Von Alexander Smoltczyk, Abu Dhabi
In einem fernen Königreich, dessen Name keine Rolle spielt, gibt es ein Amt. Es ist untergebracht in einem festungsartigen, mit Zinnen dekorierten Bau. Aufgabe des Amtes ist es, die Welt vor Überflüssigem zu bewahren, vor Unnötigem und Verzichtbaren. Es ist im Grunde eine Behörde für Reinigung, fühlt sich einem Reinheitsgebot verpflichtet. In einem der oberen Stockwerke hat der Leiter des Amtes sein Büro, ein geschmackvoll mit Holzregalen, Bildbänden und Bildern des Herrschers ausgestatteter Raum.
"Setzen Sie sich, möchten Sie einen guten Café? Wie geht es Ihnen? Einen Café bitte! Entschuldigen Sie mich, dieses Fax vom Regierungsrat muss noch abgesegnet werden. Nur einen Moment... Wie geht es Ihnen? Sie sind ein bekannter Mann, gerade heute morgen hatten wir Ihre Zeitung auf dem Tisch liegen. Doch tatsächlich! Sie wissen, dass manche Leute nicht vertragen, wenn unser Prophet Mohammed abgebildet wird, aber ich habe ihnen gesagt, das sei kein böser Wille, das hat nichts zu bedeuten. Ach, das haben Sie gar nicht geschrieben? Na ja, vielleicht war es auch eine andere Zeitung. Wir wissen ja, dass Sie ein ernsthafter Journalist sind. Sie wollen also über den Zensor schreiben? Unter uns gesagt, spielt Zensur in unserem Land keinerlei Rolle mehr."
Der Zensor ist ein angenehmer älterer Herr, der einem unterdrückten, aber hoch gebildeten kleinen Volk angehört, das im Lauf der Jahre viele Positionen in diesem fernen Königreich übernommen hat.
Der Mächtige in diesem Reich wird allgemein "the Ruler" oder auch "our Ruler" genannt, eine schöne, weil hübsch doppeldeutige, Bezeichnung, in die das Glück hineinspielt, ein Leitbild und Maß als Herrscher zu haben.
"Wir müssen die gröbste Nacktheit verhindern"
Die großen Zeitungen in diesem Land gehören den Herrschenden. Das ist praktisch, weil jeder Journalist beim Schreiben nur auf den Eigentümer Rücksicht nehmen muss, nicht, wie in anderen Ländern, auch noch auf die Regierung.
"Der Ruler hat vor Jahren bereits die Zensur abgeschafft", sagt der Zensor, "jeder kann schreiben was er will. Nur bei Bildern müssen wir ab und zu noch etwas machen, um die gröbste Nacktheit zu verhindern. Selbstverständlich wissen wir, dass sich jeder seine Zeitung aus dem Internet oder per Fax schicken lassen kann. Aber wissen Sie, die Leute sind noch sehr empfindlich. Neulich rief mich ein Radiosender an. Eine Dame hätte schreiend angerufen, dass in einem Magazin eine Nackte mit dem Fuß auf dem Heiligen Koran stehen würde. Ich habe mir die Zeitung sogleich besorgen lassen. Und was sah ich? Eine dezent bekleidete Marokkanerin war dort abgebildet, nur die Unterarme waren nackt. Und auf der gegenüberliegenden Seite hatte der Graphiker alle möglichen Dinge aus dem Alltag der Frau abgebildet, darunter ganz unten einen Heiligen Koran. Und weil die Seiten aufeinander zu liegen kamen, lag der Koran unter dem Fuß der Frau. Das war alles, lächerlich! Nein, nein, das ist alles eine Sache von gestern."
Wovon träumt der Zensor nachts?
Dank Blackberry kann sich jeder Untertan jedes nur denkbare Bild diskret zukommen lassen. Und jeden Text sowieso. Doch kommen nicht Woche für Woche ausländische Zeitungen mit Schwärzungen versehen ins Königreich? Auf manchen Bildern finden sich schwarze, oft sehr apart und gekonnt hingetuschte Fähnchen. Alles, was per Boten kommt, ist derart durchgesehen und gereinigt (anders kurioserweise die Sendungen der Post). Und ebenso die Zeitschriften-Auslagen der Supermärkte. Sogar Hans Holbeins "Adam und Eva" ist kürzlich mit Fähnchen bedeckt worden.
Irgendwo im Inneren dieses Amtes muss es also einen Menschen geben, der Tag für Tag mit nassem Daumen und Zeigefinger und mit dickem Filz-Super-Color-Marker durch die Journale blättert und auf jede Brust, jeden Po und Penis einen Fetzen Schwarz hinwischt. Zielsicher und formbewusst.
Wer ist dieser Mann, welche Qualifikationen musste er erfüllen? Wo sitzt er und vor allem: Wovon träumt er nachts?
Ja, sagt der angenehme ältere Herr, es gebe da jemanden, der die Zeitungen durchblättert mit einem dicken Filzstift in der Hand, aber das ist nur ein kleiner Angestellter, nein, Alpträume habe der bestimmt nicht. "Sie wollen ihn treffen? Ich glaube, Sie sind ein zu ernsthafter Journalist, um sich damit abzugeben. Nein, das wäre gewiss keine gute Idee."
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