Gouverneurswahl Kalifornier lassen Ebay-Milliardärin abblitzen

Die republikanische Ebay-Milliardärin Meg Whitman führte in Kalifornien den teuersten Gouverneurswahlkampf aller Zeiten - vergebens. Gewonnen hat Jerry Brown, 72, Ex-Gouverneur aus den Jahren 1975-83. Es ist auch ein Erfolg des Gestern und der Angst in einem Staat, der fast unregierbar geworden ist.

AFP

Von , Washington


Es lag Anmaßung in dieser Adresse, 212 South Atlantic Avenue, eine Stripmall in East L.A. Was ein modernes Büro braucht, gab es hier. Telefone, Computer, ein Besprechungszimmer und einen Pausenraum sowie ein Chefzimmer für Moises Merino, den Koordinator für lateinamerikanische Wähler. In den Fenstern klebten die Plakate, die Meg Whitman zur ersten Gouverneurin von Kalifornien machen sollten, "Mejor trabajos" stand da, und "Crear empleos", und bevor Merino abends nach Hause ging, gewöhnlich gegen 21.30 Uhr, knipste er die Leuchtreklame an. Dann strahlte das große Versprechen über East L.A.: "Meg 2010 - Una nueva California", ein neues Kalifornien.

Seit mehr als 30 Jahren hatte sich kein Republikaner mehr mit einem Wahlkampfbüro nach East L.A. gewagt, denn die Gegend galt als hoffnungslos, als festes Revier der Demokraten. Meg Whitman reiste persönlich an, um das Büro zu eröffnen. Denn dieses Büro war auch ein Statement, Ausdruck der Hoffnung auf einen Neuanfang in einer Welt, die seit Jahren von Männern beherrscht wurde, von Ronald Reagan bis Arnold Schwarzenegger.

Nach sieben Jahren unter Amerikas berühmtestem Macho-Mann schien eine Frau, zumal Meg Whitman, die ungelenke, spröde Ex-Ebay-Managerin, das größtmögliche Versprechen zu sein, dass alles anders wird. Aber ihre Niederlage war schon besiegelt, bevor die Wahllokale schlossen. Jerry Brown, der 72-jährige demokratische Ex-Gouverneur, wird nach 27 Jahren erneut ins Gouverneursbüro im State Capitol von Sacramento einziehen.

Whitmans Niederlage ist auch ein Eingeständnis Kaliforniens, dass es einen Neuanfang derzeit nicht wagt. Zwei Jahre lang ist sie in den Wahlkampf gezogen. Sie hat mehr als 140 Millionen Dollar ausgegeben, so viel wie kein anderer Kandidat in Kalifornien vor ihr, zehnmal so viel wie ihr Konkurrent Jerry Brown, das meiste Geld stammte aus ihrem Privatvermögen. Mehr als 90 Wahlkampfbüros unterhielt sie in ganz Kalifornien, sie flutete die Fernsehstationen mit ihren Spots, bis zu 1300 am Tag. Ihrem Chefstrategen Mike Murphy zahlte sie 92.000 Dollar pro Monat.

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Die Wahl in Bildern: Der Triumph der Republikaner
Es war ein Wahlkampf der Superlative, so wie es die Amerikaner lieben und ganz besonders die Kalifornier - aber der Optimismus, die Freude am Neuanfang, die Kühnheit, ja der Irrsinn, der den kalifornischen Mythos ausmachte, waren verlorengegangen, das Streben, der erste Staat im Land zu sein, die Avantgarde Amerikas.

Auch der Wahlkampf der früheren Hewlett-Packard-Chefin Carly Fiorina erwies sich als teure Fehlinvestition - sie gab fünf Millionen Dollar ihres eigenen Geldes aus, um einen der Senatsposten aus Kalifornien zu erobern, unterlag aber der Amtsinhaberin Barbara Boxer. Wieder siegte - zumindest in Kalifornien - das demokratische Establishment.

Dabei ist Kaliforniens Lage desolat. Der Staat ist pleite, die Bibliotheken müssen die Öffnungszeiten verkürzen, öffentliche Parks und Strände schließen, und der Staat hat nicht einmal mehr genug Geld, um regelmäßig die Gehälter seiner Angestellten zu zahlen. Kalifornien hat die schlechtesten Kreditbedingungen im ganzen Land. Das Bildungssystem ist miserabel, im landesweiten Ranking kommt Kalifornien auf Rang 46 von 50 Bundesstaaten. Dieser Staat, darüber sind sich die Analysten inzwischen einig, ist nahezu unregierbar geworden.

Kalifornien hat alles versucht, und nichts hat funktioniert, sogar Arnold Schwarzenegger, die große amerikanische Heldengeschichte, der fleischgewordene kalifornische Traum, hat den Staat nicht retten können. "Schwarzenegger hat alles versucht", sagt Joe Matthews von der New America Foundation, der ein Buch über Schwarzeneggers Amtszeit geschrieben hat und ihn für die "Los Angeles Times" im Wahlkampf begleitet hat. "Er hat es mit den Demokraten versucht, mit den Republikanern, mit den Gemäßigten, er hat jeden möglichen Weg ausgelotet, ohne Ergebnis, aber genau das ist sein großes Verdienst: Er hat gezeigt, dass in Kalifornien nichts funktioniert", sagt Matthews.

Jerry Brown ist nun der Mann der Stunde. Er war zwischen 1975 und 1983 schon einmal Gouverneur, in einer Zeit, die als Goldene Ära in die Geschichte eingegangen ist. Er führte einen Kampf gegen die Todesstrafe und setzte sich dafür ein, dass eine Steuererleichterung für Ölkonzerne wieder gestrichen wurde. Es waren leichtere Zeiten als heute, und ein wenig ist seine Wahl auch mit der Hoffnung verbunden, dass alles wieder werden könnte wie damals. Ein neues Kalifornien ist nicht mehr das Ziel.

Es ist das alte.

insgesamt 3140 Beiträge
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Emil Peisker 02.11.2010
1. als Wichtigstes die HCR auf den Weg gebracht
Zitat von sysopDie Midterm Elections bescherten Demokraten von US-Präsident Barack Obama eine derbe Niederlage. Hat der Hoffnungsträger seine Wähler enttäuscht?
Seine Wähler, die erwartet haben, dass er trotz der massiven Kampagne gegen seine Pläne, diese wird voll umsetzen können, werden tatsächlich enttäuscht sein. Seine klugen Wähler allerdings, die werden erkennen, dass er trotz der massiven GOP- und Teabagger-Kampagne gegen ihn und seine Politik, eine Menge erreicht hat und als Wichtigstes die HCR auf den Weg gebracht hat. Und ich glaube nicht, dass nach 2012, sollte er die Wiederwahl verlieren, die HCR zurückgenommen wird. Das wird sich kein republikanischer Präsident trauen.
Friise 02.11.2010
2. Obama ist kein Erlöser
Obama hatte von vornherein keine Chance. Seinen Anhänger ist er nicht radikal genug, für seine Gegner ist er eine Mischung aus Hitler und Stalin. Und in der Tat ist es natürlich Kommunismus, wenn die Lobbyisten der Wirtschaft nicht als Minister am Kabinettstisch sitzen, wie das bei George W. der Fall war. Nun wir man möglicherweise die Knalltüte Sarah Pailin in zwei Jahren zur Präsidentin wählen und dann wird die Wirtschaft wieder die Regierung übernehmen. Das ist allerdings kein Musterbeispiel für Demokratie, sondern eher dessen Karikatur. Den Scherbenhaufen, den Bush hinterlassen hat wird man auch in 20 Jahren noch nicht weggeräumt haben. Zudem ist mit China eine neue Weltmacht auf den Plan getreten, die der Welt ihre Regeln diktieren wird. Wir gehen unruhigen Zeiten entgegen.
ray4901 02.11.2010
3. sowohl als auch
Zitat von sysopDie Midterm Elections bescherten Demokraten von US-Präsident Barack Obama eine derbe Niederlage. Hat der Hoffnungsträger seine Wähler enttäuscht?
Wahrscheinlich schon auch, aber die Gegner haben sich hinter Soccer Mums, Waffennarren, Libertarians, Gottesfürchtigen und Wallstreet Bankern, mit lautem Teetassengeklimper und FOX deutlich besser organisiert als 2008. Da ist eigentlich (drüben) alles klar. Nur hier bei uns bin ich auf die Beiträge der echten Linken und Moralisten gespannt. Eine Ahnung habe ich auch da. ;-)
rosomak, 02.11.2010
4. Kann mir das mal einer erklären?
Schon lustig wie der Spiegel von Obama einfach nicht lassen kann. Alte liebe rostet nicht?
Klaschfr 02.11.2010
5. Gut gemeint
Obama wird Opfer seiner eigenen Fehler. Der Urfehler war es, nach der Amtsübbernahme nicht sofort den Saustall auszumisten, den sein Vergänger hinterlassen hatte und diesen wie seine Mittäter (die Viererbande!) vor Gericht zu stellen. Das hätte seiner neuen Politik einen entscheidenden Impuls gegeben und klargestellt, daß auch ein verbrecherischer Präsident der USA nicht ungestraft Völker- und Menschenrecht verletzen kann. Und als Friedensnobelpreisträger mit Vorschuss hätte er die Beendigung der für das Ansehen der USA katastrophalen Kriege stärker vorantreiben müssen. Guantánamo ist noch immer da, es wird im Irak und inn Afghanistan weiter gefoltert und gemordet! Wann will er denn anfangen, eine neue Politik zu machen? Im eigenen Land hat er Aufgaben für drei Präsidenten auf einmal! So wird er ein Opfer seiner eigenen Zurückhaltung und der Besorgnis erregenden Verdummung des US-Bürgers.
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