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Gouverneurin Sarah Palin: McCain setzt bei Vizewahl auf Risiko

Von , Denver

Sie ist keck, knallhart, konservativ - und bei ihrem ersten Auftritt im Wahlkampf begeisterte sie die Menge: John McCain hat die 44-jährige Sarah Palin zur Vizekandidatin berufen. Ein Vabanquespiel, denn die junge Gouverneurin ist wenig bekannt und noch frischer im Polit-Geschäft als Barack Obama.

Denver - Es war eine Nacht-und-Nebel-Aktion, buchstäblich. Im frühen Morgengrauen landete ganz klandestin ein Privatflugzeug in der Nähe von Dayton (Ohio). Es kam, so war zu hören, aus Alaska. An Bord: eine Frau, ein Mann, drei Kinder und ein Baby.

Die Passagiere waren Sarah Palin, Alaskas 44-jährige Gouverneurin, nebst Familienanhang. Begrüßt wurden sie von Wahlhelfern des US-Republikaners John McCain.

An diesem Freitag hat McCain Geburtstag, doch die Gäste aus dem fernen Norden hatten die Reise nicht allein als Gratulanten unternommen. Wenige Stunden später stellte McCain Sarah Palin vor Tausenden jubelnden Anhängern in einem Auditorium in Dayton zu Fanfarenklängen als seine Kandidatin fürs Amt der Vizepräsidentin vor - als diejenige Person, "die mir am besten helfen kann, Washington aufzumischen". Palin sprach von Wandel, lobte Hillary Clinton, und brachte den ganzen Saal zum Jubeln.

Die Außenseiterin kam an bei der republikanischen Anhängerschaft. "Ich weiß, dass ich mein Bestes geben muss, und genau das werde ich auch tun, versprochen", rief sie den Zuhörern zu. Sie wolle sich dafür einsetzen, alte Gräben zu überwinden. Das Publikum klatscht begeistert. "Schließt euch unserer Sache an!"

"Sarah Palin ist keine Hillary Clinton"

Monatelang hatten die Medien über McCains Vizewahl spekuliert, auf Palin war kaum jemand gekommen. Stattdessen drehte sich das Ratespiel um eine Herrenriege: McCains Vorwahl-Rivale Mitt Romney wurde ebenso genannt wie Minnesotas Gouverneur Tim Pawlenty und der abtrünnige Ex-Demokrat Joe Lieberman. Doch McCains brillant-skrupelloser Stratege Steve Schmidt hatte eine bessere Idee - eine sympathische, doch toughe Reformerin mit unbestreitbar konservativer Ausrichtung.

Es ist ein meisterlicher, doch zugleich enorm riskanter Schachzug, um den Demokraten Barack Obama nicht mal 24 Stunden nach der Rede seines Lebens im Football-Stadion von Denver dort zu verwunden, wo er noch verwundbar scheint. Palin ist die Wunderwaffe, sie soll die Anhänger Hillary Clintons becircen, die sich bis heute nicht mit Obama anfreunden wollen und von denen immer noch mehr als ein Viertel zu McCain neigen. Kein Zufall, dass Palin eine ganze Passage ihrer Antrittsrede am Freitag auf eine Würdigung Clintons verwandte.

Das kann freilich auch nach hinten losgehen. McCain liege "grundlegend falsch", wenn er Palin als Hillary-Ersatz empfehle, sagte die demokratische Kongressabgeordnete Debbie Wasserman Schultz dem Kabelsender MSNBC. "Ich kenne Hillary Clinton, und Sarah Palin ist keine Hillary Clinton." Der Polit-Analyst Phil Trounstine nannte die Entscheidung "eine Beleidigung für Frauen".

Die erste Frage jedoch, die die meisten Kommentatoren nach der Bekanntgabe Palins äußerten, war: "Wer?" Palin taucht zwar immer wieder mal in den Namenslisten auf, doch nie als erste Wahl. Nur im Mai, als Hillary Clintons Vorwahlniederlage absehbar zu werden begann, war sie schon mal kurz in den Schlagzeilen - als Mitglied einer neuen Generation von Politikerinnen "nach Clinton".

Und genau das ist es, was McCain im Sinn hat. Die Demokraten schrieben diese Woche Geschichte, indem sie zum ersten Mal einen Schwarzen zum Präsidentschaftskandidaten kürten. McCain macht nun Geschichte, indem er erstmals eine Frau aufs republikanische Wahlkampfticket nimmt - obendrein noch ein so junges, frisches, fröhliches Gesicht. Alle, die Ingrimm und Alter (seit heute 72) verhöhnen, sollen damit zum Schweigen gebracht werden.

Hinzu kommt: Diese doppelte Geschichtsträchtigkeit nutzt eher McCain als Obama. Dass Palin eine Frau ist, hilft McCain, sich als Republikaner anderer Art zu gerieren; es lässt sich in TV-Spots wunderbar ausschlachten. Obama dagegen hat es bisher immer vermieden, mit seiner Hautfarbe zu werben - und er hat sie auch in Denver erst ganz am Schluss seiner Rede thematisiert.

Bleibt die Frage: Wer ist Sarah Palin? Erst 2006 als erste - und jüngste - Frau zur Gouverneurin des nördlichsten, unwirtlichsten US-Staats gewählt, kennen die Amerikaner von ihr bisher allenfalls biografische Bruchstücke. Sie landete ehedem auf dem zweiten Platz in der Miss-Alaska-Schönheitskonkurrenz. Sie brettert mit dem Motorrad oder dem Snowmobile durchs Land. Sie jagt, fischt, schießt, fliegt ein Wasserflugzeug und mag Elchburger. Ach ja: Früher hat sie mal gekifft, als das in Alaska legal war, hat es aber nicht gemocht - was Obama, der selbst seinerzeit "mit Drogen experimentiert" hat, kaum kritisieren dürfte.

Palin passt ansonsten wunderbar ins konservative Wunschbild, ohne bedrohlich und bitter zu wirken wie so viele Republikaner vor ihr. Sie ist strikte Abtreibungsgegnerin. Ein lebenslanges Mitglied der Waffenlobby NRA. Sie ist qua Amt die Kommandeurin der Nationalgarde von Alaska, und ihr Sohn Track, 19, trat am 11. September vorigen Jahres in die Armee ein und zieht nächsten Monat in den Irak. Sie sei, sagte sie, "so stolz auf ihn".

Doch McCains Entscheidung hat auch ihre Tücken. Die frühere Kommunalpolitikerin Palin hat, abgesehen von den zwei Jahren im Gouverneursamt, keine Exekutiverfahrung - für jemanden, der den Präsidenten beerben soll, falls ihm etwas zustößt, eine fragliche Qualifikation. McCains Hauptargument gegen Obama - dass der ein Grünschnabel sei und ungeeignet zum Oberkommandierenden der Truppen - ist damit wahrscheinlich vom Tisch.

"John McCain hat die Ex-Bürgermeisterin einer Stadt mit 9000 Einwohnern, mit Null außenpolitischer Erfahrung, einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt positioniert", kritisierte Obama-Sprecher Bill Burton sofort. Das Obama-Camp, so ist zu hören, freue sich schon, Sarah Palin mit dem alten, weißhaarigen Senatshasen Joe Biden in der Vizekandidaten-Debatte zu konfrontieren. "Ein solches Vabanquespiel kannst du gewinnen", warnte der Ex-Präsidentenberater David Gergen. "Aber du kannst es auch verlieren."

Doch diese Mankos macht McCain selbst mit seiner Fülle außen- und sicherheitspolitischer Erfahrungen wett - während Palin seine eigenen Mängel ausgleicht. Sie spricht ältere Mittelklasse-Frauen an, die Stammwählerinnen Clintons. "Sie ist eine Vorstadt-Mutter", sagte der Pastor Dan Newman der "New York Times".

Sogar eine fünffache Mom: Palin hat drei Töchter im Alter von 7, 13 und 17 Jahren sowie zwei Söhne. Der jüngste, Trig, den sie erst im April zur Welt brachte, leidet am Down-Syndrom. Das hatten Palin und ihr Ehemann Todd von Anfang an gewusst, dank Gentests, aber trotzdem eine Abtreibung verweigert - auch das ist ein Pluspunkt bei vielen Republikanern und manchen Demokraten, die sich "pro-life" nennen. "Ich schaue ihn an und sehe Vollkommenheit", sagte Palin nach der Geburt. Drei Tage später saß sie wieder in ihrem Büro.

Geboren in Idaho, als Tochter eines Grundschullehrers und einer Sekretärin, erfüllt Palin das klassische Ideal vom einfachen Amerikaner. Sie passt zum gepflegten Outdoor-Image der republikanischen Partei. Schon als Kind jagte sie vor dem Morgengrauen mit ihrem Vater Elche. In der Highschool war sie eine populäre Basketballspielerin, die sie "Sarah Barracuda" nannten. Später in Alaska nahm sie an Hundeschlittenrennen teil.

Reicht das fürs Vizepräsidentenamt? Palins Polit-Lebenslauf ist kurz. Sie saß im Stadtrat. Sie wurde Bürgermeisterin, kürzte Steuern, kappte ihr eigenes Salär. Und sie "beendete verschwenderische Staatsausgaben", wie sie selbst sagt, einen Lieblingssatz McCains zitierend. 2006 gewann sie überraschend und gegen scharfe Konkurrenz die Gouverneurswahl.

Als Gouverneurin schlug sie Brücken zwischen Republikanern und Demokraten. Sie riss eine andere Brücke ab, die berüchtigte "Brücke nach Nirgendwo", jene Bausünde in Alaska, die 400 Millionen Dollar an Steuergeldern gekostet hat und von McCain gerne als Beispiel des Unsinns genannt wird, der in Washington verzapft wird.

Sie kämpfte gegen Korruption und, so sagte sie mit unausgesprochener Reverenz an Hillary Clinton, gegen das "old boy network". Auch stritt sich Palin mit Lobbyisten und den in Alaska besonders engagierten Ölkonzernen. Das verknüpft sie direkt mit zwei der heißesten Reizthemen dieses Wahlkampfs.

"Sie bezieht Stellung für das, was richtig ist", sagte McCain am Freitag. "Sie lässt sich von niemandem sagen, dass sie sich setzen soll."

Palin revanchierte sich, indem sie ihn in Dayton lobte, ohne Maß und Grenzen. Das Geburtstagskind, das die Menge mit einem "Happy Birthday"-Ständchen begrüßt hatte, stand strahlend dabei, mit wohlwollendem Blick. Neben der schmalen Silhouette Palins in ihrem schwarzen Kostüm wirkte er wie ein stolzer Vater.

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