Gipfel in Peking Die wachsende Macht der Shanghai Six

Was ist das für eine undurchsichtige Allianz? In Peking tagt die Shanghaier Kooperationsorganisation - ein Bündnis aus China, Russland, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan. Westliche Beobachter sehen darin den Versuch, eine Gegenmacht zur Nato und den USA aufzubauen.

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Wladimir Putin und Hu Jintao: Treffen in Peking
AFP

Wladimir Putin und Hu Jintao: Treffen in Peking


Peking - Spätestens zum Ende 2014 wollen ausländische Truppen aus Afghanistan abziehen - doch was passiert dann mit diesem schwierigen Land am Hindukusch? Eine Antwort hat jetzt Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao gegeben: Wir Asiaten, so seine Botschaft, werden uns fortan stärker mit dem Problem befassen.

"Wir werden weiter regionale Angelegenheiten selbst regeln, sie gegen Turbulenzen von außerhalb schützen und eine größere Rolle in Afghanistans friedlichem Aufbau spielen", sagte Hu dem KP-Organ "Volkszeitung".

Anlass ist das zweitägige Gipfeltreffen der Shanghaier Kooperationsorganisation (SCO), das an diesem Mittwoch in Peking begonnen hat. Zum Auftakt rief Hu dazu auf, "die Kommunikation und Koordination in wichtigen globalen und regionalen Fragen zu verbessern, um die gemeinsame Sicherheit zu schützen".

Zu Gast in Peking ist auch Afghanistans Präsident Hamid Karzai, sein Land soll fortan einen Beobachterstatus bei der SCO erhalten. Er darf also bei allen Treffen dabei sein, aber nicht abstimmen.

Damit rückt eine mächtige und undurchsichtige Organisation in den Blickpunkt, deren Führer, wie einmal der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew erklärte, "die Hälfte der Menschheit repräsentieren". Mitglieder sind China, Russland, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan, zu den sogenannten Beobachtern gehören die Mongolei, Indien, Pakistan und Iran. Hinzu kommen "Dialogpartner", die unterschiedlicher nicht sein können, etwa Sri Lanka und Weißrussland. Auch die Türkei möchte in Zukunft näher an diesen Koloss heranrücken, der sich inzwischen vor allem in Zentralasien - von Europäern nahezu unbemerkt - zu einem Machtfaktor entwickelt hat: In der SCO leben mehr als 1,5 Milliarden Menschen, ihre Mitglieder besitzen schlagkräftige Armeen, die Regierenden, meist autoritäre Potentaten, sitzen auf einer Menge Rohstoffquellen. Es ist vor allem die einzige internationale Vereinigung, in der weder die USA noch einer ihrer Verbündeten Mitglied sind.

Kampf gegen die "drei Teufel"

Entstanden ist die Gruppe auf Initiative Chinas, ihr ursprünglicher Name erinnerte mehr an eine Jazzband als an eine wichtige außenpolitische Organisation: "Shanghai 5". Damals war Usbekistan noch nicht dabei.

Die Organisation will, wie es offiziell heißt, die "Zusammenarbeit" und das "Vertrauen" verstärken. Vor allem aber haben die Chinesen ein Ziel. Aus Sorge, Unabhängigkeitsbewegungen und Terroristen könnten die Stabilität Chinas schwächen, wollten sie gemeinsam mit den Nachbarn die sogenannten "drei Teufel" bekämpfen: Terrorismus, Extremismus und Separatismus. Auch den internationalen Drogenhandel will die SCO schwächen, weil sich Terrororganisationen ihre Kassen mit den Profiten aus dem Rauschgifthandel füllen. Um die Zusammenarbeit der Truppen zu verbessern, rasseln öfter Panzer durch die zentralasiatische Steppe und donnern Kampfbomber über sie hinweg.

Zu den sicherheitspolitischen Zielen sind mittlerweile handfeste wirtschaftliche Interessen gekommen: Die Partner wollen miteinander handeln, Straßen und Pipelines bauen, Öl- und Gasquellen erschließen. China strebt danach, neue Märkte in Zentralasien zu erobern.

Seidenstraßen-Strategie

Doch es geht, so vermuten westliche Beobachter, eigentlich um viel mehr: Das wahre Ziel sei es, die USA und die Nato aus Zentralasien herauszuhalten und die SCO zu einer schlagkräftigen Gegenmacht zu entwickeln. Fachleute nennen dies die "Seidenstraßen-Strategie".

Peking streitet dieses Ziel ab. Womöglich sind die Partner zu unterschiedlich, sich auf eine gemeinsame außenpolitische Strategie zu einigen. Kasachstan flirtet mit der Nato, in Kirgisien sind trotz aller Kritik aus Moskau und Peking nach wie vor amerikanische Truppen stationiert, in Termes in Usbekistan hat die Bundeswehr einen Stützpunkt.

Mit Russland und China treffen zwei Partner aufeinander, die nicht nur Freunde und Geschäftspartner sind, wie beide jetzt während des Staatsbesuchs von Präsident Wladimir Putin in Peking versicherten. Sie sind auch strategische Rivalen. Moskau möchte zum Beispiel verhindern, dass Chinas Einfluss auf Sibirien zu stark wird.

Menschenrechtsorganisationen machen sich derweil Sorgen über das Geschehen in der SCO, die in der Mehrzahl von autokratischen Politikern regiert wird. Mit der SCO-Doktrin der "drei Teufel" haben sie sich eine Rechtfertigung geschaffen, nicht nur Unabhängigkeits-, sondern auch Demokratiebewegungen zu unterdrücken, lautet die Kritik.

Nun soll die SCO nach dem Willen Pekings eine stärkere außenpolitische Rolle spielen als bisher. Ein Anfang macht Afghanistan - in das China schon Milliarden Dollar investiert hat.

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insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
frubi 06.06.2012
1. .
Zitat von sysopAFPWas ist das für eine undurchsichtige Allianz? In Peking tagt die Shanghaier Kooperationsorganisation - ein Bündnis aus China, Russland, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan. Westliche Beobachter sehen darin den Versuch, eine Gegenmacht zur Nato und den USA aufzubauen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837249,00.html
Wäre eine coole Sache und für uns in Deutschland wäre es an der Zeit, sich auf eine Rolle als neutrale Nation im 21 Jahrhundert vorzubereiten und nicht andauernd an Amerikas Waden zu kleben. Das seinen Einfluss in der Welt weiter ausbaut, kann einen wirklich nicht verwundern. Es wird zwar immer über Tibet gemeckert und die vielen innerstaatlichen Menschenrechtsverletzungen sollte man durchaus kritisieren aber wenigstens marschieren die nicht in andere Länder ein und versursachen dort Chaos.
Manfred-M 06.06.2012
2. Iran
Die Iraner versuchen ebenso zentralasiatisch immer mehr mitzumischen. Zuerst machte sich das durch eine Kulturoffensive anläßlich des alten regionalen Nowruz-Festes bemerkbar, das die Islamische Republik auch gemeinsam mit seinen zentralasiatischen Nachbarn feierte. Wenn die Iraner sich geschickt anstellen und mächtig genug sind die USA auszuspielen, haben sie zwei Optionen: 1. Sie treten der Shanghaier Organisation bei. 2. und das hätten die Iraner (und auch die Afghanen) vermutlich noch lieber: Sie bauen die bestehende ECO aus. Mehr dazu: http://irananders.de/home/news/article/-e5145e6aac.html
Jonny_C 06.06.2012
3. Naja...
Zitat von frubiWäre eine coole Sache und für uns in Deutschland wäre es an der Zeit, sich auf eine Rolle als neutrale Nation im 21 Jahrhundert vorzubereiten und nicht andauernd an Amerikas Waden zu kleben. Das seinen Einfluss in der Welt weiter ausbaut, kann einen wirklich nicht verwundern. Es wird zwar immer über Tibet gemeckert und die vielen innerstaatlichen Menschenrechtsverletzungen sollte man durchaus kritisieren aber wenigstens marschieren die nicht in andere Länder ein und versursachen dort Chaos.
...wie man es nimmt. China ist in Tibet einmarschiert und hat es dauerhaft besetzt. Russland (die alte Sowjetunion) ist in Afgahnistan einmarschiert und hat beim Abzug ein Chaos hinterlassen, das dann zu 9/11 geführt hat, dann erst sind USA & Partner gekommen..... Ihren anderen Argumenten stimme ich zu. Damit Deutschland aber eine "große Schweiz" werden könnte, ohne Euro, ohne EU, ohne Nato müssten wir aber kräftig aufrüsten. Was (mich persönlich) an den Shanghai Six stört, ist die völlige Abwesentheit von Demokratie, oder demokratie Bemühungen.
_meinemeinung 06.06.2012
4. undurchsichtig?
Zitat von sysopAFPWas ist das für eine undurchsichtige Allianz? In Peking tagt die Shanghaier Kooperationsorganisation - ein Bündnis aus China, Russland, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan. Westliche Beobachter sehen darin den Versuch, eine Gegenmacht zur Nato und den USA aufzubauen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,837249,00.html
Da ist gar nichts undurchsichtig. Im Gegenteil, das ist sehr durchsichtig. Anstatt in unserem eigenen (Dünkel-) Saft zu schmoren sollten wir mal geostrategisch nachdenken und ggf. die erforderlichen Schlußfolgerungen in Bezug auf unsere außen- und wirtschaftsplitische Orientierung ziehen. Außerden sollte das ewige schulmeisterhafte Geplapper von irgenwelchen anonymen "Menschenrechtsgruppen" oder "Westlichen Beobachtern" oder sonstigen anonymisierten Labertaschen unterbleiben. D sollte sich daran gewöhnen, dass wir - und ganz Europa - bereits jetzt nur noch Nebenschauplatz der Weltgeschichte sind und zukünftig höchstens noch das Freilichtmuseum der Welt sein werden.
barzussek 06.06.2012
5. So wird ein Schuh daraus
Schröder hatte den Weitblick und hatte sich klug verhalten um mit Russland zu kooperieren,aber die Konservativen sind noch immer Amerika hörig obwohl von dort nichts Gutes zu erwarten ist.Nato und die Amerikaner bauen den ehemaligen Ostblock Raketen vor die Tür und fachen so wieder einen kalten Krieg 2 an um der Rüstung Lobby und den Pentagon Strategen für ihre Weltbeherrschung Strategie Futter zu geben
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