Von Anna Reimann
Berlin - Er wolle, dass seine Enkelkinder noch in Deutschland leben, schreibt Thilo Sarrazin in seinem umstrittenen Buch "Deutschland schafft sich ab". "Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken Türkisch und Arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird."
Das Szenario von der Machtübernahme der Muslime in Europa ist unbegründet. Zwar wächst die muslimische Bevölkerung in den nächsten zwanzig Jahren in Europa weiter an - aber in keinem nord- oder westeuropäischen Land werden in der nächsten Generation Muslime auch nur annähernd eine Mehrheit stellen. Das ist ein Ergebnis einer groß angelegten neuen US-Studie, die das Institut "Pew Research Center on Religious and Public Life" veröffentlicht hat.
Die Kernaussage der Studie des Instituts: Weltweit wächst die muslimische Bevölkerung bis zum Jahr 2030 zwar - aber sie wächst deutlich langsamer als in der Vergangenheit. Der Grund dafür: immer niedrigere Geburtenraten, eine älter werdende Bevölkerung, immer mehr Bildung für Frauen und Mädchen, der Zuzug in die Städte.
Pakistan löst Indonesien als bevölkerungsreichstes muslimisches Land ab
Im Detail schlüsseln die Forscher auf: Von 1990 bis 2010 wuchs die Zahl der Muslime jährlich weltweit um durchschnittlich 2,2 Prozent. In den kommenden zwanzig Jahren wird diese Rate aller Voraussicht nach auf 1,5 Prozent sinken - mit dem Ergebnis, dass 2030 etwa 26,4 Prozent aller Menschen der Welt Muslime sind, heute sind es 23,4 Prozent. Damit werden Christen weiterhin die größte Religionsgruppe stellen: Die "New York Times" zitiert Untersuchungen, nach denen der Anteil der Christen an der Weltbevölkerung in zwanzig Jahren 30 bis 33 Prozent betragen wird.
Die Zahl der Staaten, in denen es eine große muslimische Gruppe gibt, steigt leicht an: 2030 werden in 79 Ländern mehr als eine Million Muslime leben, heute ist das in 72 Staaten weltweit der Fall. Bei der Verteilung der muslimischen Bevölkerung nach Regionen gibt es laut der Studie keine einschneidenden Veränderungen: Auch 2030 wird der größte Teil der islamischen Bevölkerung im asiatisch-pazifischen Raum leben (rund 60 Prozent), 20 Prozent im Mittleren Osten und in Nordafrika. Die Zahl der Muslime im subsaharischen Afrika wird indes leicht steigen. In Europa bleiben islamische Gläubige demnach weiter eine Minderheit - aber eine wachsende. Eine bedeutsame Veränderung im Ranking gibt es: In zwanzig Jahren wird Pakistan Indonesien als Staat mit der zahlenmäßig größten muslimischen Bevölkerung überholt haben, sagt die Studie voraus.
Die Wissenschaftler haben sich ausführlich mit der Bevölkerungentwicklung in Europa beschäftigt. Folgende Ergebnisse sind hier zentral:
Zur Einordnung der Entwicklung betonen die Forscher, dass Muslime in Osteuropa schon seit Jahrhunderten Teil der Bevölkerung seien, in West- und Nordeuropa handle es sich hingegen um Menschen, die in jüngerer Zeit eingewandert sind. Aber auch in Russland spiele Migration künftig eine immer größere Rolle: Muslime aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kommen auf der Suche nach Arbeit dorthin.
Genaue Zahlen gibt es in der Studie auch für die USA. Dort wird sich den Voraussagen der Forscher nach die Zahl der Muslime bis 2030 von 2,6 auf 6,2 Millionen mehr als verdoppelt haben. Der Anteil der Muslime aber in den Vereinigten Staaten wird aber auch 2030 weiterhin gering sein, heute sind 0,8 Prozent aller US-Amerikaner islamischen Glaubens, 2030 werden es der Studie zufolge 1,7 Prozent sein. Amaney A. Jamal, Wissenschaftler der renommierten Universität in Princeton und Berater des "Pew Research Center" fasst die Aussagekraft der neuen Studie laut "New York Times" wie folgt zusammen: "Es gibt die überwältigende Annahme, dass Muslime die Welt bevölkern, dass sie Europa und bald darauf die USA dominieren werden." Die neuen Zahlen aber zeigten, dass dieses Szenario komplett unrealistisch sei. "Ich frage mich, wo die ganze Hysterie herkommt", so der Wissenschaftler.
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