Aus New York berichtet Christoph Schult
Das Waldorf-Astoria-Hotel in New York hat eine Tradition für politisch heikle Gipfeltreffen. Am 14. März 1960 trafen sich hier der israelische Ministerpräsident David Ben-Gurion und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, fünf Jahre später nahmen die beiden Staaten diplomatische Beziehungen auf.
Am Dienstag kamen hier zwei Männer zusammen, die ähnliche Gräben überspringen müssen: Israels Premier Benjamin Netanjahu und der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas. Doch anders als damals, als zwischen Ben-Gurion und Adenauer so etwas wie eine Männerfreundschaft entstand, war das Treffen zwischen Netanjahu und Abbas frostig.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass die israelische Delegation als erste im Sitzungssaal aufschlägt. Israel hat großes Interesse, der Welt zu zeigen, dass es Abbas als Partner akzeptiert. Die Stimmung ist gelöst. Verteidigungsminister Ehud Barak und Außenminister Avigdor Lieberman stehen nebeneinander, witzeln ein bisschen, draußen im Vorzimmer wartet Netanjahu, winkt lächelnd den israelischen Journalisten zu - und wartet auf den Palästinenserpräsidenten.
Abbas hingegen wollte sich bis zuletzt nicht mit Netanjahu treffen. Erst müsse der Israel den Siedlungsbau im Westjordanland und Ost-Jerusalem einfrieren, lautete die Forderung aus Ramallah. Einen neunmonatigen Baustopp, aus dem Jerusalem ausgeklammert wäre, war Abbas nicht genug. Dies sei nicht der Beginn von Verhandlungen, ließ er vorher verkünden, doch dass dies angesichts des gemeinsamen Fotos in den Hintergrund treten würde, ahnte Abbas wohl bereits.
Lob und Tadel gleichermaßen verteilt
Augenscheinlich verteilte Obama in seiner kurzen Ansprache Lob und Tadel gleichermaßen. Er lobte die Palästinenser für ihre Fortschritte bei der Sicherheit, kritisierte aber auch die Kultur der Hetzreden gegen Israel. Die Israelis lobte der US-Präsident für den Abbau von Checkpoints in den besetzten Gebieten und für dafür, dass sie "wichtige Schritte unternommen hätten, die Siedlungsaktivitäten zu beschränken."
Keine Rede mehr von einem "vollständigen Baustopp", wie ihn die US-Regierung monatelang gefordert hatte. An den Gesichtern von Netanjahu und Abbas kann in diesen Minuten ablesen, wer hier als Sieger vom Platz geht. Der Israeli dreht sich Obama von Anfang an zu und lächelt. Abbas guckt geradeaus, als laufe hinter ihm eine Dauerwerbesendung.
Zum Schluss sollen sich Netanjahu und Abbas die Hand geben. Netanjahu streckt bereitwillig seine Rechte aus, Abbas zögert. Als er schließlich Netanjahus Hand ergreift, nickt er und macht ein Gesicht, als habe sein Arzt bei ihm gerade eine lebensgefährliche Krankheit diagnostiziert.
Jetzt steht Obama als zu nachgiebig gegenüber den Israelis da
Netanjahu hat sich als der bessere Stratege entpuppt. Obama dagegen hat sich verzettelt. Fing er hoffnungsvoll an, mit einer großen Rede in Kairo, wo Araber und Israelis gleichermaßen gescholten wurden, verlor er sich bald im Klein-Klein der Siedlungsfrage. Er hätte wissen müssen, dass Netanjahu mit seiner Mitte-Rechts-Koalition niemals einem vollständigen Siedlungsstopp zustimmen würde. Jetzt steht er, wie schon so viele US-Präsidenten vor ihm, als zu nachgiebig gegenüber den Israelis da.
Netanjahu akzeptierte in seiner Rede an der Tel Aviver Universität Bar-Ilan erstmals öffentlich einen palästinensischen Staat und bot sofortige Verhandlungen über ein Friedensabkommen an. Das brachte die Palästinenser in die Defensive. Zwei Jahre hatten sie mit Netanjahus Vorgänger Olmert verhandelt, obwohl der Siedlungsbau weiterging. An Netanjahu legten sie plötzlich andere Maßstäbe an, was politisch durchaus gerechtfertigt, taktisch aber unklug war.
Nach dem Gipfeltreffen sitzen Netanjahu, Barak und Lieberman nebeneinander im zwölften Stock des israelischen Konsulats in New York und demonstrieren Einigkeit. "Was unterscheidet Ihre Politik denn von denen Ihrer Sitznachbarn", fragt ein Journalist Netanjahu. "Wo stehen Sie?" "Ich sitze hier der Mitte", antwortet der Premier. "Und ich sitze links!", sagt Lieberman, der sich gern als rechter Hardliner geriert. "Das kommt darauf an, von wo man guckt", witzelt Barak. "Diese Einigkeit ist eine große Macht in den Verhandlungen", resümiert Netanjahu. "Das ist ein großer Erfolg."
Der einzige, der ein bisschen Kreide fressen muss, ist Lieberman. Der Außenminister hatte kürzlich gesagt, er halte Verhandlungen mit Abbas für sinnlos, weil der bestenfalls "die Hälfte der Palästinenser" vertrete; die andere werde von der islamistischen Hamas repräsentiert, die im Gaza-Streifen herrscht. Das Treffen unter der Schirmherrschaft Obamas sei "wichtig" gewesen, sagt Lieberman jetzt.
Und er erzählt, wie überrascht er gewesen sei, als der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat ihm auf Hebräisch zum jüdischen Neujahr gratuliert hat. "Ich wusste gar nicht, dass der so gut Hebräisch spricht."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Nahost-Konflikt | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH