Globale Nahrungsmittelkrise "Die Welt braucht ein Rettungspaket gegen den Hunger"

Dramatische Hungersnöte in Afrika und Südasien: Die Zahl der Hungernden hat sich weltweit von 848 auf 923 Millionen Menschen erhöht - und diese Zahlen der Welthungerhilfe bilden noch nicht einmal die jüngste Nahrungsmittelkrise ab. In vielen Ländern hat sich die Lage weiter verschärft.

Von Petra Sorge


Hamburg - Jeder sechste Mensch auf dem Planeten bekommt nicht genug zu essen. Säuglinge, Kleinkinder und Schwangere sind die Leidtragenden: In 33 Ländern weltweit herrscht eine sehr ernste bis gravierende Hungersituation. Die Zahl der Hungernden hat sich von 848 auf 923 Millionen Menschen erhöht, wie der an diesem Dienstag veröffentlichte Welthunger-Index des Forschungsinstitutes für Ernährungspolitik (IFPRI) und der Welthungerhilfe zeigt.

Kleinkinder schauen ihrer Mutter in Manila, Philippinen, beim Kochen zu: Hunger ist für Säuglinge und Kleinkinder besonders bedrohlich
DPA

Kleinkinder schauen ihrer Mutter in Manila, Philippinen, beim Kochen zu: Hunger ist für Säuglinge und Kleinkinder besonders bedrohlich

Ingeborg Schäuble, Vorstandsvorsitzende der Welthungerhilfe, sagte bei der Vorstellung des Berichts, die knapp eine Milliarde Hungernden seien eine "Schande für die Menschheit". "Im Gegensatz zu den Banken sind sie nicht selbst schuld an ihrer Misere", sagte sie angesichts des öffentlichen Interesses für die Finanzkrise.

Zu den ärmsten Regionen, in denen die meisten Menschen an Hunger leiden, gehören die afrikanischen Länder südlich der Sahara und Südasien. Die Staaten mit den schlechtesten Werten sind demnach Äthiopien, Burundi, Eritrea, die Demokratische Republik Kongo, Liberia, Niger und Sierra Leone, aber auch Vietnam und die Komoren.

In diesen Ländern ist der Welthunger-Index (WHI), der die weltweite Hunger- und Ernährungssituation spiegelt, mit einem Wert von über 30 von 100 "gravierend". Der Index bewegt sich zwischen dem bestmöglichen Wert 0 (kein Hunger) und 100. Berücksichtigt werden der Anteil der Unterernährten an der Bevölkerung, der Anteil der Kinder unter fünf Jahren mit Untergewicht und die Sterblichkeitsrate in dieser Altersgruppe.

Lebensmittelkrise verschärft die Situation

Die Daten stammen aus den Jahren 2002 bis 2006, berücksichtigen also nicht den dramatischen Anstieg der Lebensmittelpreise in den vergangenen zwei Jahren. Deswegen fällt die tatsächliche Situation in den ärmsten Ländern noch dramatischer aus. Die Weltpreise für Nahrungsmittel haben sich im letzten Jahr mehr als verdoppelt, schätzt die Uno. Mais und Butter haben sich sogar um das Drei- bis Vierfache verteuert. Katastrophal für die Ärmsten: Sie müssen fast zwei Drittel ihres Einkommens für die Ernährung aufwenden - für Medikamente, Kleidung oder Bildung bleibt fast nichts übrig.

Die Nahrungsmittelkrise ist nach Angaben der Welthungerhilfe für Kleinkinder und Säuglinge besonders bedrohlich: Wenn die ärmsten Familien ihre Säuglinge nicht mehr ernähren können, besteht die Gefahr dauerhafter Schäden. Die Ernährung ist entscheidend für die Zukunft der Kinder - das wies eine IFPRI-Studie in Guatemala nach: Jungen, die eine hoch eiweißhaltige Nahrungsergänzung bekamen, erhielten als Erwachsene durchschnittlich 46 Prozent höhere Löhne als Jungen, die diese Nahrungsergänzung nicht erhielten.

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Den Teufelskreis von Armut und Hunger beschreibt auch der Bericht der Welthungerhilfe: Insgesamt 969 Millionen Menschen in den Entwicklungsländern lebten 2004 in Armut. In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara mussten 41 Prozent der Menschen mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen, in Südasien waren es 31 Prozent. Auch Kriege, Konflikte und die hohe AIDS-Rate in den afrikanischen Ländern bremsen das Wachstum und verschlimmern damit den Hunger.

Andererseits konnten einige Länder ihre Ernährungssituation deutlich verbessern: Kuweit und Peru haben ihre WHI-Werte im Vergleich zu 1990 um mehr als 70 Prozent verringern können - Kuweit wurde im damaligen Golfkrieg vom Irak besetzt und litt unter Hungersnöten. Auch Syrien, die Türkei, Mexiko und Ägypten verzeichneten im Kampf gegen den Hunger große Fortschritte. Südlich der Sahara ist Ghana das einzige Land, das seinen Welthunger-Index um 40 Prozent reduzieren konnte. Ein bescheidener Erfolg: Dort ist die Hungersituation immer noch "ernst".

Rettungspaket gegen den Welthunger gefordert

Die wenigen Erfolge verschleiern aber die tatsächliche Lage: Nach Schätzung der Welthungerhilfe wird sich die Zahl der Hungernden in den nächsten Jahren wohl noch erhöhen. Bereits vor Beginn der Preissteigerungen konnten sich 800 Millionen Menschen keine ausreichende Ernährung leisten.

Deswegen fordert die Organisation drastische Maßnahmen. "Die Welt braucht ein Rettungspaket gegen den Welthunger", sagte Vorstandsvorsitzende Schäuble. "Das allgemeine Umdenken über die Rolle des Staates und der internationalen Gemeinschaft, das durch die Finanzkrise eingesetzt hat, muss sich auch auf die Hungerkrise erstrecken."

Die Welthungerhilfe fordert mehr Geld für die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern, jährlich mindestens zehn Milliarden Euro. Die Autoren des Berichts schlagen Aktionspläne zur Linderung der Not vor Ort vor, regen aber auch nachhaltige Maßnahmen an. Diese umfassen faire Handelsbedingungen, die Gewährung von Krediten für Kleinbauern sowie den Verzicht auf die Herstellung von Biotreibstoffen aus Nahrungsmitteln. Aber auch die Entwicklungsländer selbst nehmen sie in die Pflicht: Die Autoren fordern umfassende Programme zur sozialen Absicherung und höhere staatliche Ausgaben für Investitionen im Bereich Infrastruktur, Dienstleistung, Forschung und Technik.

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Neue Essgewohnheiten
In China, Indien und anderen Schwellenländern wächst die Mittelschicht, die sich dank ihres neuen Wohlstandes anders ernährt. Und das heißt: mehr Fleisch und Milch, weniger Reis und Gemüse. Für die Herstellung von Fleisch benötigt man allerdings vergleichsweise viel pflanzliche Nahrung, so müssen etwa für eine Kalorie Rindfleisch sieben Kalorien Pflanzennahrung verfüttert werden. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 50 Kilogramm pro Jahr schon heute mehr als halb so hoch wie in den Industrieländern. Trotzdem gab es in dem Land zuletzt eine Überproduktion an Reise und anderen Grundnahrungsmitteln. Das Land führte zuletzt netto noch Fleisch aus. Nur bei Sojabohnen und Futtermittel für Hühner wurde im großen Stil importiert.

Biokraftstoffe
Laut Weltbank ist es der verstärkte Anbau der sogenannten Energiepflanzen, der je nach Land 30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen verursacht haben könnte. Denn vor allem in Europa und den USA werden immer häufiger Mais, Raps, Futterrüben oder Zuckerrohr mit dem Ziel angebaut, daraus Biokraftstoffe zu gewinnen. Damit soll die Abhängigkeit von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas vermindert werden und der Ausstoß von Kohlendioxid verringert werden. Experten schätzen, dass die Biospritherstellung derzeit weltweit mit jährlich sechs Milliarden US-Dollar subventioniert wird, allein in der EU fließen jedes Jahr 90 Millionen Euro an Subventionen. Allerdings bemängeln Kritiker, dass der Anbau von Energiepflanzen zu Lasten von Wasser, Boden und Biodiversität gehe. Dazu kommt die verschärfte Konkurrenz um Anbauflächen.

Spekulationen
Längst wird an den internationalen Börsen auch mit Papieren gehandelt, die auf die Preisentwicklung bei Lebensmitteln setzen. Experten vermuten, dass etwa ein Viertel des Preisanstiegs bei den Nahrungsmitteln auf Spekulationsgeschäfte zurückzuführen ist. Welchen Einfluss diese Handelsströme haben, hat sich am Beispiel der Ukraine gezeigt: Als das Land beschloss, mehr Raps für die EU anzubauen, stieg der langfristige Weizenpreis um ein Drittel. Als US-Präsident George Bush ankündigte, Bio-Ethanol zu fördern, verdoppelte sich der Zuckerpreis.
Schlechte Ernten
Ein Teil des Preisanstiegs der vergangenen Monate ist auf normale wie vorübergehende Faktoren zurückzuführen: In einigen Teilen der Welt kam es durch Dürre oder heftige Regenfälle in den vergangenen zwei Jahren zu schlechten Ernten. So hat Australien, immerhin einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 massiv unter Trockenheit gelitten; die Ernte sank von 25 Millionen Tonnen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch in der EU ernteten die Bauern zehn Millionen Tonnen weniger Getreide als erwartet - gleichzeitig sind die Lager der EU so leer wie noch nie. Denn in den vergangenen Jahren war es das erklärte Ziel, die Überproduktion abzubauen.



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