Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gipfeltreffen in Seoul: G20 ordnen Weltfinanzen ein bisschen neu

Aus Seoul berichtet

Schärfere Risiko-Vorschriften für Banken, die Reform des IWF und ein Etappensieg im Handelsstreit - nach dem scharfen Schlagabtausch vor dem Start ist Angela Merkel mit dem Ergebnis des G-20-Treffens zufrieden. Doch Gerüchte aus der Heimat trüben ihre Gipfellaune.

G-20-Gipfel: Versöhnungsversuch in Seoul Fotos
REUTERS

Die Kanzlerin ist schwer genervt. Schon beim Frühstück hat sie sich massiv geärgert, nun steht Angela Merkel neben ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble am Freitagvormittag (Ortszeit) in einem ungemütlichen, provisorischen Presseraum im Coex-Konferenzzentrum von Seoul. Und statt allein über den aus ihrer Sicht erfolgreichen G-20-Gipfel zu sprechen, wollen die deutschen Journalisten auch noch etwas zu den neuesten Gerüchten aus der Heimat hören: Will sie das Kabinett umbilden? Sind Schäubles Tage gezählt?

Merkel deutet zum Minister zu ihrer Rechten, sagt, man sei hier in "trautem Einvernehmen", die Geschichte sei "frei erfunden", grummelt sie. Schäuble blickt ernst zu ihr herauf und schweigt.

Den Grund für das schroffe Dementi trägt ein paar Meter neben den beiden Schäubles Sprecher Bertrand Benoit unter dem Arm: Auf einer Kopie des "Handelsblatt"-Aufmachers vom Freitag ist da die Schlagzeile zu lesen: "Merkel plant Befreiungsschlag." Daneben prangt ein Bild des Finanzministers. Das Kleingedruckte verrät angeblich exklusive Neuigkeiten: Merkel wolle Schäuble loswerden, und zwar sehr bald.

Die Spekulationen über die Zukunft ihres gerade erst aus der Rehabilitation zurückgekehrten Ministers sind ja nicht neu, aber gerade jetzt kann Merkel sie überhaupt nicht gebrauchen. Nicht so kurz vor dem wichtigen CDU-Parteitag am Montag und Dienstag in Karlsruhe. Nicht, während sie gemeinsam mit ihrem wichtigsten Kabinettsmitglied auf Auslandsreise ist.

Nicht, wo sie das Treffen der 20 wichtigsten Staats- und Regierungschefs auch als ihren ganz persönlichen Erfolg verkaufen kann.

Tatsächlich kann die Kanzlerin zufrieden sein mit den Ergebnissen des Gipfels von Seoul. Im Streit mit den USA über den Umgang mit globalen Handelsungleichgewichten hat sie einen Etappensieg errungen. Die amerikanische Forderung nach einer Exportbremse für Staaten mit großen Handelsüberschüssen - im Visier hatte Washington dabei vor allem Deutschland und China - sind einstweilen vom Tisch.

"Mühselige und auch schwierige Verhandlungen"

Im Abschlusskommuniqué wird es keine konkreten Zahlen dazu geben, wohl aber die Festlegung, dass in die Diskussion über Leistungsbilanzungleichgewichte mehrere Faktoren miteinbezogen werden sollen. "Wir haben uns geeinigt, dass wir nachhaltiges Wachstum und auch Ungleichgewichte nicht etwa an einem Indikator festmachen, sondern dass es dafür eine Vielzahl von Merkmalen braucht", sagte Merkel am Freitag. Sie verwies auf den Internationalen Währungsfonds (IWF), der in diesem Zusammenhang gute Vorschläge gemacht habe, "wie man so etwas messen kann". Dazu gebe es "Einvernehmen", sagte die Kanzlerin.

Trotzdem ist der Streit über den Umgang mit den globalen Ungleichgewichten damit nur vertagt. Denn in der Abschlusserklärung ist kein Katalog mit Indikatoren wie etwa das Ausmaß staatlicher Subventionen, protektionistische Tendenzen oder demografische Entwicklungen enthalten. Stattdessen müssen nun die Finanzminister ran: Sie sollen beim nächsten G-20-Gipfel im kommenden Jahr in Frankreich Ergebnisse präsentieren. Neue Konflikte sind also nicht ausgeschlossen.

Merkel sprach von "mühseligen und auch schwierigen" Verhandlungen. Bis in die frühen Morgenstunden hatten zuvor die Chef-Unterhändler an den Formulierungen gefeilt. Doch auch am Freitagvormittag waren noch nicht alle Klammern beseitigt, mit denen nicht einvernehmliche Stellen im Text gekennzeichnet werden.

Obama gehört zu den Verlierern des G-20-Gipfels

Dennoch habe sich "unterm Strich" gezeigt, "dass der Gemeinschaftsgeist siegt", stellte die Kanzlerin zufrieden fest. Die "Bemühungen um Kooperation unter den 20 wichtigsten Industrienationen" hätten sich durchgesetzt. Es war nach dem kleinen Friedensgipfel am Tag zuvor mit US-Präsident Barack Obama noch einmal eine kleine Spitze in Richtung der Amerikaner, deren aggressiver Ton im Vorfeld des Gipfels für Spannungen gesorgt hatte. Nun gehört Obama zu den Verlierern des Gipfels.

Angesichts des heftigen Schlagabtauschs über Handelsüberschüsse und -defizite und vermeintliche Währungsmanipulationen waren die wenigen, zu erwartenden konkreten Ergebnisse des Zusammentreffens in den Hintergrund gerückt. Am Freitag aber konnten Merkel und Schäuble Vollzug bei zwei wichtigen Schlüsselreformen vermelden: Die G-20-Länder bringen sowohl die neuen Eigenkapitalregeln wie auch die Neuordnung des IWF einvernehmlich auf den Weg.

Die Krise ist vorbei. Und jetzt?

"Das ist zwar keine Überraschung, aber ein großer Erfolg", sagte Schäuble mit Blick auf die sogenannten Basel-III-Regeln, die Banken und andere große Finanzinstitute etwas mehr als zwei Jahre nach dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers auf eine schärfere Risikovorsorge verpflichten sollen. Durch höheres Eigenkapital der Banken soll verhindert werden, dass im Falle einer neuen Krise einmal mehr der Steuerzahler mit Milliardenbeträgen einstehen muss.

Auch für die geplante Reform des IWF gab es laut Merkel "keinerlei Kritik und nur Zuspruch". Boomende Wirtschaftsnationen wie China und Indien bekommen damit mehr Einfluss aber auch mehr Verantwortung in der wichtigsten internationalen Finanzinstitution.

Auch wenn die Beschlüsse zu Basel III und zur IWF-Reform erwartbar waren - zusammen mit dem Minimal-Kompromiss im Handelsstreit sorgen diese Fortschritte unter den Gipfelteilnehmern für eine gewisse Erleichterung. Nachdem die G20 in der Hochzeit der Krise ihre Handlungsfähigkeit und Entschlossenheit unter Beweis gestellt hatten, steht nun die eigentliche Bewährungsprobe bevor: Der Club der Mächtigen muss beweisen, dass er auch ohne den Blick in den Abgrund bereit ist, gemeinsam für ein nachhaltiges und gerecht verteiltes Wachstum zu sorgen. Die G20 brauchen also Erfolge.

Der erst einmal vertagte Handelsstreit hat aber gezeigt, dass mit zunehmender Erholung der Weltwirtschaft auch der Wille zur Zusammenarbeit nachlässt. "Wir kommen jetzt mit der G20 von der Phase der absoluten Krisenbewältigung in die Phase, was wird die G20 auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs sein, wenn die Krise vorbei ist", erklärte Merkel auf dem Gipfel - und deutete damit an, dass die Runde der Staatenlenker ihre neue Rolle noch nicht recht gefunden hat. Auf die französische G-20-Präsidentschaft, merkte Merkel an, komme 2011 jedenfalls ein wirklich hartes Stück Arbeit zu.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wohl ein Witz
rebelrat 12.11.2010
Nichts wurde erreicht - siehe die erneuten Commodities Blasen die im Moment wieder schoen hochspekuliert werden.
2. Na toll
elbröwer 12.11.2010
Da der Gipfel nicht gescheitert ist freuen wir uns alle. Merkwürdige Logik. Nichts erreicht, Zeit vergeudet den Koreanern das Buffet leer gefressen und nun ab in die Heimat und dem Volk die eigenen Verdienste vorprahlen. Wenn sie wenigstens dem Militärregime in Burma ihren Protest entgegen gehalten hätten.
3. Das ist ja wohl der Gipfel
Robinchen, 12.11.2010
Zitat von sysopSchärfere Risiko-Vorschriften für Banken, die Reform des IWF und ein Etappensieg im Handelsstreit - nach dem scharfen Schlagabtausch vor dem Start ist Angela Merkel mit dem Ergebnis des G-20-Treffens zufrieden. Doch Gerüchte aus der Heimat trüben ihre Gipfellaune. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,728702,00.html
Die Chinesen dieser Welt haben sich durchgesetzt. Die echten Chinesen und auch Europas Chinesen, also die Deutschen, dürfen die Welt auch dank der geringen Lohnstrukturen mit kostengünstigen Produkten fluten. Bezahlen sollen die anderen, allen voran die USA. Fraglich ist womit, zumal die Amerikaner jetzt auch noch artig versprochen haben, auf ihr einziges Gegenmittel zu verzichten, nämlich den Planeten mit frisch gedruckten Dollars zu überschwemmen. Also alles happy im Merkel-Land und in Shanghai? Wohl kaum. Wenn überhaupt, dürfte die Freude wohl nur von sehr kurzer Dauer sein. Die US-Amerikanischen Probleme sind riesengroß, fordern fast im Tagesrhythmus ihr Ventil und die Stimmung gleicht einem Pulverfass. Lange geht das nicht gut.
4. Super Sache
Besserwisser1970 12.11.2010
so ein G20-Gipfel. Man trifft sich zum Buffet und versteht sich danach wieder prächtig. Was ist dabei herausgekommen: Inder und Chinesen dürfen mehr im IWF mitspielen (war eh klar) und die Regierungschefs wissen nun, dass die Außenhandelsbilanz nicht der einzige Indikator ist, super! Angesichts der anstehenden Probleme also ein absoluter Oberwitz. Und was macht der Spiegel? Lese ich hier geballte Kritik? Ach so, gestern war ja noch fast Handelskrieg, heute alles wieder toll! Die einen versuchen über Ihre Notenbank und gedrucktes Geld per schleichender Inflation die Konjunktur anzukurbeln, die anderen über eine starke Exportökonomie unter inkaufnahme des Binnenmarktes ihre Wirtschaft zu kräftigen. Dazu sitzen Banken und Unternehmen auf einem Berg von billigem Geld und warten auf die nächste Blase, an der man sich bereichern und deren Verluste man dann später wieder sozialisieren kann. Und für Irland muss bald der EU-Rettungsschirm einspringen. Da wird es dann wieder mit dem Euro abwärts gehen. Und was wird dann die Journalie schreiben: Oh je, der Euro ist so weich.
5. so ist es
flower power 12.11.2010
Zitat von rebelratNichts wurde erreicht - siehe die erneuten Commodities Blasen die im Moment wieder schoen hochspekuliert werden.
Ich frage mich die ganzen Jahre : Welche Erfolge. Was wird da uns wieder vorgelogen. Bla bla aber keine genauen Fakten. Absichten, überprüfen, annehmen, ausarbeiten, sich der Sache annehmen, zustimmen, Vorschläge ausarbeiten, Wiedervorlage, Erklärungen...bla bla , nichts als heisse Luft. So gesehen - ausser Spesen nicht gewesen. Brutalst uneffizient, brutalst unproduktiv, brutalste Schönrederei.....das wäre zutreffend. Ach ja, brutalst egoistisch und brutalste Volksverdummung, Valium für das Volk....und zu Hause lallt der Brüderle von goldenen Zeiten, während der Schäuble durchknallt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




G20
DPA

Die G20 sind die Gruppe der 20 größten Volkswirtschaften. Sie umfasst Industrie- und Schwellenländer. Die G20 repräsentieren rund zwei Drittel der Weltbevölkerung und 90 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts - folgende Länder gehören derzeit zu der Gruppe: Argentinien, Australien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea, Türkei, USA. mehr auf der Themenseite...


Weltkrieg der Währungen
Fotostrecke
Grafiken: Kursentwicklung von Euro, Yen & Co


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: