Golf für Anfänger: Weihnachtsfibeln für die Wüste

Ein Lammfell-Fußsack bei 39 Grad Außentemperatur, ein Ski-Atlas im Wüstensand: Der deutsche Kaffeeröster Tchibo hat sich im Boom-Emirat Abu Dhabi niedergelassen und verkauft dort Restposten. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Alexander Smoltczyk hat einen der Läden besucht - und sich sehr gewundert.

Abu Dhabi: Wundersames im Orient Fotos
Alexander Smoltczyk

Aufeinander angewiesen lebten wir in der nackten Wüste unter einem mitleidlosen Himmel. Tagsüber brachte die brennende Sonne unser Blut in Gärung, und der peitschende Wind verwirrte unsere Sinne...

So wie im Roman "Sieben Säulen der Weisheit" von Thomas E. Lawrence könnte es passiert sein. Auf jeden Fall muss irgendjemand auf die Idee gekommen sein, in Abu Dhabi diesen Laden aufzumachen: das "Tchibo Outlet".

Das Logo hängt in der Khalidiya-Mall - und nicht nur dort. Es ist ein umgekehrtes Kolonialwarengeschäft, in dessen Regalen mitleidlos alles ruht, was dem Deutschen recht und vor allem billig ist. Fleece-Jacken und Daunenbetten. Eine Frau im Niqab-Gewand studiert trotz Außentemperaturen von 39 Grad den "Lammfell-Fußsack" in der Kinderabteilung, "Thermo-Regenjacke" und "Schmusetuch-Lamm".

"Coffee?", die philippinische Verkäuferin muss verneinen, "no coffee, Sir, but coffee machines!" Und dazu "Die schönsten Wanderwege zwischen Rügen und den Alpen", "Das schönste Buch zur Weihnachtszeit" und - endlich! - den "Ski-Atlas 2005". Nachgefragt wird offenbar auch ein Fotoband: "Der Mensch. Unser Körper, unsere Sinne ein komplexes Zusammenspiel", lehrreich und darüber hinaus die einzige Möglichkeit, im Intimbereich der Stadt Abu Dhabi einen unbekleideten Frauenkörper zu sehen.

Das absonderlichste Gerät des Tchibo Outlet jedoch findet sich, herabgesetzt auf 18 Dirham (umgerechnet etwa vier Euro), unter dem Regal für Weihnachtslieder: ein "Energieverbrauchs-Messgerät". Das Teil würde in jedem hiesigen Haushalt schon beim ersten Einsatz durchbrennen. Energie kostet die Einheimischen nichts und die anderen kaum etwas. Die Straßen sind voll mit Fünf-Liter-Autos, und damit ist nicht der Verbrauch gemeint, sondern der Hubraum. Hier am Golf tankt man seinen Hummer voll mit Super, reicht 20 Euro durch die Seitenscheibe und sagt dem Tankwart gönnerhaft: "Den Rest kannst du behalten."

Daran soll die Welt genesen

Das ist der Golf. Hier müssen die Autos so breit sein, damit die Hubraumangaben auf die Kofferraumklappe passen. Ein Energieverbrauchs-Messgerät? Das ist doch der Drehzahlmesser. Aber dennoch wird das Tchibo Outlet offenbar nicht allgemein belacht, sondern bekauft. "Many Germans, Sir", sagt die Dame an der Kasse. Im Übrigen würden alle sieben Kaffee-Outlets am Golf von Philippininnen geführt, nur die beiden Chefs, die seien Libanesen. Seit 2002 importieren Toufic Kreidieh und Yasser Beydoun Restposten aus Deutschland an den Golf. Es soll die erste Franchise-Erfahrung des Kaffeerösters weltweit sein.

Wozu Tchibo? "Ich habe hier endlich die Erzgebirgs-Weihnachtspyramide gefunden, die ich mir immer gewünscht habe. Für 200 Dirham, das sind 40 Euro." Sagt Bettina Lebrun, eine deutsche Expat aus dem Viertel. Außerdem bekomme man nirgendwo sonst Mikrofaserbettdecken. Dazu noch in dieser Qualität.

Deutschland ist mit den Vereinigten Arabischen Emiraten im Jahr 2004 eine "strategische Partnerschaft" eingegangen. Nicht militärisch natürlich. Sondern wirtschaftlich und kulturell. Es geht um deutsche ökologische Technologien, nachhaltige Verbrauchsanweisungen, durchdachte Verfeinerungen grünen Lebens. Daran soll die Welt genesen.

Das Tchibo Outlet ist der Kern dieser Partnerschaft.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
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1. Alter Hut
glass88 17.06.2010
Die Restposten werden schon seit einiger Zeit (Anfang 2009) in der Dubai-Outlet-Mall verkauft. Selbst vor diesem Shop gab es in Deira einen, ich glaube er nannte sich, "German European Shop" welche seit einer gefühlten Ewigkeit Tschibo Waren verkaufte. Vielleicht hätten Sie auch erwähnen sollen daß das Energiemessgerät weder in die Steckdosen der Arabischen Emirate noch in die deutschen passt, es hat einen französischen Stecker. Wie lange sind Sie schon in den Emiraten? Es verwundert mich dass Sie offensichtlich überrascht sind dass Frauen aus den Philippinen die Lädne führen? Schauen SIe lieber mal welche Läden nicht...
2. Manager
flower power 17.06.2010
Wozu Manager alles fähig sind, oder nicht mehr in der Welt klar kommen. Bestimmt wieder ein glorreicher Gedanke eines Yuppies mit Oberschicht-Unterstützung. Hey Westerwelle - das ist dekadent. Ach sorry, der kann ja nichts sagen, der hat ja einen Maulkorb. Ist auch verständlich, Kampfhunde müssen auch so etwas tragen.
3. Pointe verfehlt
mw2010 05.07.2010
Leider geht der Artikel an den Tatsachen vorbei. Das Angebot in Allen Shops in Dubai ist ja nicht primär für den Lokalen Markt sondern der gesamte Handel in den Emiraten lebt davon das Dinge gekauft werden die in anderen Teile der Welt anschließend benutzt werden sollen. Sei es der Tourist oder der Expat der regelmäßig in den Emiraten gekaufte Wahren an Familienangehoeringe oder Freude Zuhause sendet. Sonnst würde es ja keinen Sinn machen das Sportgeschäfte in den Emiraten komplette Skiausrüstungen inkl. Downwnjacken im Winter gut verkaufen. So wird die günstige warme Kleidung hier gerne von "Billigarbeitskraeften" gekauft und an die Familien z.B. in Nordindien gesendet. Viel lustiger finde ich es in dem Schibo Laden ein Alice DSL Starter Paket oder ein Schibo Telefongebühren Sparer der immer automatisch den Schibo Telecom Prefix den gewählten Nummern voranstellt. Damit kann man außerhalb Deutschlands sehr effektiv Gebühren sparen da keine Verbindung mehr zustande kommt. Ich finde es immer lästig wenn ich mal wieder Deutschland besuche immer den ganzen Müll zu berichtigen den die Deutsche presse den Deutschen über diese Region erzählt. Dabei gibt es hier so viele wirklich lustige Kuriositäten. Viele Grüße aus Dubai
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Zum Autor
Alexander Smoltczyk, Jahrgang 1958, berichtet für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE aus den Golf-Staaten und der arabischen Welt. In seinem Blog "Golf für Anfänger" erzählt er tausendundeine Geschichten aus dem Orient.

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