Glaubensfrage Neu-Katholik Blair macht das Königreich kirre

Tony Blairs Glaube war den Briten schon nicht geheuer, als der Labour-Politiker noch Premierminister war. Der Übertritt des Ex-Premiers zur katholischen Kirche sorgt jetzt für Unruhe im vorweihnachtlichen England: Füllt der Katholizismus eine spirituelle Lücke im Land der Glaubens-Skeptiker?

Von Sebastian Borger, London


Von der Hauptperson selbst kein Wort, auf seiner Webseite keine Zeile. Dafür widmeten sich die Londoner Sonntagszeitungen umso ausführlicher – und allesamt auf der Titelseite - der Personalie des Wochenendes: dem Übertritt von Ex-Premier Blair zur katholischen Kirche. Am Freitagabend hatte der 54-Jährige aus der Hand des Londoner Kardinals Cormac Murphy-O'Connor die Kommunion empfangen – nicht ohne vorher sämtliche Lehrmeinungen Roms als gottgewollt anerkannt zu haben.

Blairs Schritt war seit langem erwartet worden, eine katholische Zeitschrift hatte vor einem Monat sogar den PR-trächtigen Zeitpunkt kurz vor Weihnachten akkurat vorhergesagt. Dass der prominente Konvertit dennoch für kontroverse Diskussion sorgt, liegt zum einen an der Person Blair, andererseits an der ambivalenten Rolle der Religion in einem zutiefst agnostischen Land. Als der frischgewählte Vorsitzende der oppositionellen Liberaldemokraten kürzlich von der BBC gefragt wurde, ob er an Gott glaube, antwortete Nick Clegg mit einem Wort: "Nein". Kurz darauf aber schob sein Büro eine gewundene Erklärung nach: Clegg habe nichts gegen Religion, seine Frau sei Katholikin, seine Kinder würden katholisch erzogen.

Das Schicksal teilte Clegg bis Freitagabend mit Blair. Dessen vier Kinder besuchten katholische Schulen, Blairs Frau Cherie agierte bei der Konversionsmesse ihres Mannes als Sponsor. Die gläubige Katholikin war "von entscheidender Bedeutung" für Blairs Hinwendung zu ihrer Kirche, glaubt Blair-Biograf Anthony Seldon ("Blair Unbound"), der den religiösen Lebensweg des Labour-Politikers nachvollzogen hat: vom Kind aus nominell anglikanischem, aber kirchenfernen Elternhaus über die Bekehrung des Studenten in Oxford bis zum Anhänger des anglo-katholischen Zweiges der englischen Staatskirche. Deren Abspaltung von Rom im 16. Jahrhundert beruhte nicht auf dogmatischen Unterschieden, sondern war dem Machtwillen Heinrichs VIII. geschuldet.

Argwohn über religiösen Eifer

"Die Gewissheiten des Katholizismus", analysiert Seldon, hätten "tiefen Eindruck" auf Blair gemacht. Mag er sie aber auch teilen? Während Kardinal Murphy-O'Connor am Wochenende seinen PR-Triumph auskostet und von Blairs "Heimkehr" spricht, legt die streitbare konservative Unterhaus-Abgeordnete Ann Widdecombe den Finger auf die Wunde. Die Katholikin verweist darauf, dass der Premier Blair die Schwulen-Ehe gefördert, Stammzell-Forschung ermöglicht und für die Abtreibung gestimmt hatte – allesamt Verstöße gegen die katholische Lehre, die im Extremfall die Exkommunikation nach sich ziehen können. "Ich wüsste gern, ob er seine Meinung geändert hat", sagt Widdecombe, die vor Jahren die Anglikanische Kirche verließ.

Umgekehrt beobachten Parteifreunde des Ex-Premiers dessen religiösen Eifer seit Jahren mit Argwohn. Blairs atheistischer Pressesprecher Alastair Campbell verbot Interviewern stets, nach Gott zu fragen. Der Chef sei ja zuletzt immer "mit Bibel und Koran herumgelaufen", spottet der frühere Vize-Premier John Prescott. "Jetzt hat also der Katholizismus gewonnen."

Tatsächlich studierte Blair das heilige Buch der Muslime längst schon, bevor er in diesem Sommer die Rolle des internationalen Nahost-Vermittlers übernahm. Häufig nahm der Ex-Premier die heiligen Schriften mit in den Urlaub; wenn er einmal über seinen Glauben sprach, was selten genug vorkam, bezeichnete sich Blair gern als "ökumenischen Christen". Was genau er darunter versteht, darüber ließe sich wohl trefflich eine theologische Diskussion führen, bei der Blair gewiss mithalten könnte. Den dänischen Religionsphilosophen und radikalen Christen Sören Kierkegaard (1813 - 1855) hat er intensiv gelesen, der die Kirche des 19. Jahrhunderts heftig kritisierte und jede intellektuelle Annäherung an Glaubensdinge, sprich: Relativierung, strikt ablehnte. Die christliche Existenz sei nur zu leben, indem der Gläubige Christus auf dem Weg seines Leidens nachfolge.

Kumpelhafter, aber strenger Priester

Auch Blair bekennt sich zu hohen Ansprüchen. In einem Aufsatz schrieb er 1993: "Das Christentum ist eine sehr harte Religion. Es hat klare Vorstellungen. Es unterscheidet zwischen Richtig und Falsch, zwischen Gut und Böse." Das Satiremagazin "Private Eye" traf den Nagel also auf den Kopf, als es den Premier als klampfenden, kumpelhaften, gleichzeitig strengen Priester karikierte. Den überwiegend areligiösen Briten war dieser Aspekt von Blairs Persönlichkeit nie geheuer.

Ob Anglikaner, Katholiken oder Methodisten – immer weniger Untertanen Ihrer Majestät, der "Verteidigerin des Glaubens", gehen sonntags noch in die Kirche, nur schwärmerische Pfingstgemeinden verzeichnen Zulauf. Offiziell gehören 59 Prozent der gut 60 Millionen Briten der anglikanischen Staatskirche an. Einer Erhebung von Christian Research zufolge besuchen aber nur knapp drei Millionen Menschen einigermaßen regelmäßig irgendeinen christlichen Gottesdienst. Dass 2006 erstmals mehr Katholiken (862.000) die Messe besuchten als Anglikaner (853.000), verleitete den "Sunday Telegraph" zu der falschen Schlussfolgerung, Großbritannien sei "ein katholisches Land geworden". In Wirklichkeit bleibt die Insel weitgehend agnostisch und kirchenfern – daran ändert auch Konvertit Tony Blair nichts.



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