen einer ägyptischen TV-Reporterin stellen: Was er denn während seiner Gefangenschaft am meisten vermisst habe, wollte die Journalistin wissen. "Natürlich meine Familie und meine Freunde", antwortete Schalit.

Die Hamas habe ihn gut behandelt, er habe immer daran geglaubt, wieder freizukommen, gab Schalit zögerlich auf die bohrenden Fragen der Reporterin Antwort. Ob er nach der Erfahrung seiner eigenen Gefangenschaft nun für die Freilassung aller in israelischen Gefängnissen verbliebenen Palästinenser kämpfen werde, lautete eine andere Frage. Da war Schalit sichtlich überfordert: Er atmete flach und warf dem Dolmetscher Hilfe suchende Blick zu. Schließlich rang er sich eine höfliche Antwort ab. "Ich werde glücklich sein, wenn alle Gefangenen nach Hause und zu ihren Familien zurückkehren können - so lange sie Israel nicht wieder angreifen."

Auch wenn Fernsehsender in aller Welt diese ersten Aufnahmen des heimkehrenden Soldaten übernahmen: Ägypten dürfte sich mit dem Interview einen Bärendienst erwiesen haben. Denn auch wenn Israel dankbar ist, dass Kairo den am Dienstag begonnenen Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas zu einem gelungenen Abschluss gebracht hat: Dass es sich die dortige Führung nicht nehmen ließ, Schalit öffentlich vorzuführen wie eine Trophäe, machte die israelische Regierung wütend. Damit sei Schalits Heimkehr verzögert worden.

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Nahost: Drama um Gilad Schalit
Doch wichtiger ist an diesem Tag: Gilad Schalit lebt und ist mental in guter Verfassung. Nach Jahren in Gefangenschaft der radikalislamischen Hamas kehrte er am Montagmittag zu seinen Eltern zurück. Die nahmen ihren Sohn auf der Militärbasis Tel Nof südlich von Rechowot in Empfang, teilte das Büro des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit.

"Ich habe euch euer Kind zurückgebracht"

Netanjahu habe den Eltern zu Beginn des Treffens gesagt: "Ich habe euch euer Kind zurückgebracht." Und an Schalit gewandt: "Willkommen in Israel, Gilad. Wie gut, dass du zurückgekommen bist." Auch Verteidigungsminister Ehud Barak sowie Generalstabschef Benny Gantz waren bei der Zusammenkunft anwesend. Anschließend sollte ein Hubschrauber die Familie zurück in ihren Heimatort Mizpe Hila im Norden Israels bringen.

Somit geht ein Drama zu Ende, das Israel mehr als fünf Jahre lang nicht losließ. Seit der Gefangennahme des damals 19-Jährigen durch ein von der Hamas geführtes Kommando im Sommer 2006 hat das ganze Land verfolgt, wie um das Leben und die Heimkehr des Soldaten geschachert wurde.

Die Hamas, Alleinherrscherin über den Gaza-Streifen, hatte Schalit gefangen, um ihn als Faustpfand einzusetzen. Im Gegenzug für seine Freilassung konnte sie 1027 palästinensische Häftlinge freipressen. Denn Israel hält eisern an dem Dogma fest, alle seine Soldaten - ob tot oder lebendig - nach Hause zu holen. Einer für alle, alle für einen.

Fünfeinhalb Jahre in Einzelhaft, vermutlich in einem unterirdischen Verlies, vielleicht in absoluter Stille: Das Schicksal Schalits bewegte die Welt. Vor allem in Israel, wo Männer wie Frauen Militärdienst leisten müssen, konnte sich jeder mit dem gekidnappten Rekruten identifizieren. Wohl jeder Israeli hat sich in den vergangenen 64 Monaten vorgestellt, wie es wäre, an Schalits Stelle zu sein.

Im israelischen Fernsehen wurden der Familie Schalit vor dem Austausch wohlmeinende Ratschläge gegeben, wie sie dem Sohn die Rückkehr erleichtern könne - indem sie zum Beispiel dafür sorgt, dass das Haus "so riecht wie früher". Am Montag wurde dann berichtet, Mutter Aviva habe zwar schon alle Zutaten für die Lieblingsgerichte ihres Sohnes gekauft, aber noch nicht mit dem Kochen angefangen.

"Lektion in Würde, Stärke und Bescheidenheit"

Schalits Familie verhielt sich während der jahrelangen Tortur des Wartens bewundernswert. Wo in der politischen Debatte in Israel schnell schrille Töne angeschlagen und extreme Positionen bezogen wurden, zeigten sich die Schalits besonnen: Immer wieder riefen sie zur Versöhnung auf und erkannten dabei auch das Leid der Palästinenser ausdrücklich an. "Die Familie hat der ganzen Welt eine Lektion in Würde, Stärke und Bescheidenheit gegeben", sagte die Sprecherin der Familie, Schira Ansky, am Dienstag. Über die Schalits würden sicher noch Bücher geschrieben, Filme gedreht: "Sie haben ihr Leben auf Pause gestellt, um für ihren Sohn zu kämpfen. Sie haben vorgemacht, was es heißt, Familie zu sein."

Doch jetzt wird erst einmal gefeiert: "Gut, dich wieder zu Hause zu haben", steht auf 3000 in ganz Israel aufgestellten Plakaten, ein Zitat aus einem berühmten Lied des israelischen Sängers Arik Einstein. Die so genannte "Armee der Freunde Schalits" hat sie in den vergangenen Tagen in den Städten und entlang der Autobahnen angebracht. Die Mehrheit der Israelis befürwortet den Gefangenentausch: 79 Prozent sind für den Deal, ergab eine Umfrage der auflagenstärkste Zeitung "Jedioth Achronoth" am Montag.

Zehn Tage lang wird die Familie Schalit nun in Ruhe gelassen

Israels Medien berichteten seit Tagen über kaum etwas anderes als die bevorstehende Heimkehr des inzwischen zum Feldwebel beförderten Soldaten. Um ihm und seiner Familie ein wenig Ruhe zu verschaffen, hat die Armee sich mit der Presse geeinigt: Zehn Tage lang werden Reporter und Fernsehteams die Schalits in Ruhe lassen - ein Abkommen, an dass sich die Ägypter nun nicht gehalten haben.

Im Gegenzug für Schalits Freilassung kamen am Dienstag 477 Palästinenser frei, einige von ihnen nach Jahrzehnten hinter Gittern. Die übrigen 550 Gefangenen werden erst in zwei Monaten aus der Gefangenschaft entlassen. Im Gaza-Streifen und im Westjordanland wurden die Freigelassenen mit großem Jubel begrüßt.

Der Gefangenenaustausch bringt auf beiden Seiten Gewinner und Verlierer hervor: Nachdem Palästinenserpräsident Mahmud Abbas mit seinem Auftritt vor der Uno-Vollversammlung weltweit punkten konnte, bescheren die Bilder von den Freudenfeiern der palästinensischen Heimkehrer-Familien jetzt der Hamas einen Etappensieg. Die Freilassung der Gefangenen dient den Radikalislamisten als Beweis, dass ihr Weg des bewaffneten Widerstands erfolgversprechender ist als der der Mäßigung, den die Fatah praktiziert.

Doch der Triumph hat seinen Preis. Denn der Deal kam nur zustande, weil die Hamas auf die Forderung nach der Freilassung der prominentesten Häftlinge verzichtete. Israel gab den Palästinensern auch keine Garantie, die jetzt Entlassenen nicht bald wieder festzunehmen oder im Falle von Erzterroristen gar zu töten: Unter palästinensischen Hardlinern hat das für Kritik gesorgt.

Die Freilassung Schalits verschafft Israels Regierung Auftrieb: Die Heimkehr des Soldaten dürfte die zuletzt miserablen Umfragewerte von Ministerpräsident Netanjahu verbessern. In dem von schweren Sozialprotesten erschütterten Land kommt die Botschaft, dass der Staat für einen Einzelnen enorme Opfer bringt, bei den meisten Bürgern gut an.

Dennoch mischt sich Verbitterung in den Freudentaumel, der das Land erfasst hat: Die Familien der Opfer palästinensischer Terroristen hatten sich bis zuletzt gegen den Austausch gesträubt.

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insgesamt 43 Beiträge
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    Seite 1    
1. Medienspektakel...
karsten112 18.10.2011
Zitat von sysopEin gigantisches Medienspektakel begleitet die Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Schalit aus der Gefangenschaft.*"Ich habe euch euer Kind zurückgebracht", verkündet Premier Netanjahu pathetisch, das ganze Land nimmt Anteil am Schicksal der Familie. Doch der Erfolg hat Schattenseiten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,792456,00.html
Und SPON mittendrin... Wen interessiert der Mist eigentlich ?
2. Dieser "Mist"...
gralsritter 18.10.2011
Zitat von karsten112Wen interessiert der Mist eigentlich ?
Dieser "Mist" interessiert vermutlich jene, die nicht abgestumpft oder ideologisch verbrämt genug sind, sich vorzustellen, als wehrpflichtiger Teenager von einer Terrororganisation als Geisel genommen und fünf Jahre lang an eine unbekannten Ort in einem unterirdischen Kerker eingesperrt zu werden. Was haben Sie denn so zwischen dem 19. und 24. Lebensjahr gemacht, Karsten?
3. ...
sploosh 18.10.2011
also der in China umfallende Reissack ist interessanter
4. dieser "Mist"
jeansprisoner 18.10.2011
G. Shali war in der Tat Soldat. Als er auf israelischer Seite der Gaza-Grenze durch eine Überfall gekidnappt worden war, war es doch in meinen Augen eine andere Qualität als das Töten von Zivilisten. Was diese Sache so eklig macht, ist, dass die HAMAS nimandem, auch dem Roten Kreuz, nie erlaubt hat, den "Kriegsgefangenen" zu besuchen. Man wusste somit zu keiner Zeit, wie es ihm ging und ob er am Leben war. Die von Israel nun getauschten Gefangen waren durchwegs an terroristischen Anschlägen direkt oder indirekt beteiligt. Während der gesamten Zeit konnten sie studieren, Diplome erwerben und Besucher erhalten. Sie waren keine politischen Gefangenen. Ich bin froh, das Gilat nun frei ist. Ich möchte nicht wissen, wie er sein Posttrauma verarbeitet.
5. Alles Gute...
BarackAttack 18.10.2011
...an Gilad Schalit und seine Familie! Schön, dass er freigekommen ist! :-)
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