Atomsicherheitsgipfel in Washington Kampf gegen die nukleare Gefahr

Weltweit nimmt die Sorge vor Terror mit radioaktivem Material oder gar Atomwaffen zu - in Washington beraten Staats- und Regierungschefs über Gegenmaßnahmen. Zwei wichtige Staaten nehmen aber gar nicht erst teil.

Pakistanischer Ra'ad-Marschflugkörper: Er ist in der Lage, atomare Sprengsätze zu transportieren
DPA

Pakistanischer Ra'ad-Marschflugkörper: Er ist in der Lage, atomare Sprengsätze zu transportieren

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Mit einem "Yes, we can" eroberte Barack Obama einst das Weiße Haus. Kurz darauf wollte der US-Präsident mit demselben optimistischen Satz die Atomwaffen hinwegfegen: "Manche behaupten, die Verbreitung dieser Waffen könne nicht gestoppt werden", sagte Obama in seiner inzwischen berühmten Prager Rede vom April 2009. "Ein solcher Fatalismus ist ein tödlicher Gegner." Eine direkte Folge der Ansprache war der Atomsicherheitsgipfel, der 2010 zum ersten Mal tagte.

Doch schlecht gesichertes Nuklearmaterial bereitet den Regierungen in der ganzen Welt nach wie vor Sorgen, wenn der Gipfel an diesem Donnerstag zum vierten - und voraussichtlich letzten - Mal stattfindet. Mehr als 50 Staaten sind der Einladung gefolgt, 35 sind mit ihren Staats- und Regierungschefs vertreten - darunter Frankreich, China und Großbritannien. Kanzlerin Angela Merkel nimmt allerdings nicht teil. Stattdessen kommt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nach Washington. Russland und Pakistan, zwei der wichtigsten Staaten in Fragen nuklearer Sicherheit, bleiben dem Treffen gleich ganz fern.

Das Ziel des Gipfels ist es, die weltweiten Bestände radioaktiven Materials zu verringern und so gut wie möglich zu sichern. Erstmals soll auch über Möglichkeiten gesprochen werden, auf Terrorattacken in Städten zu reagieren.

Angst vor Diebstahl von Nuklearmaterial

Nach Berichten der internationalen Atomenergieorganisation IAEA verschwindet jährlich etwa 100 Mal irgendwo auf der Welt radioaktiver Stoff. Es habe schon mehrere Fälle gegeben, in denen hochangereichertes Uran gestohlen worden sei, hieß es kürzlich in einem Report der Elite-Uni Harvard. Für eine "technisch fortschrittliche Terrorgruppe" sei es wahrscheinlich machbar, daraus eine Atombombe zu bauen. Das hätten zahlreiche Regierungsstudien bestätigt. Die größte Hürde für Extremisten sei es, an das notwendige Material heranzukommen.

Atomsicherheitsgipfel in Washington
AFP

Atomsicherheitsgipfel in Washington

Dass Islamisten starkes Interesse an Massenvernichtungswaffen haben, gilt als erwiesen. Wie groß die Gefahr eines Diebstahls ist, zeigt eine Studie der renommierten Washingtoner Nuclear Threat Initiative (NTI), die anlässlich des Atomgipfels erschienen. Demnach bestehen "bedeutende Lücken" in der Sicherung nuklearen Materials. Das gilt nicht nur für waffenfähiges Spaltmaterial - also hoch angereichertes Uran oder Plutonium -, sondern auch für strahlende Stoffe aus Medizin und Industrie. Sie taugen zur Herstellung einer sogenannten schmutzigen Bombe, eines herkömmlichen Sprengsatzes, der strahlendes Material verteilt. In "Zehntausenden Anlagen in mehr als 100 Ländern" befänden sich Zutaten dafür, sagt der ehemalige US-Senator und NTI-Geschäftsführer Sam Nunn. "Viele von ihnen sind schlecht gesichert und anfällig für Diebstahl."

Obamas stellvertretender Sicherheitsberater Ben Rhodes erklärte dagegen in einer Telefonkonferenz im Weißen Haus, es sei für Terroristen heute schwieriger denn je, an nukleares Material zu kommen. Tatsächlich kann sich der US-Präsident Erfolge bei der Reduzierung oder dem kompletten Abzug radioaktiven Materials in 14 Ländern wie der Ukraine oder Chile anrechnen. Seit 2009 wurden offiziellen Angaben zufolge 3,8 Tonnen Nuklearmaterial gesichert - ausreichend für 150 Atomwaffen.

Gefahrenherd Pakistan

Neben einem Diebstahl radioaktiven Materials besteht auch die Gefahr, dass Terroristen in den Besitz einer vollständigen Atomwaffe kommen könnten. Pakistan bereitet den Sicherheitsexperten in diesem Zusammenhang die größten Sorgen: Das politisch instabile Land besitzt das am schnellsten wachsende Atomwaffen-Arsenal der Welt. Religiöse Radikale innerhalb des Militärs, korrupte Beamte und an Atommaterial interessierte islamistische Terrorgruppen gelten dort als die größten Sicherheitsrisiken.

Außerdem plant die Regierung in Islamabad, zahlreiche kleinformatige taktische Nuklearwaffen an die Grenze zum Erzfeind Indien zu verlegen. Das würde das Risiko eines Atomkriegs zwischen Pakistan und Indien steigern, der nicht nur in der Region verheerende Folgen hätte, sondern weltweit viele Millionen Tote durch Hungersnöte fordern könnte.

Raketenpräsentation bei Militärparade in Pakistan
AFP

Raketenpräsentation bei Militärparade in Pakistan

Russland macht dem Westen ebenfalls Sorgen - die politische Eiszeit beeinträchtigt längst auch die Zusammenarbeit mit Moskau in Nuklearfragen. Die Russen kündigten schon im November 2014 an, den Atomgipfel 2016 zu boykottierten. Kurz darauf entschied der US-Kongress zum ersten Mal seit 25 Jahren, kein Geld mehr für die Sicherung nuklearer Materialien in der Russischen Föderation zu bewilligen. Wenige Tage später kündigten die Russen die Zusammenarbeit an fast allen Fronten der Nuklearsicherheit auf. Stattdessen modernisieren beide Seiten mit riesigem Aufwand ihre Atomwaffen.

Inzwischen droht der Kreml mal offen, mal indirekt mit seinem nuklearen Potenzial. Die USA modernisieren derweil mit enormem Aufwand ihr Atomarsenal - darunter in Deutschland stationierte Fliegerbomben, die dermaßen verstärkt werden, dass selbst westliche Experten von neuen Waffen sprechen. Schon droht Moskau mit Gegenmaßnahmen, um das "strategische Gleichgewicht" in Europa wiederherzustellen.

Mit Material von dpa


Zusammengefasst: Zwei Tage beraten mehr als 50 Staats- und Regierungschefs auf Einladung von US-Präsident Obama in Washington über nukleare Sicherheit. Es geht dabei nicht nur um eine atomwaffenfreie Welt, sondern auch um die Gefahr eines Missbrauchs von Nuklearmaterial durch Terroristen. Mit Russland und Pakistan fehlen jedoch zwei wichtige Staaten bei dem Gipfel.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Markus Becker ist Korrespondent in der Redaktionsvertretung Brüssel.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

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insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
leckermaul 31.03.2016
1. Man kann die Bestände nicht reduzieren
Keine chemische oder physikalische Prozedur vermindert Radioaktivität. Man kann den Sch*** besser oder schlechter verbuddeln. Man könnte ihn ins All schießen. Aber man kann die Bestände nicht reduzieren.
alexzapark 31.03.2016
2. Russen sind dem Forum fern geblieben
unter anderem, weil ihre Warnungen über die gefährliche Entwicklung auf Ukrainischen AKW`s ignoriert wurden.
spon-facebook-10000015195 31.03.2016
3. Da kann man froh sein
Wenn mal einer der obersten Diktatoren auf den falschen Knopf drückt, weil jemand sein Sandschäufelchen weggenommen hat und die Welt in einen nuklearen Winter stürzt, kann man froh sein, wenn einen diese Bomben direkt treffen und man sofort weg ist. Ich möchte ungern so eine Zeit mit erleben.
joG 31.03.2016
4. Kurz nach Ende des Kalten Kriegs....
....wurden die Folgen dieses Endes tiefgehen analysiert und in der Fachpresse offentlch diskutiert. Damals war offenkund, dass wir mit der aktuellen situation konfrontiert sein würden. Sogar die ungefähre Periodenlänge bis hier her wurde in etwa richtig bestimmt. Leider wurde auch dieses Thema in Deutschland weitgehend vor der Wählerschaft nicht ausgebreitet. Wer sich nur lokal informierte weiß darüber nicht viel und mag überrascht sein. Es gibt auch lösungen des Problems. Auch die wurden diskutiert. Aber im Artikel is der wesentlichen Teil des Problems unerwähnt und daher wird der Leser nie effective Lösungen nachvollziehen und womöich meinen in der EU Sicherheit finden zu können.
Moewi 31.03.2016
5.
Zitat von leckermaulKeine chemische oder physikalische Prozedur vermindert Radioaktivität. Man kann den Sch*** besser oder schlechter verbuddeln. Man könnte ihn ins All schießen. Aber man kann die Bestände nicht reduzieren.
Mit angereichertem Uran kann man Brennstäbe aufarbeiten und in der zivilen Energiegewinnung nutzen. Das wurde zB nach dem Ende der SU gemacht, weswegen es einige Jahre so gut wie keine Uranprospektion gab.
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