Gipfeltreffen in Johannesburg: Kofi Annan verlangt Offensive

Von Holger Kulick, Johannesburg

Uno-Generalsekretär Annan hat heute Morgen die in Johannesburg versammelten 109 Staats- und Regierungschefs mit einer eindringlichen Mahnung begrüßt. Er warnte vor einer Sackgasse, in die sich die Weltgemeinschaft bewege, wenn sie Armut und Umweltverschmutzung weiterhin missachte.

Uno-Generalsekretär Kofi Annan begrüßte die 109 Staats- und Regierungschefs in Johannesburg
AP

Uno-Generalsekretär Kofi Annan begrüßte die 109 Staats- und Regierungschefs in Johannesburg

Johannesburg - "Wir müssen uns einer unangenehmen Wahrheit stellen", mahnte der Uno-Generalsekretär zum Auftakt des eigentlichen Gipfeltreffens von Johannesburg. "Das Entwicklungsmodell, das wir bisher verfolgt haben, war nur für wenige fruchtbar und für viele verkehrt." Der Weg, der die Menschen zu Wohlstand führe, "aber dabei die Umwelt ruiniert sowie eine Mehrheit der Menschheit in Elend zurücklässt, wird sich schon bald als Sackgasse für jeden von uns erweisen", warnte Annan.

In seiner Begrüßungsrede machte der Uno-Generalsekretär keinen Hehl aus seiner Enttäuschung darüber, dass der Mammutgipfel bislang weniger handfeste Maßnahmen beschlossen hat als erwartet. Eigentlich sollten alle Ziele des Erdgipfels von Rio 1992 in konkrete Programme und Zeitpläne gegossen werden - unter dem Motto "make it happen". Aber beim so genannten Wording, dem Feilschen der Delegierten um jedes einzelne Wort sind zu viele windelweiche Formulierungen herausgekommen, beklagen bislang alle namhaften Nichtregierungsorganisationen.

Warnung vor Tatenlosigkeit

Auch Kofi Annan schlug in diese Kerbe. Die "Schönfärberei des Zustands der Welt" müsse genauso aufhören wie "das Gejammer, dass das Bewahren der Natur viel zu teuer sei", rechnete er vor. "Denn wir wissen, dass die Kosten, jetzt nicht zu handeln, um ein Vielfaches höher liegen werden, als die, jetzt etwas zu tun." Dabei erinnerte Annan an die 13 Millionen Menschen in Afrika, die derzeit vom Hungertod bedroht sind. Sie seien bereits Mahnung genug.

Direkt griff Annan die im weltweiten Umwelt- und Entwicklungsprozess zaudernden Regierungschefs an: "Lassen Sie uns aufhören, ökonomisch defensiv zu sein und zeigen Sie stattdessen politischen Mut!" Von den Regierungen sei jetzt Aktion gefragt, betonte Annan und forderte die reichsten Länder dabei auf, "den Weg aufzuzeigen, denn Sie haben als Grundlage den Wohlstand und die Technologie". Das Ziel sei "Verantwortung füreinander".

Big-Brother-Konkurrenz in Südafrika

Schon gestern Abend war ein Sonderflugzeug nach dem anderen mit den rund hundert Staats- und Regierungschefs auf dem Flughafen von Johannesburg gelandet. Seit heute Morgen um 7.30 Uhr begrüßt der Uno-Generalsekretär jeden Staatschef einzeln beim Betreten des Gipfel-Konferenzgebäudes. Das gesamte Territorium um das Gebäude im Johannesburger Geschäftszentrum Sandton steht derzeit unter Uno-Hoheit und ist hermetisch abgeriegelt. Noch in der Nacht, als die Umweltminister der Welt über letzte Kompromissformeln in der Energiefrage rangen, durchkämmten Hundestaffeln mehrfach das Gebäude, um nach Sprengstoff zu fahnden.

Denn die Sorge, dass der bislang größte Weltgipfel der Uno in Misskredit kommen könnte, ist groß. Vom Erfolg in Johannesburg ist auch abhängig, ob die Uno-Strategie aufgeht, mit solchen Konferenzen die Weltgemeinschaft Schritt für Schritt dem Ziel näher zu bringen, tatsächlich als "Global village" zu handeln, indem alle Mitbewohner Verantwortung füreinander tragen..

Treffen in 18 Kabinen

Das Logo des Uno-Weltgipfels von Johannesburg

Das Logo des Uno-Weltgipfels von Johannesburg

Der Auftaktveranstaltung im fünften Stock des "Convention Centers" folgen bilaterale Treffen der Regierungschefs, die eine Etage tiefer in 18 vollkommen gleich gestalteten und aneinander gereihten Kojen stattfinden. Dabei wird Bundeskanzler Schröder, der heute als einer der letzten Regierungschefs in Johannesburg eintraf, unter anderem mit Brasiliens Präsident Cardoso zusammentreffen, um über gemeinsame Projekte zur Förderung erneuerbarer Energien zu beraten.

Der Hintergrund: Beide Delegationen hatten sich zunächst an den Unterhändlern der USA und den von den OPEC-Staaten stark beeinflussten Entwicklungsländern die Zähne ausgebissen, für die Abschlusserklärung eine feste Vereinbarung über den Anteil erneuerbarer Energie am globalen Energieverbrauch der Zukunft zu treffen.

Gerhard Schröder ist nach Kofi Annan der siebte Redner des heutigen Tages, 41 weitere Fünf-Minuten-Statements werden folgen. Ferner sind vier Rundtischgespräche mit den Staatschefs zu Fragen der Nachhaltigkeit, also zu langfristig vorsorgender Politik, die keinen Raubbau betreibt, geplant.

50 weitere Einzelreden sind am Dienstag und 29 zum voraussichtlichen Abschluss am Mittwoch geplant. Dann wird auch Außenminister Colin Powell als Vertreter der USA auftreten. US-Präsident George W. Bush hatte unter starkem Einfluss der Energielobby der Vereinigten Staaten auf eine Reise nach Johannesburg verzichtet.

Lob für Nichtregierungsorganisationen und Afrika

Zu zwei weiteren Anlässen will Annan heute noch das Wort ergreifen. Am frühen Nachmittag trifft er mit NGOs und einigen der 5000 freiwilligen Helfer aus Afrika zusammen, die derzeit im unübersichtlichen Johannesburg für Besucher Gipfellotsen spielen. "Arise and act" sei ihr lobenswertes Motto. Dabei will Annan auch die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ausdrücklich loben. Mit ihnen habe die Zivilgesellschaft etwas wie eine Revolution zu Stande gebracht, um die internationale Gemeinschaft zu stärken.

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