Gipfel-Nachwehen Polnisches Magazin verhöhnt Merkel und Kaczynskis

Die deutsch-polnische Krise rund um den EU-Gipfel bewegt die Polen: Das Magazin "Wprost" zeigt die Kaczynski-Brüder und Kanzlerin Merkel in provokanter Pose. Die übrige Presse ist weniger plakativ - kritisiert aber auch die polnische Europastrategie.

Von Carolin Jenkner


Berlin/Warschau - Es ist nicht das erste Mal, dass das rechts-konservative polnische Wochenblatt "Wprost" mit einem Titelbild provoziert: Erika Steinbach, Chefin des Bundes der Vertriebenen, wurde in Nazi-Uniform als Domina abgebildet, auf dem Rücken von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Auf dem Titelbild zum Pipeline-Deal von Schröder und Präsident Wladimir Putin wurden die beiden Politiker mit Gasleitungen dargestellt - statt Händen. Jetzt hat es Kanzlerin Angela Merkel erwischt: "Stiefmutter Europas" steht über der Fotomontage, die die deutsche Bundeskanzlerin mit entblößten Brüsten zeigt, an denen je ein Kaczynski-Zwilling nuckelt. Der Untertitel: Deutschland war Anwalt Polens, jetzt ist es unser Staatsanwalt geworden.

Wochenmagazin "Wprost": "Stiefmutter Europas"
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Wochenmagazin "Wprost": "Stiefmutter Europas"

Ein Autor des Artikels ist Mariusz Muszynski, kein Geringerer als der Beauftragte des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Nach Kooperation klingt das, was er und die anderen Autoren schreiben, nicht gerade.

Die Vorbereitungen zum Gipfel und der Gipfel selbst haben dem Bericht gezeigt: Die Krise in den polnisch-deutschen Beziehungen sei nicht erst das Ergebnis des Machtwechsels in Warschau vor zwei Jahren. Unmittelbar vor dem Treffen in Brüssel hätten deutsche Medien und Politiker einen Frontalangriff auf Polen begonnen. Ziel sei es gewesen, die Polen zu kompromittieren und das Abstimmungssystem gar nicht erst auf die Agenda zu setzen.

Angela Merkel habe man auf dem Gipfel die Rolle der guten Polizistin zugedacht, während andere Politiker in der Diskussion über die deutsch-polnischen Beziehungen die bösen Polizisten gespielt hätten. Namentlich genannt werden in dem Artikel der Präsident des Europäischen Parlaments Hans-Gert Pöttering (CDU) und die beiden Europaabgeordneten Martin Schulz (SPD) und Silvana Koch-Mehrin (FDP). Im Büro des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski wollte man das Titelbild und den Artikel gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren.

Es gibt kein Europa ohne Polen, auch nicht ohne Deutschland

Die meisten anderen Zeitungen gehen mit der deutschen Ratspräsidentin weniger hart ins Gericht. Die Tageszeitung "Dziennik" schreibt sogar von Fehlern der polnischen Regierung. So sei die mangelnde Koordinierung zwischen den Sherpas, der Außenministerin und den Kaczynskis ein Fehler gewesen. Auch die Äußerung Jaroslaw Kaczynskis, man sollte die sechs Millionen polnischen Kriegsopfer gegen mehr Stimmen aufrechnen, kritisierte die Zeitung. Aber, so der Kommentator: "Die Deutschen haben mitgekriegt, dass es keine EU ohne Polen gibt und wir, dass es kein Europa ohne Deutschland gibt."

Premierminister Jaroslaw Kaczynski schlug in einem Interview mit der Tageszeitung "Dziennik" versöhnliche Töne an: "Ich wiederhole, wir haben nicht gegen die Deutschen gehandelt. Es ging uns nicht darum, ihre Position zu schwächen", sagte er der Zeitung. Er warb erneut um Anerkennung: "Wenn jemand zu Verhandlungen fährt und wirklich schlechte Karten hat, (...), und dann so gute Lösungen mitbringt, verdient er nur Applaus."

Die Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" applaudierte nicht, sondern kritisierte die Kaczynskis. Der Stil, in dem Präsident und Premierminister den Gipfel abgespielt hätten, habe die "Grenze des europäischen guten Geschmacks überschritten". Am Ende zähle aber das Ergebnis. "In einigen Jahren wird sich niemand mehr an die Drohung des Televetos erinnern", schreibt die Zeitung.

Nachwuchs für mehr Stimmen

Die polnische Ausgabe der "Newsweek" urteilt über das Verhalten der polnischen Regierung: "Unser Minderwertigkeitskomplex äußert sich dadurch, dass man Überheblichkeit und Empfindlichkeit in Situationen zeigt, die eigentlich gar keine Gefahr darstellen."

Derweil hat die Boulevardzeitung "Fakt" eine andere Lösung für die Zeit nach 2017 gefunden, wenn das Prinzip der Doppelten Mehrheit ohne Ausnahme in Kraft treten soll: "Die Politiker aller Parteien sollen jetzt das Familienmodell zwei plus sieben propagieren. Wir sind jetzt nur 38 Millionen, aber bis 2017 ist noch viel Zeit."

Mitarbeit: Marta Glowacka



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