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13. März 2018, 18:37 Uhr

Neue CIA-Chefin Gina Haspel

Phantom mit dunkler Vergangenheit

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Gina Haspel hielt sich lange im Hintergrund und scheute die Öffentlichkeit - nun soll sie den wohl bekanntesten Geheimdienst der Welt leiten. Gegen die neue CIA-Chefin gibt es massive Foltervorwürfe.

Viele Jahre arbeitete Gina Haspel für geheime CIA-Einrichtungen im Verborgenen, nun rückt sie plötzlich ins Rampenlicht. Die 61-Jährige soll künftig als Direktorin den amerikanischen Auslandsgeheimdienst leiten - und damit den bisherigen CIA-Chef Mike Pompeo ersetzen.

US-Präsident Donald Trump hat Politikhardliner Pompeo nach dem überraschenden Rauswurf von Rex Tillerson für das Amt des Außenministers vorgesehen. Vorausgesetzt, der Senat stimmt der Personalrochade zu.

Die Nominierung von Haspel sei ein "historischer Meilenstein", sagte Trump bei der Verkündung der Personalie. Denn die bisherige Stellvertreterin steige als erste Frau an die Spitze der CIA auf. Trotzdem dürfte sie selbst in den USA vielen Menschen unbekannt sein. Gina Cheri Haspel, so ihr vollständiger Name, ist wie ein Phantom. Es existieren nur wenige Bilder von ihr, Informationen über ihr Privatleben gelangen kaum an die Öffentlichkeit.

Weitaus mehr ist dagegen über ihre Arbeit im Dienst der CIA bekannt. Details rückten im Zuge der Ernennung zur Vizedirektorin im Februar 2017 ins Zentrum des medialen Interesses - und dürften auch nun wieder für Diskussionen sorgen. Denn Akten und amerikanische Medienberichte zeigen: Haspel war für ein Geheimgefängnis verantwortlich, in dem Terrorverdächtige während der Befragungen gefoltert wurden.

Chefin aller Geheimoperationen

Seit 1985 arbeitet Haspel für die CIA, jahrelang war sie dabei für geheime Operationen zuständig, leitete Stationen des Geheimdienstes in London und New York, wie "New York Times" und "Zeit" berichten. Dann stieg sie zur Chefin für alle Geheimoperationen auf. Durch ihre Positionen war sie damit direkt in das "extraordinary rendition program" involviert, mit dem unter anderem Terrorverdächtige in andere Länder gebracht wurden, um sie dort an geheimen Orten zu foltern und zu verhören.

In Thailand leitete Haspel ab Oktober 2002 das Geheimgefängnis "Cat's Eye" nahe Bangkok. Nach US-Medienberichten fanden dort brutale Verhöre von Terrorverdächtigen statt.

In der Einrichtung saß unter anderem auch Abu Zubaydah ein. Dieser galt damals als Amerikas 9/11-Häftling Nummer eins. Über Wochen musste er Verhörmethoden wie Waterboarding ertragen. US-Medien hatten zunächst berichtet, dass Haspel auch in diese Verhöre mit involviert gewesen sei. Wie sich nun herausstellte, übernahm Haspel aber erst später das Gefängnis, da waren die Verhöre von Zubaydah bereits eingestellt.

In ihre Zeit als Verantwortliche fällt laut "New York Times" aber das Verhör von Abd al-Rahim al-Nashiri - inwiefern sie an den brutalen Befragungen beteiligt war, ist aber unklar.

Insgesamt sollen 119 Terrorhäftlingen an geheime Orte in Afghanistan, Irak, Polen, Litauen und Rumänien verschleppt worden sein.

Einige Verhöre wurden per Video aufgezeichnet - es soll Haspel gewesen sein, die später anordnete, Aufnahmen zu zerstören, schreiben US-Medien. Ihr Name taucht demnach auf der Weisung auf.

Taten ohne Folgen

Verschärfte Verhörmethoden wie das Waterboarding von Terrorverdächtigen wurden nach dem 11. September 2001 von der Regierung George W. Bush unterstützt und vom Justizministerium für rechtmäßig befunden. Heute gelten sie als illegal. Aber Präsident Barack Obama sah davon ab, beteiligte CIA-Mitarbeiter für ihre Taten zur Rechenschaft zu ziehen.

Auch die deutsche Justiz beschäftigt sich mit der Akte Haspel: Beim Generalbundesanwalt liegt seit 2014 eine Anzeige wegen der Folterprogramme gegen sie vor. Eingereicht von Menschenrechtsanwälten des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) aus Berlin. Seitdem läuft ein Prüfverfahren, offizielle Ermittlungen gibt es nicht.

Unter Kollegen gilt Haspel laut US-Medien als anerkannt. Auch der vom früheren Präsidenten Obama ernannte Geheimdienstkoordinator James Clapper lobte sie bei der Nominierung zur Vizedirektorin. Kritik äußerten hingegen Demokraten und Bürgerrechtsorganisationen. Sie zweifelten ihre Eignung aufgrund der Beteiligung an Folter öffentlich massiv an.

Im Gegensatz zu ihrem bisherigen Chef Mike Pompeo: Der betonte mehrfach, dass etwa Waterboarding für ihn keine Foltermethode sei. Eine Einschätzung, die die neue CIA-Direktorin mit ihrem Vorgänger somit teilen dürfte.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass Gina Haspel Verhöre des Terrorverdächtigen Abu Zubaydah beaufsichtigte. Das hatten mehrere US-Medien berichtet. Inzwischen wurde diese Aussage zurückgenommen und korrigiert. Wir haben die entsprechenden Textpassagen geändert.

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