Golanhöhen Der Kampf ums Niemandsland

Syrien plant einen Angriff auf die Golanhöhen. Als Folge könnten Irans Milizen bald an der Grenze zu Israel stehen. Premier Netanyahu will das verhindern. Statt auf die Uno setzt er auf den Einfluss Russlands.

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Die Offensive von Baschar al-Assad im Süden Syriens war brutal - und er war schnell. Der Diktator von Damaskus hat mit der Unterstützung Russlands in den vergangenen drei Wochen weite Teile der Provinz Daraa zurückerobert.

Seine Truppen stehen - nach heftigen Bombardements, die zeitweise etwa 320.000 Menschen in die Flucht getrieben hatten - an der Grenze zu Jordanien, und einige Rebellengruppen haben kapituliert. Doch nun folgt der schwierige Teil: die Golanhöhen.

Der strategisch bedeutsame Gebirgszug liegt zwischen Syrien und Israel. Das Land hat einen Teil der Golanhöhen gegen internationalen Protest vor Jahrzehnten annektiert und besiedelt. Bereits seit 1974 gilt auf dem Golan ein Waffenstillstand - und es existiert eine mehr als 200 Quadratkilometer große Pufferzone.

Golanhöhen

Die grenzt im Westen an die "Alpha"-Linie und im Osten an die "Bravo"-Linie. Israels Armee darf die "Alpha"-Linie nicht übertreten, für die syrischen Truppen ist die "Bravo"-Linie tabu.

Überwacht wird die Einhaltung des nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 getroffenen Abkommens eigentlich von Blauhelmen der Vereinten Nationen, die sich momentan aus neun Staaten zusammensetzen.

Aber aufgrund der heftigen Kämpfe in der Region zogen sich die Uno-Einheiten bereits 2014 weitgehend auf die westliche "Alpha"-Linie zurück. Seither sind sie nur punktuell in ihren alten Beobachtungsposten unterwegs, eine dauerhafte Präsenz in allen ehemaligen Stellungen gibt es nicht mehr.

Rebellen, IS-Terroristen - und Flüchtlinge

In diesem Niemandsland direkt an der Grenze zu Israel befinden sich nun vor allem lokale Rebellen sowie Tausende Flüchtlinge, die vor Assads Armee geflohen sind. Im nahen Dreiländereck zwischen Israel, Syrien und Jordanien ist zudem ein Ableger der Terrormiliz "Islamischer Staat" aktiv, die "Khaled Ibn Walid-Armee", benannt nach einem arabischen Feldherrn aus der Frühzeit des Islam.

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Golanhöhen: Die Ruhe vor dem Sturm

Syriens Diktator Baschar al-Assad will weder Flüchtlinge noch Rebellen auf dem Golan dulden - er will die Vorkriegsordnung und damit seine Macht auf dem syrischen Teil der Golanhöhen wiederherstellen.

Die Strategen in Jerusalem und Tel Aviv fürchten wiederum, dass Assad seine mögliche Golan-Offensive mithilfe von schiitischen Milizen und ihren iranischen Befehlshabern durchführen könnte.

Eine Präsenz Irans an Israels Grenze gilt als Tabu, das nicht gebrochen werden darf. Erst in der Nacht zum Sonntag sollen israelische Jets zum dritten Mal in diesem Jahr den Stützpunkt T4 nahe der antiken Oasenstadt Palmyra angegriffen haben. Das Ziel waren vermutlich iranische Einheiten.

Die Folge: In den kommenden Tagen wird hinter den Kulissen viel verhandelt werden - und Russland dabei eine wichtige Rolle haben. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Russische Militärpolizei statt Blauhelme?

Israels Premier Benjamin Netanyahu wird sich am Mittwoch im Kreml mit Präsident Wladimir Putin treffen. Zuletzt hatten die beiden Anfang Mai in Moskau über Syrien verhandelt. Als realistisch gilt gegenwärtig folgende Lösung:

  • Israel lässt es zu, dass Syrien eine Offensive gegen die lokalen Rebellen bis zur alten Demarkationslinie auf dem Golan und den IS-Ableger im Dreiländereck startet - wenn zeitgleich russische Militärpolizei die grenznahen Uno-Posten übernehmen und dafür sorgen, dass keine iranischen Kräfte näher als 80 Kilometer an Israels Grenze kommen.
  • Die Rebellen könnten dann entweder kämpfen - oder ihre Waffen abgeben und ihre Kämpfer abziehen. Ein möglicher Zielort: Idlib, die letzte Rebellenhochburg in Syrien.
  • Dorthin könnten auch die Flüchtlinge, die gegenwärtig auf dem Golan ausharren, gebracht werden. Bereits Ende vergangener Woche haben russische Militärpolizisten an der Grenze zu Jordanien einen ähnlichen Deal mit den dortigen Aufständischen verhandelt.

Israel und Jordanien trauen Russland, der Schutzmacht Assads, weitaus mehr zu, eine solche Vereinbarung überwachen zu können, als den Soldaten der Vereinten Nationen. Dass Iran, der andere Patron des syrischen Regimes, ein solches Abkommen indes hinnehmen wird, scheint unwahrscheinlich.

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