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Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze: "Nirgendwo gibt es noch Sicherheit"

Aus Idomeni berichten und (Video)

SPIEGEL ONLINE

Ganze Familien schleppen sich mit ihrer spärlichen Habe zur griechisch-mazedonischen Grenze, viele schlafen im Freien. Ein syrisches Paar mit zehn Kindern erzählt, warum es die Strapazen auf sich nimmt.

Mit einer vollen Ikea-Tasche auf dem Kopf trottet die 30-jährige Dahar einen Feldweg in der Nähe der griechisch-mazedonischen Grenze entlang. Vor und hinter ihr schleppt sich der Rest der Familie dahin, jeder mit ein paar Tüten in der Hand und einem Rucksack.

"Wir kommen aus Deir Essor", sagt Dahar. Das liegt im Nordosten Syriens. In einem Teil der Stadt herrscht das syrische Regime, im anderen der "Islamische Staat". "Und wir sind zwischen den beiden", sagt Dahar.

Sie ist mit ihrem Mann, dessen zweiter Ehefrau Samara und den zehn Kindern unterwegs. Die Kinder sind zwischen sechs Monaten und zehn Jahren alt. Immer wieder müssen sie auf dem Feldweg Pausen machen, weil die Kinder nicht hinterherkommen oder Dahar erschöpft ist. Sie ist im vierten Monat schwanger.

Derzeit machen sich vor allem Familien auf den Weg nach Europa. Im Januar kamen erstmals mehr Frauen und Kinder als Männer auf den griechischen Inseln an. Warum schicken sie nicht mehr wie bisher die jungen Männer vor? Warum tun sie sich diese Strapazen an?

Die Geflüchteten verstehen nicht, warum die Grenzen nun zu sind

"Es geht einfach nicht mehr", sagt der 34-jährige Dahab, Dahars Ehemann. "Ich kann nicht meine Kinder zurücklassen und in ein paar Monaten nachholen. Nirgendwo gibt es noch Sicherheit."

Dahab hatte zuerst in dem Teil Deir Essors gelebt, der vom syrischen Regime beherrscht wird. Sicher fühlte er sich dort nicht. Er lebte in ständiger Angst, plötzlich verhaftet und getötet zu werden. Als strenggläubiger Sunnit konnte er schnell als vermeintlicher Spitzel des "Islamischen Staates" gelten. Also zog er um auf die andere Seite, zu den Dschihadisten. Dort erging es ihm genauso: Der IS vermutete, er könne ein Spitzel des Regimes sein, schließlich habe er so lange auf der anderen Seite gelebt.

Im Video: "Jeder hat Angst, den Moment zu verpassen!"

DPA

Drei seiner Brüder leben bereits in Deutschland. Der letzte machte sich erst vor zwei Wochen mit seiner Familie auf den Weg. "Er kam schon nach einer Woche in Deutschland an. Ein Land pro Tag", erzählt Dahar. "Und wir? Wir waren allein eine Woche in Athen! Wir haben dort auf der Straße geschlafen."

"Was hat sich in den vergangenen zwei Wochen geändert?" fragt ihr Ehemann. "Warum ist die Grenze jetzt zu?" Es ist eine Frage, die man häufig von den Flüchtlingen hört. "Wenn Europa keine Flüchtlinge will, warum hat es dann zuerst die Grenzen aufgemacht? Warum hat es die Grenze dann nicht gleich zugelassen?", fragt er.

Sie wollen im Windschatten der Gleise schlafen

Die Flüchtlinge müssen die letzten Kilometer bis zur griechisch-mazedonischen Grenze zu Fuß zurücklegen. Busse und Taxis dürfen sie nicht dorthin bringen. Die griechische Regierung will nicht, dass direkt an der Grenze ein Lager entsteht. Doch genau das passiert gerade.

Hilfsorganisationen schätzen, dass derzeit bereits 10.000 Menschen in der Grenzstadt Idomeni kampieren. Jeden Tag kommen mehrere hundert dazu. Ein immer größeres Lager zieht sich die Grenze entlang, Campingzelte werden auf den Äckern der einheimischen Bauern errichtet. Andere Flüchtlinge schlagen ihr Lager hinter dem Bahnhof von Idomeni auf, weil es dort etwas windgeschützter ist.

Die Lage ist chaotisch: Es gibt keine offizielle Information darüber, wer wann weiterreisen kann. Also harren die Geflüchteten lieber direkt an der Grenze aus als in einem zehn Kilometer entfernten Lager, das die griechische Armee baut. Alle haben Angst, sonst den Moment zu verpassen, in dem die Grenze vielleicht doch wieder aufgeht. Keiner will in Griechenland bleiben, alle wollen nach Deutschland.

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Idomeni: Das lange Warten an der Grenze

Am Bahnhof von Idomeni macht Dahab mit seinen Frauen und den Kindern ein letztes Mal Pause. Sie stellen die Taschen und Rucksäcke ans Bahngleis. Die Frauen und Kinder legen sich erschöpft darauf, während Dahab vor zur Grenze geht, wo internationale Hilfsorganisationen Zelte, Schlafsäcke, Essen und Wasser verteilen. Aber er hat Pech, es gibt keine Zelte mehr. Die Familie will im Freien übernachten - neben den Bahngleisen.

Das sind die neuen Routen, über die Flüchtlinge jetzt nach Nordeuropa geschleust werden:

Von Griechenland aus wurden die Migranten von Schleusern bislang durch Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien in Richtung Österreich und Deutschland gebracht. Weil Mazedonien täglich aber nur noch ein paar Hundert Migranten ins Land lässt, stauen sich die Flüchtlinge an der Grenze Griechenlands, in den Flüchtlingslagern und in Athen. "Sie werden sich neue Routen um Mazedonien suchen", sagt Europareferent Karl Kopp. "Jetzt schlägt die Stunde der Schleuser."

Die Griechenland-Italien-Route: Für etwa 2500 Euro können die Migranten, versteckt in einem Container, auf Fähren und Seeschiffen von Piräus aus illegal an die Südspitze Italiens gelangen.

Migranten in Athen haben griechischen Medien berichtet, dass sie auf der Straße von Schleusern direkt auf den Transfer angesprochen wurden. Eine Garantie, dass sie bei der Überfahrt nicht entdeckt werden, gibt es natürlich nicht.

Die Albanien-Apulien-Route: Wenn sich die Flüchtlinge durch Westgriechenland über die albanische Grenze durchgeschlagen haben, warten auch dort bereits Schleuser auf sie. Tausende sollen bereits auf dem Weg nach Albanien sein. Eine nächtliche Überfahrt zum italienischen Apulien in einem Fischerboot birgt jedoch ein hohes Risiko.

Die Entdeckungsgefahr durch die Küstenwache ist hoch, doch die Nähe zu Italien für die Flüchtlinge verlockend. Von der albanischen Hafenstadt Vlorë über die Adria bis zur ostitalienischen Küste vor der Stadt Lecce sind es beispielsweise nur etwa 100 Kilometer.

Bosnien-Herzegowina-Route: Eine weitere Möglichkeit auf dem Westbalkan ist der Weg durch Albanien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina bis nach Kroatien entlang der Adriaküste. Lange war die Route über Montenegro und Bosnien-Herzegowina unter anderem wegen der Minengefahr zu riskant.

Jetzt würden Schleuser die Route über den Westbalkan durch Bosnien-Herzegowina reaktivieren, glaubt der Europareferent von Pro Asyl, Karl Kopp.

Kosovo-Serbien-Route: Zu politischen Spannungen dürfte es führen, sobald Flüchtlinge von Griechenland und Albanien über die Republik Kosovo nach Serbien ziehen werden. Mitarbeiter der Hilfsorganisation Humedica halten diese Ausweichroute mit erhöhtem Konfliktpotenzial für wahrscheinlich.

Denn der Kosovo ist von der Regierung in Belgrad nicht als souverän anerkannt. Serbien müsste bei einer möglichen Grenzkontrolle wohl einen Zaun an der Grenze zum Kosovo errichten. Das käme der Anerkennung der Republik gleich.

Bulgarien-Route: Die Route durch Bulgarien nach Serbien oder über Rumänien nach Ungarn gilt als unpopulär - vor allem wegen des brutalen Vorgehens der Polizei in Bulgarien gegen Flüchtlinge. Laut offiziellen Angaben wurden dort im Januar nur 1966 Flüchtlinge registriert. Dabei war es bisher aufgrund des schwachen Grenzschutzes eher einfach, das Land zu passieren.

Nun unterstützt das bulgarische Militär die Polizei an der Südgrenze, wie die Organisation Bordermonitoring berichtet. Am 25. Februar 2016 machte das Parlament in Sofia den Grenzschutz auch offiziell zur Aufgabe des Militärs. Zuvor wurde Bulgarien auch von serbischen Behörden explizit zur Verstärkung der Westgrenze aufgefordert.

Schwarzes Meer: Ebenfalls für Schleuser attraktiv könnte die Schwarzmeer-Route werden. Dass Flüchtlinge von der türkischen Nordküste bis nach Bulgarien oder an die rumänische Küste nach Europa eingeschleust werden, sei denkbar, schätzt Pro-Asyl-Referent Karl Kopp. So würden Schleuser auch dem Nato-Einsatz in der Ägäis ausweichen.

Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

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