Grenzgebiet zu Pakistan Offenbar sechs Deutsche in Afghanistan erschossen

Im Norden Afghanistans sind die Leichen von zehn Menschen entdeckt worden, darunter drei Frauen. Die Getöteten sollen für eine christliche Hilfsorganisation als Augenärzte gearbeitet haben. Sechs der Toten sollen nach ersten Angaben Deutsche sein. Die Berichte sind jedoch widersprüchlich.

US-Patrouille in Nuristan (2009): In diese Provinz wollten die Ermordeten fahren
AFP

US-Patrouille in Nuristan (2009): In diese Provinz wollten die Ermordeten fahren


Kabul - Die Getöteten waren in einem entlegenen Berggebiet im Nordosten des Landes unterwegs, teilte der Polizeichef der Provinz Badachschan, Agha Nur Kentus, mit. Sie hätten im Grenzgebiet zu Pakistan gezeltet.

Der einzige Überlebende der Gruppe habe berichtet, dass die Gruppe vor allem aus Augenärzten eines Kabuler Krankenhauses bestanden habe und auf dem Weg von Badachschan in die Nachbarprovinz Nuristan gewesen sei. Die Mediziner seien am letzten Tag der Reise von einer Gruppe Bewaffneter angehalten worden. Diese hätten sie in einer Reihe aufgestellt und erschossen. Drei der Getöteten seien Frauen gewesen.

Nach ersten Informationen sollen sechs der Toten Deutsche sein. Inzwischen hat jedoch der Chef einer medizinischen US-Hilfsorganisation in Kabul angebeben, sechs der Toten seien US-Bürger, zwei andere Ausländer, darunter ein Deutscher. Dirk Frans, Direktor der International Assistance Mission, sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur AP, die Gruppe sei auf der Rückkehr von einem Besuch einer Augenklinik in Nuristan gewesen. Die International Assistance Mission ist eine christliche Organisation, die sich in Afghanistan um medizinische Betreuung kümmert.

Vom Auswärtigen Amt gab es am Samstagmorgen zunächst keine Bestätigung. Die deutsche Botschaft in Kabul sei mit den afghanischen Behörden in Kontakt und gehe den Informationen nach, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Man schicke auch ein Team zur Aufklärung des Vorfalls nach Nordafghanistan. Eine Sprecherin der US-Botschaft in Kabul bestätigte, dass sich unter den Getöteten mehrere US-Bürger befinden.

Kurz nach Bekanntwerden der ersten Nachrichten über den Vorfall meldete sich Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahed bei mehreren Journalisten und bekannte sich zu dem Überfall. Demnach habe es sich bei den Toten um "christliche Missionare" gehandelt, die Geheimdienstinformationen in der Gegend gesammelt hätten.

Ob die Aufständischen wirklich hinter der Tat stecken, ist jedoch ungewiss, da alle bisherigen Erkenntnisse auf einen Raubüberfall hindeuten. Zudem würde die Erschießung der Ausländer nicht ins Muster der Taliban passen. Diese hätten vor allem westliche Helfer eher als Geiseln genommen und politische Forderungen für ihre Freilassung gestellt.

Die Toten waren am Donnerstag in einem dichten Waldgebiet neben drei von Einschüssen durchlöcherten Autos im Distrikt Kuran Wa Munjan entdeckt worden. Ihre Körper seien von Kugeln durchsiebt gewesen. Ausrüstung und Geld seien gestohlen worden. Die Nachrichtenagenturen dpa und AFP melden unter Berufung auf den Polizeichef, die Opfer seien anhand ihrer Pässe identifiziert worden. AP zitiert jedoch die gleiche Quelle mit den Worten: "Wir konnten keine Ausweise oder etwas in der Art finden. Es wurde nichts zurückgelassen." Der Afghane, der den Überfall überlebt habe, habe gesagt: "Ich habe geschrien und den heiligen Koran rezitiert und gesagt: 'Ich bin Muslim. Tötet mich nicht.'"

Dorfbewohner berichteten, sie hätten rund 15 Tage zuvor Ausländer in der Gegend gesehen, die mit geländegängigen und mit Vierradantrieb ausgestatteten Wagen unterwegs waren. Vor zwei Tagen hätten sie die Autos verlassen gefunden und dies der Polizei gemeldet. Daraufhin seien Suchtrupps ausgeschickt worden.

Shoib Najafizada mit Material von dpa/AFP/reuters



Forum - Ist der Afghanistankrieg noch zu gewinnen?
insgesamt 4924 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gandhi, 25.07.2010
1. Wie oft soll dieser Krieg
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
denn noch gewonnen werden? Wie oft sollen wir uns denn noch anhoeren muessen, dass jetzt die entscheidenden 6 Monate kommen? Dass, wenn "wir" alles richtig machen, der Krieg dann gewonnen ist. Ich kann es schon gar nicht mehr hoeren. Das Einzige, was diesen Krieg beendet, ist ein Ereignis, bei dem eine grosse Menge Soeldner sich aus dieser Welt verabschieden. Dann wird der politische Druck so gross, dass das Gerede davon, dass Freiheit und Demokratie in Afghanistan die Opfer wert sind, untergeht im Protest. Die Afghanen sollen ihren eigenen Weg gehen, ihre eigenen Probleme loesen. Von aussen koennen deren Probleme auch nicht in 10 oder 20 Jahren geloest werden.
ayamo, 25.07.2010
2. Titel
Plain and simple? Ein militärischer Sieg? Auf gar keinen Fall. Irgendein schaler Verhandlungsfrieden mit den Taliban wäre allerdings auch nicht ideal, da diese sich nicht an solche Verträge/Vereinbarungen halten.
kleenermann 25.07.2010
3.
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Wie oft soll diese Frage noch gestellt werden? Nein, man kann ihn nicht gewinnen.
edgarzander 25.07.2010
4. Wo ist der Aha-Effekt?
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Enthüllungen? Ich hätte mir da ein bischen mehr erwartet und war nach dem Durchlesen des Artikels irgendwie enttäuscht. Ist doch alles inzwischen mehr oder weniger bekannt...
machorka-muff 25.07.2010
5. red herring
der westen kann und braucht in afghanistan nicht zu gewinnen: abmarsch! die sache mit der enthüllung brisanter kriegsdokumente riecht faul - wahrscheinlich der nächste verarschungs coup der cia.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.