Londoner Hochhausbrand Regierung soll Brandschutz-Empfehlungen ignoriert haben

Premierministerin Theresa May wird nach dem Londoner Hochhausbrand mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Das Feuer hätte offenbar verhindert werden können - wenn die Regierung auf Warnungen reagiert hätte.


Montag, 11 Uhr: Für eine Minute will Großbritannien der Opfer der Brandkatastrophe im Grenfell Tower gedenken. In allen öffentlichen Gebäuden werde Stille herrschen, teilte die Regierung mit. Andere Organisationen werden aufgefordert mitzumachen. Queen Elizabeth II., die am Samstag ihren Geburtstag mit einer Parade feierte, legte bereits auf den Stufen des Buckingham Palace eine Schweigeminute ein.

Bei der Katastrophe im Londoner Stadtteil Kensington am Mittwoch sind mindestens 58 Menschen gestorben, 18 werden noch in Krankenhäusern behandelt. Der Brand hat im Land eine heftige Debatte über Brandschutz, Deregulierung und die soziale Frage ausgelöst.

Premierministerin Theresa May steht schwer unter Druck. Wütende Demonstranten stürmten am Freitag das Rathaus von Kensington und bedrohten May bei einem Besuch am Brandort. "Schande über dich", "Feigling" und "May muss weg", riefen sie. Die Regierungschefin hatte bei einem ersten Besuch am Brandort nicht mit Bewohnern gesprochen, sondern war schnell wieder verschwunden. Auch hatte die Regierung bei der Betreuung der Betroffenen versagt. Die Unterstützung sei "nicht gut genug" gewesen, räumte May nun ein.

"Es muss wohl erst eine Katastrophe passieren"

Schwerer noch wiegt der Vorwurf, dass die konservative Vorgängerregierung von David Cameron seit Jahren Empfehlungen von Brandschutzexperten ignoriert habe. Der Brand sei vermeidbar gewesen, schrieb Londons Bürgermeister Sadiq Khan im "Observer". Der Labour-Politiker warf den Konservativen jahrelange Vernachlässigung des sozialen Wohnungsbaus vor.

Laut "Observer" hat die Regierung schon nach einem Brand im Lakanal House 2009 versäumt, die Feuerschutzvorschriften zu verschärfen. Ein Ermittlungsbericht hatte dies 2013 empfohlen. Alle Forderungen nach Gesetzesänderungen seien abgeblockt worden, sagte Ronnie King, ehemaliger Feuerwehrmann und heute Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Brandschutz, dem Blatt.

Untersuchungen würden wohl nicht ausreichen - "es muss wohl erst eine Katastrophe passieren", sagte King. Bei dem Lakanal-House-Brand waren sechs Bewohner ums Leben gekommen. Die Ursachen klingen ähnlich wie beim Grenfell Tower: "unsichere Renovierungsarbeiten, mangelhafter Brandschutz, keine Sprinkleranlagen, und Bewohner wurden aufgerufen, in ihren Wohnungen zu bleiben, obwohl das Feuer rasch um sich griff", schreibt der "Observer".

Wäre das Gutachten, das 2013 zu dem Brand veröffentlicht wurde, beachtet worden, hätten viele Leben im Grenfell Tower gerettet werden können, so die Zeitung. Die Toten seien Opfer einer Kultur geworden, "die geprägt ist von der Gleichgültigkeit gegenüber den Ärmeren, in der Vorteile des Marktes mehr gelten als ein positives Wirken des Staates und in der Sachverständigengutachten und Regeln zwecks Sparmaßnahmen einfach missachtet werden."

Finanzminister Hammond: "Korrekt auf Empfehlungen reagiert"

Der britische Finanzminister Philip Hammond widersprach den Vorwürfen: "Nach meiner Einschätzung haben wir korrekt und angemessen auf diese Empfehlungen reagiert", sagte er am Sonntag in einer BBC-Morgenshow. Wie genau, führte er nicht aus.

Eine dringend erwartete Gesetzesänderung sei laut "Observer" noch nicht einmal begonnen. "Wir haben noch keinen Zeitplan für eine Änderung der Bauvorschriften im Ganzen", antwortet der Staatsekretär für Wohnungswesen Gavin Barwill im vergangenen Oktober auf eine Parlamentsanfrage, "wir haben uns aber öffentlich dazu bekannt, Part B [Regeln zu Brandschutz] als Folge des Lakanal-House-Brandes zu ändern." Auch in der vergangenen Woche wollte sich Barwilll nicht zu dem Zeitplan äußern.

"Sowohl Konservative als auch New Labour waren stets abgeneigt, wenn es darum ging, Schutzbestimmungen zu erlassen, selbst wenn der Bedarf daran groß war", hatte der "Guardian" vor wenigen Tagen kritisiert. Dagegen sei das politische Establishment stets zugänglich gewesen für Wirtschaftsverbände und deren Wünsche nach Abschaffung bestehender Sicherheitsbestimmungen. "Deregulierung dieser Art ist ein Kernteil der neoliberalen Ideologie, der sowohl die Konservativen als auch New Labour unter Tony Blair erlagen."

Der Labour-Abgeordnete David Lammy hat die Polizei und die Regierung inzwischen aufgefordert, alle Dokumente zur Renovierung des Grenfell Towers sicherzustellen. Der Abgeordnete, der eines der Opfer kannte, sagte, er sei besorgt, dass die Unterlagen vernichtet würden, bevor die Beweissicherung beginne. Die Hochhausbewohner befürchteten eine Vertuschung der Wahrheit. Das Vertrauen in die Behörden sei massiv gesunken.

Bürgermeister Khan schrieb im "Observer", viele Hochhäuser aus den Sechziger- und Siebzigerjahren entsprächen nicht den heutigen Sicherheitsstandards. Als Lösung bleibe vielleicht nur der Abriss.

abl/AP/Reuters

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batmanmk 18.06.2017
1. Eine Theorie
Als Lösung bietet sich auch an bereits genehmigten Bauten nicht einfach mit leicht brennbaren Rohölprodukten zu bekleben und dies und den anschließenden Schimmelwuchs in und außerhalb der Fassaden als Energiesparmaßnahme zu verkaufen.
luwigal 18.06.2017
2.
Wann werden die Politiker endlich vor den Richter gezerrt, der über ihre Unfähigkeit Urteil spricht? auf dass sie Verantwortung für all das übernehmen, was in ihren Namen geschehen ist.
conny1969 18.06.2017
3. die EU
Die EU hat doch bei der Dämmung die Standards in vielen Ländern gesenkt. Stichwort EU-Norm. Der Grund, die EU wollte verhindern, dass die Länder ihre individuellen Normen nutzen, um die eigene Industrie anzukurbeln und Hersteller aus anderen Ländern vom Wettbewerb ausschließen.
zynik 18.06.2017
4.
...deutlicher kann es wohl nicht werden, dass eine Ideologie auch über Leichen geht. Zumindest solange es die Armen trifft.
margei 18.06.2017
5.
Zitat: "die geprägt ist von der Gleichgültigkeit gegenüber den Ärmeren, in der Vorteile des Marktes mehr gelten als ein positives Wirken des Staates und in der Sachverständigengutachten und Regeln zwecks Sparmaßnahmen einfach missachtet werden." So ist das halt mit Neoliberalismus, da zählt der Mammon mehr als Menschenleben! Wenn man aber Werte wie Demokratie, Schutz des Einzelnenoder sogar soetwas unerhörtes wie soziale Verantwortung erwähnt kann man sich glücklichschätzen wenn man nur mit Kommunist betitelt wird. Zeitgleich schwafeln alle vom Linksruck der Union usw. Für mich ist Fakt das Europa seit den 90er Jahren sich durch alle Parteien aller europäischen Länder eine Ideologie ausgebreitet hat - die des wirtschaftlichen Neoliberalismus wo das umschichten von Unten nach Oben das oberste Ziel ist. GB ist da wie schon immer darin einer Vorreiterrolle in Europa und wenn die Öffentliche Meinung dort nicht so hochkochen würde, würde wohl in irgendeinen snobistischen Upperclass-Herrenclub noch blöde Witze darüber gerissen werden.
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