Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gipfel in Crawford: "Bush vom Mars, Scharon von der Venus"

Von Annette Großbongardt, Jerusalem

Die Zeit der Selbstverständlichkeiten ist vorbei. Der Farmer-Gipfel im texanischen Crawford von George W. Bush und Ariel Scharon hat bewiesen: Die israelische Regierung kann nicht mehr auf grenzenlose Toleranz Washingtons setzen. Der Abzug der Siedler aus Gaza ist aus Bushs Sicht nur der Anfang, danach geht es um das Westjordanland.

Bush (r.) mit Gast Scharon: Männerfreundschaft in der Krise
AP

Bush (r.) mit Gast Scharon: Männerfreundschaft in der Krise

Jerusalem - Eigentlich war es für Ariel Scharon, der von sich selber sagt, er sei eher ein Farmer als ein Politiker, ein Traumbesuch. Die Ehre, auf die Ranch des amerikanischen Präsidenten eingeladen zu werden, wird nur ausgewählten Gästen zuteil, die als strategisch wichtige Partner des Weißen Hauses gelten. Es ist eine friedliche, grüne Welt in Crawford, Texas, zwischen Schafen, Truthähnen, Baumwoll- und Weizenfeldern.

"Ich weiß, wie sehr du das Land liebst, Arik", sagte Bush, und fuhr seinen Freund eigenhändig mit einem Pick-up über die holprigen Wege. Die mitreisenden israelischen Reporter waren beeindruckt von der Schönheit des sechs Quadratkilometer großen Anwesens, bemerkten aber auch, Scharons eigene Farm in der israelischen Negev-Wüste sei "etwa gleich groß".

Dass Scharon als Ehrengast in Crawford auf eine Stufe gestellt wird mit dem engsten Bush-Allliierten Tony Blair und dem mächtigen russischen Präsidenten Wladimir Putin ist die Anerkennung des US-Staatschefs für die Bereitschaft Scharons, aus dem Gaza-Streifen abzuziehen und damit fast 38 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg erstmals Siedlungen aufzulösen und die Besatzung zumindest in Teilen rückgängig zu machen. In Crawford lobte Bush seinen israelischen Gast besonders für seinen "Mut" zu diesem Schritt und bescheinigte ihm "starke visionäre Führungskraft". Natürlich ist einer wie Bush beeindruckt davon, wie Scharon seinen Plan gegen den massiven Widerstand seiner eigenen Partei sowie der früher von ihm so gehätschelten Siedler durchzieht und sich auch von den Morddrohungen der Rechtsextremisten nicht abschrecken lässt. Zum Dank servierte Bush in Crawford Kekse mit dem Emblem der israelischen Flagge im Zuckerguss.

Der US-Präsident beschwor erneut die Freundschaft zu Scharon. Von Anfang an habe er an den israelischen Premier geglaubt, ihn als "Mann des Friedens gesehen, der sein Wort hält". Bush: "Das habe ich auch den Europäern gesagt, aber sie wollten mir nicht glauben, sie haben sich fast auf mich gestürzt." Schwang in dieser Indiskretion nicht auch ein klein wenig Bosheit mit? Und wie war etwa die Frage des Präsidenten zu verstehen, im launigen Plauderton beim Mittagessen geäußert, welche Freunde Israel eigentlich in der Welt habe? Die Tischrunde um Scharon antwortete mit Schweigen. "Na, dann nenne ich mal ein paar, half der Präsident nach: Was ist mit Japan? Der Türkei? Italien? Russland? Deutschland? Immerhin, Italien und Deutschland waren Treffer. Als Bush nach Nordkorea fragte, lachten alle befreit auf.

"Als hätten sie einen Besenstil verschluckt"

So war das öffentliche Schulterklopfen in Crawford mit einer leisen, aber klaren Mahnung verbunden: Mit Freunden kann man es sich auch verderben. Im Klartext heißt das: Israel darf vor allem beim Siedlungsbau nicht auf ein grenzenloses Verständnis aus Washington zählen. Die jüngste Veröffentlichung der israelischen Pläne, die bereits riesige Siedlerstadt Maale Adumim bei Jerusalem um nochmals über 3000 Wohneinheiten zu vergrößern, hat den Ärger des US-Präsidenten erregt. Bush ließ keinen Zweifel daran, dass er einen solchen Ausbau als Verstoß gegen die internationale Roadmap zum Frieden betrachtet. "Ich habe dem Premier meine Besorgnis darüber mitgeteilt, dass Israel keine Schritte unternimmt, die der Roadmap zuwiderlaufen oder die Endstatus-Verhandlungen vorwegnehmen", maßregelte Bush seinen Freund sogar vor der Presse. "Offener Konflikt zwischen Bush und Scharon", titelte die "Los Angeles Times". Die beiden hätten ausgesehen, "als hätten sie einen Besenstil verschluckt", beschrieb auch die israelische Presse die offensichtliche Trendwende in der bisher als echte Männerfreundschaft beschriebenen Beziehung zwischen den beiden Verbündeten.

Farmergipfel: Bush und Scharon auf der Ranch Crawford
AP

Farmergipfel: Bush und Scharon auf der Ranch Crawford

Zwar war Washington schon immer gegen den Siedlungsausbau - und dennoch konnte Israel immer ungehindert weiterbauen. Bisher konnte sich Israel darauf verlassen, dass den diplomatischen Protesten keine Taten folgten. Die dadurch entstandene Bevorzugung Israels gegenüber den Palästinensern ging sogar so weit, dass der US-Präsident seinem Anti-Terror-Kampfgefährten Scharon im letzten Jahr schriftlich versicherte, die jüdischen "Bevölkerungszentren" im besetzten Land seien inzwischen "Realitäten", an denen bei künftigen Verhandlungen keiner mehr vorbeikomme. In Israel wurde das als uneingeschränkte Garantie für den Erhalt eines Großteils der Siedlungen gewertet.

Jerusalem ging sogar so weit zu glauben, die Regierung habe grünes Licht, die bestehenden Siedlungen noch weiter auszubauen. Dass dies von Washington nicht akzeptiert wird, hat der Farmer-Gipfel in Crawford klargestellt. Auch was Größe und Zuschnitt der Gebiete mit großen Siedlungsblöcken betrifft, die bei einem endgültigen Abkommen zwischen Israel und den Palästinensern auf die israelische Seite geschlagen werden könnten, gehen die Positionen in Washington und Jerusalem auseinander. Bush hat deutlich gemacht, dass er meint, was er sagt, wenn er von einem "lebensfähigen Palästinenserstaat" mit zusammenhängendem und nicht von Siedlungen zerstückeltem Staatsgebiet spricht.

Bushs Geduld kann schnell zu Ende sein

Das Beunruhigendste der Botschaft von Crawford ist für Scharon das Signal, dass Bush längst über den Tag des Gaza-Abzugs hinaus denkt. Er will, dass der Friedensprozess danach wieder aktiv aufgenommen wird. Wie auch Europa will Amerika wissen, ob der Abzug danach weitergeht und inwieweit die viel umfassenderen Siedlungen im Westjordanland aufgelöst werden - darauf ist Scharon bis heute eine Antwort schuldig geblieben. Er weiß nun, dass er sich nicht auf der Gaza-Initiative ausruhen und Verhandlungen mit den Palästinensern um die Lösung der zentralen Konfliktfragen wie Grenzen und Jerusalem auf die lange Bank schieben kann. In Crawford scheiterte mit seinem Ansatz, zu dem Friedensplan erst zurückzukehren, wenn die Palästinenser die Terrororganisationen zerschlagen haben. Nach Berichten israelischer Medien stießen auch Scharons Klagen über den neuen Palästinenserchef Mahmud Abbas, der nicht gegen die Milizen durchgreife und auch sonst eher enttäusche, bei Bush auf taube Ohren.

Sogar beim Thema Hamas fanden die beiden Anti-Terror-Kämpfer diesmal offenbar keinen Konsens. Auf Scharons Warnung, die Beteiligung der Islamisten an den palästinensischen Wahlen bedeute eine Gefahr, bemerkte Bush trocken: "Sollten die Terrorgruppen nicht ermuntert werden, sich Wahlen zu stellen und sich so in politische Parteien zu verwandeln?" Offenbar hat sich nicht nur die bisher gute Chemie zwischen den beiden eingetrübt. Die linksliberale israelische Tageszeitung "Ha'aretz" spricht von grundlegenden Differenzen: "Bush kommt vom Mars, Scharon von der Venus."

Verwirrt bleiben die Palästinenser nach dem Besuch zurück. Zuerst lobten sie begeistert die Bush-Kritik am Ausbau von Siedlungen und sahen den Ball schon in ihr Feld rollen. Als dann Bush aber doch wieder von den "großen Bevölkerungszentren" der Siedler sprach, wandelte sich ihr Beifall wieder in Ärger und Misstrauen. Auch für die Palästinenser enthält Crawford eine Warnung: Die Geduld des US-Präsidenten kann ganz plötzlich zu Ende sein. Nach dem Gaza-Abzug will er auch von ihnen Fakten sehen: Die Entmachtung der Terrorgruppen, Ruhe und Ordnung in den Straßen, Reformen, funktionierende Behörden. Von einem scheint er jetzt schon genug zu haben: den ständigen wechselseitigen Schuldvorwürfen der beiden Seiten.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: