Grenze zwischen Syrien und Türkei Der Todesstreifen

Assad und Russland zerbomben Aleppo, Zehntausende sind auf der Flucht. Doch die Türkei hat ihre Grenze zu Syrien auf Druck der Europäer abgeriegelt. Wer jetzt noch entkommen will, riskiert sein Leben.

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Aus dem Grenzgebiet berichten Riham Alkousaa und


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Baschar Mustafa, 14 Jahre alt, irrt gemeinsam mit einer Familie aus Aleppo durch das syrisch-türkische Grenzgebiet. Er ist noch wenige Hundert Meter von der Türkei entfernt, als türkische Soldaten über Lautsprecher brüllen: "Stopp!"

Baschar hört das Rattern der Maschinengewehre. Er wirft sich auf den Boden. Einige Meter von ihm entfernt liegt Ali, sein Cousin, 15 Jahre alt, reglos im Staub. Eine Kugel hat ihn in den Kopf getroffen. Blut rinnt über sein Gesicht. Baschar will zur Hilfe eilen, doch die Soldaten schießen weiter. Er harrt stundenlang zwischen Dornenbüschen aus. Erst als die Grenzwächter am Morgen das Feuer einstellen, kann er den Leichnam seines Cousins bergen.

Baschar sitzt im Schatten eines Olivenbaums auf den Feldern Nordsyriens und berichtet von der dramatischen Szene, die sich bereits im Sommer 2016 ereignete. Er trägt kurze, schwarze Haare, ein ausgewaschenes Poloshirt. Tränen stehen in seinen Augen, als er davon erzählt, was ihm und Ali widerfahren ist. Was den Menschen an der syrisch-türkischen Grenze seit Monaten beinahe jeden Tag widerfährt.

Der Krieg in Syrien erreicht in seinem fünften Jahr ein neues Ausmaß an Brutalität. Diktator Baschar al-Assad hat die Bombenangriffe auf Zivilisten mit Unterstützung Russlands und Irans weiter verschärft. Sein Regime steht kurz davor, Aleppo zu erobern. (Lesen Sie hier einen Kommentar zum brutalen Vorgehen in der Metropole.) Der französische Uno-Botschafter warnt vor dem "schlimmsten Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg". Tausende Menschen flohen in den vergangenen Tagen aus der Stadt. Doch die Wege in die Nachbarstaaten sind weitgehend versperrt.

Im Video: Die Tragödie von Aleppo - in Zahlen

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Die Krise hat sich verlagert

Die Türkei, die in den vergangenen Jahren fast drei Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat, hat ihre Grenzen im Zuge des EU-Flüchtlingsdeals im Frühjahr abgeriegelt. Syrer, die mit dem Flugzeug oder Schiff aus einem Drittstaat wie Libanon oder Jordanien in die Türkei einreisen wollen, benötigen ein Visum, das die Behörden allerdings nur in Ausnahmefällen genehmigen. Der Landweg ist geschlossen.

Die Bundesregierung behauptet, der Türkei-Deal habe die Flüchtlingskrise eingedämmt. In Wahrheit hat sich die Krise nur verlagert. Jenen Wall, den Bundeskanzlerin Angela Merkel an der deutschen Grenze unter keinen Umständen haben wollte, hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan an der Grenze zu Syrien errichtet: Eine Betonmauer, mehrere hundert Kilometer lang, drei Meter hoch, hält Migranten fern. Die Menschen sterben nun nicht mehr in der Ägäis, wo die Zahl der Bootsüberfahrten nach Griechenland nach Abschluss des Deals zurückgegangen ist. Sie sterben an der türkisch-syrischen Grenze.

SPIEGEL ONLINE hat in den vergangenen Monaten in Syrien und in der Türkei Aussagen von mehr als einem halben Dutzend Zeugen zusammengetragen, die dabei waren, als türkische Grenzschützer auf Schutzsuchende schossen. Human Rights Watch dokumentierte im Mai sieben ähnliche Fälle. Die syrisch-türkische Grenze hat sich in einen Todesstreifen verwandelt.

Baschar Mustafa und sein Cousin Ali sind in al-Duriya aufgewachsen, einem Dorf an der Grenze zur Türkei. Ali war das älteste von fünf Geschwistern. Er sorgte für die Familie, nachdem sein Vater vor vier Jahren von Schergen Assads verschleppt worden war. Er erntete Oliven auf den Feldern Nordsyriens. Manchmal verdienten er und Baschar Geld hinzu, indem sie Landsleuten den Weg in die Türkei wiesen. So auch in jener Nacht, in der türkische Soldaten das Feuer eröffneten. "Wir wissen, dass die Türken an der Grenze streng sind", sagt Baschar. "Aber wovon sollen wir leben?"

Die Schlepperbranche floriert

Hilfsorganisationen schätzen, dass eine halbe Million Syrer im Grenzgebiet ausharren, in der Hoffnung, in die Türkei fliehen zu können. Die Lager an der Grenze sind überfüllt. Frauen und Kinder schlafen in Gebüschen, Nahrung wird knapp.

In Nordsyrien ist seit der Grenzschließung durch die Türkei eine Schmugglerindustrie entstanden. Bis Jahresbeginn schafften Schlepper Migranten für weniger als 100 Euro über die Grenze. Inzwischen müssen Flüchtlinge bis zu 1000 Euro bezahlen, um in die Türkei zu gelangen. Die meisten scheitern trotzdem bei dem Versuch. Von tausend, die es versuchten, komme höchstens einer durch, schätzt ein Kommandant der Freien Syrischen Armee (FSA), der im Norden Syriens stationiert ist.

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Türkische Grenze: Bollwerk gegen die Schutzsuchenden

Der Rebellenführer ist über WhatsApp mit FSA-Kämpfern, Aktivisten, Schmugglern, Notärzten verbunden. Er erhält regelmäßig Nachrichten über Syrer, die auf der Flucht verwundet oder getötet wurden. Türkische Soldaten würden inzwischen auf jeden Migranten schießen, der sich der Grenze auch nur nähere, sagt er. Die türkische Armee dementiert die Vorwürfe und spricht von "Warnschüssen".

Wem die Flucht trotzdem gelingt, der läuft Gefahr, in der Türkei von Sicherheitskräften verhaftet zu werden. Es gibt Berichte über Misshandlungen. Ein Ingenieurstudent aus Deir ez-Zor, im Osten Syriens, erzählt, er sei zwei Tage lang in eine Militärbaracke nahe der türkischen Grenzstadt Reyhanli gesperrt worden. Er habe weder etwas zu essen noch zu trinken bekommen. Die türkischen Soldaten hätten ihn geschlagen, ausgeraubt und mit weiteren Flüchtlinge anschließend in einem Bus zurück über die Grenze nach Syrien gekarrt.

Europa toleriert die Schüsse an der Grenze

Solche Vorwürfe passen so gar nicht zur von Präsident Erdogan offiziell ausgerufenen Politik der "offenen Tür". Die Mauer an der Grenze zu Syrien, diene dem Schutz vor Terroristen, nicht der Abwehr von Flüchtlingen. Kämpfer des "Islamischen Staats" haben in den vergangenen Monaten wiederholt Anschläge in der Türkei verübt. Ende August starben 55 Menschen bei einem Attentat auf einer Hochzeit im Südosten der Türkei. Die türkische Armee ist kurz darauf in Syrien einmarschiert, um den IS und kurdische Milizen aus der Grenzregion zu vertreiben. Erdogan will in Nordsyrien eine "Sicherheitszone" schaffen. Flüchtlinge, so sein Kalkül, könnten auch dort unterkommen.

Erdogan habe sich lange Zeit in der Rolle als Schutzpatron der Muslime aus Syrien gefallen, glaubt Metin Corabatir, der Vorsitzende des Forschungsinstituts für Asyl und Migration (IGAM) in Ankara. Inzwischen aber seien die Spannungen zwischen syrischen Migranten und türkischen Bürgern gewachsen, die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie seit sieben Jahren nicht mehr. "Erdogan hat kein Interesse daran, weitere Flüchtlinge ins Land zu lassen", sagt Corabatir.

Die Europäer tolerieren die Menschenrechtsverletzungen an der syrisch-türkischen Grenze. Weder die Bundesregierung noch die EU-Kommission haben sich für die Aufklärung der Schüsse eingesetzt. Kanzlerin Merkel setzt darauf, dass Erdogan die Flüchtlinge von Europa fernhält - egal mit welchen Mitteln.

Baschar Mustafa begleitet seine Tante Mariam an Alis Grab auf einem Hügel über dem Dorf. Die beiden knien vor einem Felsbrocken, der mit Sträuchern geschmückt ist. Mariam Mustafa vergräbt das Gesicht in den Händen. Sie sagt, sie wisse nicht, wie es weitergeht. Wie sie die Familie ernähren soll. Mariam Mustafa will Alis Mörder zur Rechenschaft ziehen. Doch sie hat niemanden, an den sie sich wenden könnte. Sie schüttelt den Kopf: "Wer interessiert sich schon für uns?"


Zusammengefasst: Der Bürgerkrieg in Syrien wird immer brutaler - damit steigen auch die Zahlen der Vertriebenen. Doch gerade im Norden des Landes kommen diese oft nicht weiter: Die Türkei hat ihre Grenze quasi dichtgemacht, es gibt immer wieder Berichte über tödliche Schüsse auf Hilfesuchende. In Europa wird dieses Bollwerk gegen die Flüchtlinge schweigend geduldet. Im Grenzgebiet wächst die Verzweiflung.

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