Früher war alles schlechter Wie misst man Weltfrieden?

Wir leben in friedlichen Zeiten. Gerade in Europa können wir eine ungewöhnlich lange Zeit ohne Krieg genießen. Doch Forscher warnen vor der jüngsten Negativentwicklung.

Anzahl der Kriegstoten pro 100.000 Menschen weltweit
DER SPIEGEL (Quelle: Peace Research Institute Oslo)

Anzahl der Kriegstoten pro 100.000 Menschen weltweit

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Die Welt scheint dieser Tage in Kriegen zu versinken: Syrien, die Ukraine, der Irak und der Jemen. Oft hört und liest man jetzt den Satz "So schlimm war es noch nie". Das stimmt aber nicht. Es war, im Gegenteil, so gut wie immer, nicht schlimmer.

Das erkennt, wer einen alten Ratschlag Bill Clintons beherzigt: "Don't follow the headlines, follow the trend lines!" Nicht den Schlagzeilen sei zu folgen, sondern den Entwicklungskurven. Die große Kriegstotenkurve seit 1945 - oben dargestellt als Entwicklung der globalen jährlichen Opferzahlen pro 100.000 Menschen - ähnelt einem auslaufenden Gebirge. Der Koreakrieg sticht zunächst hervor, dann erscheint der Vietnamkrieg als breites Bergmassiv. Ab den Achtzigerjahren erkennt man die Konflikte in Iran, Irak und Afghanistan. Die Gegenwart ist nicht annähernd so blutig wie die Neunziger-, Achtziger-, Siebziger- und Sechzigerjahre es waren.

Richtig und schrecklich ist jedoch, dass die Zahl der Opfer in der allerjüngsten Vergangenheit wieder gestiegen ist, wofür vor allem der Syrienkonflikt verantwortlich ist. Droht sich der positive Trend wieder umzukehren? "Das letzte Jahrzehnt hat einen historischen Rückgang im Weltfrieden verzeichnet", warnt etwa das Institute for Economics and Peace (IEP). Es gibt den sogenannten Global Peace Index heraus, der alle Länder nach dem Grad ihrer Friedlichkeit ordnet. Dafür verwenden die Wissenschaftler Indikatoren und Statistiken aus drei Gruppen:

  • Konflikte im In- und Ausland: Die Anzahl und Dauer von Konflikten mit anderen Ländern sowie die Anzahl der Todesfälle durch organisierte Gewalt zählen zu dieser Gruppe.
  • Gesellschaftliche Sicherheit: Politische Instabilität und Terrorattacken gehören ebenso zur Analyse wie die Wahrscheinlichkeit von gewaltsamen Demonstrationen und der Anzahl von Gefängnisinsassen.
  • Militarisierung: Wie viel Geld gibt ein Land für sein Militär aus? Wie viele Soldaten stehen bereit? Verfügt der Staat über Nuklearwaffen? Diese Indikatoren gehören in die letzte Analysegruppe.
Die Weltkarte des Friedens

Europa erscheint auf der Friedens-Weltkarte fast komplett grün. Doch auch hier ist der Frieden erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Normalzustand, während er für Jahrhunderte die Ausnahme war.

"Krieg scheint so alt zu sein wie die Menschheit. Frieden aber ist eine moderne Erfindung." Das sagte der britische Rechtsgelehrte Henry Maine schon 1887. Die Grafik unten zeigt, in welchen Jahren die europäischen Nationen (oder ihre historischen Vorläufer) seit 1500 in kriegerische Konflikte verwickelt waren. Für manche Länder kommt dabei über 500 Jahre hinweg eine fast durchgängige Linie mit gelegentlichen friedlichen Unterbrechungen heraus, erst ab 1950 ergibt sich ein helleres Bild.

Während im 20. Jahrhundert im Schnitt noch fünf Prozent aller weltweit Verstorbenen durch Gewalt umgekommen waren, so liegt dieser Wert in der Gegenwart nur noch bei etwa einem Prozent.

DER SPIEGEL (Quelle: ourworldindata.org, Conflict Catalog)

Nehmen wir 2015: In diesem Jahr verschieden auf Erden laut Weltgesundheitsorganisation insgesamt 56 Millionen Menschen. Rund 600.000 Menschen starben eines gewaltsamen Todes (circa ein Prozent), wobei der Großteil davon (470.000) bei Verbrechen zu Tode kam, Kriege töteten 119.000 Menschen. Dagegen gab es etwa sechsmal so viele Selbstmorde (790.000) wie Kriegsopfer.

Längst stirbt der Mensch also viel eher durch die eigene Hand als auf dem Schlachtfeld (Und, übrigens: Auch die europäischen Suizidraten sinken.).

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insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
syracusa 08.04.2017
1. fortlaufende Zivilisierung
Diese Tatsachen betone ich auch hier in den Diskussionen auf SpOn immer wieder: wir leben in der friedlichsten aller Zeiten. Nie ging es der Menschheit besser als heute. Die Geschichte der Menschheit ist sogar einschließlich des 20. Jahrhunderts mit seinen zweieinhalb Weltkriegen und zahlreichen Genoziden eine fortlaufende Geschichte der Zivilisierung des Menschen. Das betrifft übrigens nicht nur die sich stets verringernden Quoten an Kriegs- und Gewaltopfern, sondern auch die Opfer indirekter Gewalt, also v.a. Hungertote. Das gibt Anlass zu Hoffnung, wenn man mal wieder über die Hetze Putins, Erdogans und Trumps liest.
kogno 08.04.2017
2. Kriegsgeographie
Eine merkwürdige Karte: Saudi-Arabien und die USA sind als mittel-friedlich eingetragen. Libyen ist rot. Der kriegerische oder friedliche Charakter eines Landes lässt sich offenbar nicht so lokalisieren. Er zeigt sich naturgemäß eher außerhalb der eigenen Grenzen.
prösus 08.04.2017
3. Dran bleiben!
...was nicht bedeutet, dass wir unsere Bemühungen zur Friedenssicherung schleifen lassen sollten. Dazu gehört auch das Projekt Europa, dessen ureigenster Grund ebendiese Friedenssicherung war - und ist!
syracusa 08.04.2017
4.
Zitat von kognoEine merkwürdige Karte: Saudi-Arabien und die USA sind als mittel-friedlich eingetragen. Libyen ist rot. Der kriegerische oder friedliche Charakter eines Landes lässt sich offenbar nicht so lokalisieren. Er zeigt sich naturgemäß eher außerhalb der eigenen Grenzen.
Wie müssten denn da wir Deutschen eingefärbt werden müssen? Ein Land hat niemals einen " kriegerischen oder friedlichen Charakter", dazu wechseln die Regierungen und sogar die Regierungsformen viel zu oft. Solche Denke in völkisch-nationalistischen Kategorien entlarvt sich von selbst als hahnebüchen.
sir wilfried 08.04.2017
5. Frieden dank EU?
Eine ungewöhnlich lange Zeit ohne Krieg, wie war das möglich ohne EU? Man hört doch immer, die EU sei Garant des Friedens und ohne EU würden die Völker sofort übereinander herfallen. Oder hat die EU am Ende mit der jüngsten Negativentwicklung zu tun? Das kann nicht sein. Dann würden ja märchenhafte Lügengebäude in sich zusammenfallen.
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