Golf für Anfänger: Zum Fitness-Check bei den Gesundheitsdespoten
Wer als Ausländer in Abu Dhabi arbeiten will, muss frei von gesundheitlichem Makel sein. "Fit to serve" heißt die Formel zum Glück - bei schweren Krankheiten drohen dagegen sofortige Festnahme und Ausweisung. Bei den strengen Gesundheits-Checks herrscht angespannte Nervosität.
Manches kommt einem abstoßend vor, was man am Golf erlebt. Wer sich hierher aufmacht, der tut das nicht immer aus Liebe zur Freiheit oder zur Schönheit beduinischer Kultur. Nein, wer Tag für Tag am Hintereingang der Khalifa-Medical-City wartet, der ist hierher gekommen aus Liebe zum Geld. Egal ob Petro-Berater, künftiger Bau-Handlanger, Haushaltshilfe, Kulturschaffender oder Universitätsdirektor, Barmaid, Hafenkran-Vertreter und Web-Designerin. Geld hat uns alle hier zusammengeführt.
Wobei "Geld" ein sehr schmeichelhaftes Wort ist für das, was jemand sich Woche für Woche abpresst, um es Freitags per Moneytransfer nach Dakkar, Trivandrum oder Peschawar zu schicken, damit sein Kind, das er nie zu Gesicht bekommen hat, einmal zur Schule gehen können wird. Das ist keine Liebe zum Geld, das ist Opfergang.
Aber weiter: Wer sein Scherflein vom Reichtum des Golfs abbekommen möchte, der braucht eine "residency", das ist eine Genehmigung zum Aufenthalt. Die wiederum bekommt nur, wer einen Bürgen ("sponsor") bezahlen kann und zudem krankenversichert ist. Und krankenversichert wird nur, wer gesund ist. Deswegen die Schlangen vorm "Disease Prevention & Screening Center", am Hintereingang der Khalifa-Medical-City in Abu Dhabi.
"Next." Einer nach dem anderen wird in ein offenes Behandlungszimmer geschoben, wo die indische Ärztin einem wortlos eine Kanüle in den Unterarm schiebt, mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es ein Handschlag.
"Next." Hier wird das Gesundheitszeugnis ausgestellt. Es gibt kein Recht auf Aufenthalt am Golf, keinen Anspruch, ein wenig abzubekommen von dem Reichtum, den Wer-auch-immer diesen Breiten geschenkt hat. Es gibt allein eine befristete Erlaubnis. Und die auch nur, wenn der Neuling ohne Makel ist, frei von Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten und dem tückischen Virus, dessen Name ungern ausgesprochen wird.
"Next." Die Prozedur muss jeder über sich ergehen lassen. Andere Amtsgänge überlassen die Expats ihren "PROs", professionellen Schlangestehern, die in jeder Behörde ihre Kontakte haben. Aber den Gesundheitstest kann einem keiner abnehmen.
Jeder ist auf seine Physis reduziert
In diesen Gängen gibt es keine Nationen mehr, nicht mehr reich und arm, Nord und Süd, erste, dritte, vierte Welt, hier ist jeder auf seine Physis reduziert, ein Stück lebendiges Fleisch, das getestet werden muss. Die Gattin eines deutschen Expats erzählt heute noch davon, wie sie einst mit freiem Oberkörper in einer Reihe mit Hausmädchen aus den Philippinen und Bangladesch aufs Röntgen warten musste. Das hat sich inzwischen geändert. Es gibt Paravents und auch einen VIP-Tarif von 250 Dirhams (60 Euro), um die lästigen subkontinentalen Schlangen loszuwerden.
"Next." Und weil HIV vor allem als Bedrohung von außen verstanden wird, muss jeder einzelne Saisonarbeiter getestet werden. Das Vorbild hier ist, wie so oft in den Emiraten, Singapur. Dort ist seit 1998 jeder Ausländer zu einem Aids-Test verpflichtet. Am Golf ebenso. Einheimische brauchen den Test dagegen nur, wenn sie einen neuen Job annehmen. Der Ministerrat des Emirats hat vergangene Woche die Möglichkeit anonymer Tests beschlossen, um die Stigmatisierung HIV-Infizierter zu verringern.
Nach zwei Tagen kommt der Bescheid. Er entscheidet über Sein oder Nichtsein, über Arbeit oder sofortige Abreise. Wer HIV-positiv getestet wird, jährlich einige Dutzend Fälle, wird umgehend festgenommen. Auch wer Syphilis, Tuberkulose oder Hepatitis hat. Festgenommen und deportiert. Das erklärt die gewisse Nervosität vor dem Schalter, wo die Zertifikate über den Tresen geschoben werden. Das Urteil ist denkbar knapp: "FIT". Doch das hat weniger mit der Fitness des Applikanten zu tun als mit dessen Diensttauglichkeit: fit to serve.
"Next". Alles geschieht in großer Selbstverständlichkeit, effizient und wohlorganisiert.
Die Emirate sind ein Muster des "despotisme éclairé", in der die französischen Aufklärer und Enzyklopädisten die einzige Chance auf Veränderung sahen. Denis Diderot hoffte im 18. Jahrhundert auf den aufgeklärten Despoten, um die deutschen Kleinstaaten zu reformieren. Bildung per Dekret, Fortschritt per ordre du mufti. Entscheidungen werden von wohlberatenen Alleinherrschern getroffen und ohne weitere Debatten durchgeführt. Schade, dass Diderot die Herren am Golf, die al-Nayans und al-Makhtoums nie kennengelernt hat. Sie hätten ihn als Berater eingestellt.
Nach bestandenem Screening selbstverständlich.
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