Gipfel in Singapur Kim Jong Uns großer Moment

Der Gewinner des Gipfels zwischen Donald Trump und Kim Jong Un steht jetzt schon fest: Nordkoreas Diktator, der mit warmen Gesten empfangen wurde - und kaum aufhören konnte zu lächeln.

Kim Jong Un
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Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un kann offenbar selbst noch nicht ganz fassen, was ihm da in Singapur gelungen ist. Die Menschen vor den Fernsehern auf der ganzen Welt müssten das Gefühl haben, sie sähen einen Science-Fiction-Film, sagte er am Rande seines Treffens mit US-Präsident Donald Trump. Und tatsächlich wirkt es surreal: Die beiden Männer, die sich vor Monaten noch öffentlich beschimpft haben, lächeln gemeinsam in die Kameras.

Vor allem der Nordkoreaner kann seine Freude kaum verbergen. Über Jahrzehnte hatte sich das Kim-Regime einen solchen Moment gewünscht: Ein Treffen mit dem amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten. Bislang wurde ihnen das verwehrt - auf eine solch diplomatische Aufwertung eines menschenverachtenden Regimes wollte sich keine bisherige US-Regierung einlassen. Und dann kam Trump.

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Trump und Kim in Singapur: Ein bisschen Frieden

Ein ehemaliger Reality-TV-Star, der nun Kim, Sohn einer Schauspielerin, gegenübersteht - ausgerechnet noch auf der Insel Sentosa, die mit Vergnügungspark und Golfplätzen kaum künstlicher wirken könnte (hier erfahren Sie mehr über den Ort der Gespräche). Was dort aber im Capella Hotel besprochen wird, ist keine Show, es ist real - und hat ernst zu nehmende Auswirkungen.

Seit Monaten zeigt Kim fast nur noch eine Seite von sich: die freundliche, besonnene. Der Führer eines Regimes, das Menschen in Arbeitslagern foltert, öffentliche Exekutionen durchführt und in dem Teile der Bevölkerung großen Mangel leiden, wird als Krönung der Annäherungsgesten nun über einen roten Teppich geführt. Angst, auf die Menschenrechtsverletzungen angesprochen zu werden, muss er nicht haben. Das unangenehme Thema landete nicht auf der Agenda des Gipfels (mehr zu den Themen lesen Sie hier).

"Herr Kim, werden Sie Ihre Atomwaffen aufgeben?"

Aber auch zu dem eigentlichen Grund des Treffens, der Frage einer Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel, gab sich Kim bedeckt. Auf dem Weg zum Gespräch mit Trump antwortete er nicht auf Fragen von Reportern wie: "Werden Sie denuklearisieren?". Auch ein "Herr Kim, werden Sie Ihre Atomwaffen aufgeben?" ignorierte er. In einem gemeinsamen Papier verpflichtete er sich kurz darauf, sein Atommachtstreben aufzugeben - im Gegenzug zu Sicherheitsgarantien der USA.

Bekommen hat Kim bislang schon viel: Aufwertung, Bühne, hochrangige Gespräche. Wirklich geliefert hat er mit seiner schriftlichen Zusage aber noch nicht.

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Trump und Kim in Singapur: Die Gesichter des Gipfels

Trotzdem sendet Kim wichtige Signale nach Nordkorea: Wo Kameras zugelassen sind, dokumentieren die Medienvertreter aus seinem Land jede seiner Bewegungen. Am Ende wird Kim sein eigenes Narrativ des Gipfels präsentieren. Bislang dürfte für ihn aber ohnehin alles nach Plan gelaufen sein. Es sei ihm eine Ehre, Kim zu treffen, betonte Trump gleich mehrfach. Er sei ein "talentierter" Mann, der "sein Land sehr liebt".

Der freundliche Staatsmann, für den der US-Präsident um die halbe Welt fliegt - dieses Bild kann ihm nun nicht mehr genommen werden.

Aber das versucht in Singapur auch niemand. Nur ein paar Demonstranten stehen in der Nähe des Hotels und halten Plakate mit koreanischer Aufschrift hoch. Sie fordern, dass das nordkoreanische Regime Gefangene aus Südkorea freilassen solle. Auf den Nachrichtenseiten geht es aber vielmehr um das Menü, das den beiden Gipfelinitiatoren gereicht wird.

Und da entfaltet sich die ganze Surrealität dieses Treffens: Dem Diktator werden im mit Blumen geschmückten Saal Speisen aufgetischt, von deren Existenz viele seiner Untergebenen in der Heimat nicht einmal eine Vorstellung haben dürften.

Unwahrscheinlich aber, dass dies seinem Volk so dargestellt wird.

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
skylarkin 12.06.2018
1.
Das Treffen wird hier dermaßen schlecht gemacht, warum? Weil Trump beteiligt ist? Ja, Kim ist ein übler Diktator aber jede Vereinbarung, jedes Gespräch, und damit Hoffnung auf Veränderung sind besser als der bisherige Zustand. Wäre Obama so auf Kim zugegangen, man hätte ihn mit Loorbeeren überschüttet und ihn als weise und vorrausschauend bezeichnet.
gunpot 12.06.2018
2. Wer es noch nicht verstanden hat,
Menschenrechte haben zwar den höchsten Stellenwert, im Moment ist die weit größere nukleare Gefahr zu bannen. Dabei hat der nordkoreanische Diktator schon 3 US-Gafangene freigelassen. Schon vergessen. Hinsichtlich der japanischen Gefangenen muss eben noch gearbeitet werden. Hat Trump schon einmal die Missachtung der Menschenrechte in China angesprochen? Warum soll er das jetzt tun und den Nuklearkonsens gefährden, der der gesamten Menschheit zugute kommt? Übrigens habe ich wieder einmal einen großsprecherischen Trump erlebt: Der Nordkoreaner äußerte sich zwar auch positiv, aber bedeutend zurückhaltender und diplomatischer als das Trumpeltier.
toll_er 12.06.2018
3. Gewinner Kim?
Herrschaften, Kim hat da gewaltig an Sympathie abgeräumt, aber Trump hat jetzt dermaßen Rückenwind. Er wird sich doch in seiner bisherigen zum Teil irrationalen Politik nur bestätigt fühlen, so weitermachen und/oder die Daumenschrauben weiter anziehen. Und Europa wird zittern.
Valis 12.06.2018
4. Gut gemacht Trump!
Man kann von Trump halten was man möchte, aber in puncto Kore ist er weiter gekommen als jeder andere Präsident. Man sollte Nordkorea auch eine Chance gebe. Es kann für Nordkorea und für die Menschen dort nur gut sein wenn sie sich dem Westen wieder annähern. Das Treffen jetzt schlecht zu reden ist absurd!
elgar 12.06.2018
5.
Zitat von skylarkinDas Treffen wird hier dermaßen schlecht gemacht, warum? Weil Trump beteiligt ist? Ja, Kim ist ein übler Diktator aber jede Vereinbarung, jedes Gespräch, und damit Hoffnung auf Veränderung sind besser als der bisherige Zustand. Wäre Obama so auf Kim zugegangen, man hätte ihn mit Loorbeeren überschüttet und ihn als weise und vorrausschauend bezeichnet.
Ja, so ist es. Wir haben gelernt, dass ein Annäherungsprozess wie dieser Jahre braucht, um wirksam zu werden (s. Atomwaffenvereinbarung mit dem Iran). Hier kennen wir noch nicht einmal die Absichten beider Staaten, noch wissen wir den Wortlaut einer eventuellen Vereinbarung. Bis jetzt ist das alles nur Marketing / Pre Selling. Kim ist ein Diktator und Mörder übelster Sorte, Trump ein Schaumschläger und Dilettant. Es ist wohl verständlich, dass bei dieser KOnstellation Zweifel angebracht sind. Von vorausschauend kann bei Trump keine Rede sein, der hat von seinen Aktivitäten die Nase voll, sobald er meint, genügend Material für seine Jubler beeinander zu haben. Bis jetzt hat er noch kein Thema ausdauernd und konstruktiv verfolgt bzw. irgendwelche Verbesserungen erreicht, die die Bezeichnung wert sind. Die Show dient beiden und Kim reflektiert bestimmt auch auf materielle Vorteile, während Trump nur auf seinen Wählerscore guckt. Wir werden sehen, was daraus wird. Für begründeten Optimismus fehlen m. E. noch die Voraussetzungen.
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