Grenzstreit Pulverfass am Schatt al-Arab

Über den Schatt al-Arab streiten sich seit Jahrzehnten Groß- und Regionalmächte. Der jüngste Zwist zwischen London und Teheran um eine angebliche Grenzverletzung zeigt aber: Iranische Empfindlichkeiten und westlicher Schutz für irakische Ölanlagen sind eine besonders explosive Mischung.

Von , Dubai


Als vor einem Jahr das britische Amphibienschiff "HMS Bulwark" das Mündungsgebiet des Schatt al-Arab bewachte, zog sich morgens, mittags und abends immer ein langes, weit überdehntes Telefonhörerkabel von der Kapitänskajüte in die Offiziersmesse hinüber: Kapitän Clive Johnstone legte Wert darauf, auch während seiner Mahlzeiten stets über den Funkverkehr im nördlichen Persischen Golf informiert zu sein.

Der nur knapp 50 Kilometer breite, im Westen an kuweitisches, im Osten an iranisches Hoheitsgebiet grenzende Küstenabschnitt des Irak an der Schatt-al-Arab-Mündung zählt zu den sensibelsten Gewässern der Welt: Hier ragen, gut 20 Kilometer vor der Küste, zwei irakische Ölverladeterminals aus dem Wasser, der Basra- und der Chaur-al-Amaja-Terminal. Bei voller Leistung können Tanker mit täglich etwa 2,5 Millionen Tonnen Öl beladen werden. Da alle anderen irakischen Pipelines vom Terror lahmgelegt sind, bestreitet Bagdad mit dem hier verdienten Geld heute etwa 80 Prozent seines Staatshaushalts. Kein Staat der Welt ist an einem einzigen Punkt so verwundbar.

Deshalb kreuzen seit drei Jahren westliche Marineeinheiten im nördlichen Golf, um die beiden Kronjuwelen des irakischen Ölministeriums zu beschützen. Mal führen die Amerikaner das Kommando, mal die Briten. Zwischenfälle hat es immer wieder gegeben. Im April 2004 detonierten zwei auf arabischen Dau-Schiffen montierte Sprengladungen und setzten die beiden Terminals kurzzeitig außer Gefecht; verantwortlich erklärte sich der Qaida-Führer Abu Mussab al-Sarkawi, allein die Ausfallkosten betrugen 28 Millionen Dollar.

Im Juni 2004 nahm Iran am Schatt al-Arab acht britische Seeleute fest, Ende März 2006 rasten Schnellboote der iranischen Revolutionswächter (Pasdaran) auf das Kommandoschiff "Bulwark" zu – genau die Art von Anlass, für den Kapitän Johnstone immer seinen schweren Schiffstelefonhörer in die Offiziersmesse mitnahm.

Mündungsgebiet des Schatt al-Arab: Sensibles Gewässer
SPIEGEL ONLINE

Mündungsgebiet des Schatt al-Arab: Sensibles Gewässer

Vorigen Freitag nun gerieten 14 Männer und eine Frau von Johnstones Kollegen Jeremy Woods, dem Kapitän der "HMS Cornwall", in iranische Gefangenschaft. Das politische Umfeld dieses letzten Zwischenfalls ist allerdings deutlich angespannter als in allen Fällen zuvor: Seit Monaten verschärft sich der Ton zwischen den USA und Iran, vergangenen Samstag hat der Uno-Sicherheitsrat ein zweites Sanktionspaket gegen Teheran verabschiedet.

Zwar haben sich Amerikaner, Briten und Iraner Anfang März bereit erklärt, zusammen mit anderen Staaten der Region über die Zukunft des Irak zu verhandeln, doch in der politisch wie militärisch aufgeladenen Atmosphäre am Golf ist die Festnahme der 15 Briten genau der Zwischenfall, vor dem die Nachbarn sich fürchten. Heute hat London alle Beziehungen zu Iran auf Eis gelegt.

Die britischen Seeleute seien auf iranischem Territorium festgenommen worden, behauptet Teheran; man sei sich "völlig sicher", dass sie in irakischem Gewässer operiert hätten, sagt der britische Premierminister Tony Blair. So unerhört, wie die Briten die jüngste Festnahme finden, ist der Vorgang für die meisten Iraner aber sicher nicht. Britisches Militär an der Südwestgrenze – das ist in Iran ein heikles Thema, nicht erst seit Bestehen der Islamischen Republik.

Der Großteil des iranischen Ölreichtums ist in der Provinz Chusistan konzentriert, weshalb die Briten den auch von Arabern besiedelten Landstrich nach dem Ersten Weltkrieg allzugern zu einem von ihnen selbst kontrollierten Scheichtum gemacht hätten. Da war allerdings Schah Resa Khan vor, dem es damals gelang, seine Macht zu konsolidieren. Umstritten blieb die Region trotzdem, denn die Begehrlichkeiten der im Irak verbliebenen Briten hielten an.

Entgegen internationaler Gepflogenheit legten die Kolonialherren die Grenze am Schatt al-Arab so fest, dass der Irak den gesamten Grenzfluss bis zum iranischen Ufer kontrollierte. Erst 1975 fand sich die Regierung in Bagdad damit ab, die Grenze auf die Mitte des Flusslaufs zu verlegen – wofür Schah Mohammed Resa seine Unterstützung der aufständischen irakischen Kurden einstellte.

1980 überlegte sich Saddam Hussein die Sache anders, und mit einem irakischen Bombardement der iranischen Raffineriestadt Abadan am Ostufer des Schatt begann der achtjährige Krieg zwischen Irak und Iran. Großbritannien und die USA stellten sich auf die Seite des irakischen Diktators, den sie mit militärischer Aufklärung, Waffen, selbst Giftgas versorgten – eine Hypothek, an der der Westen insgesamt, aber vor allem die Briten, bis heute schwer tragen.

"Iran", stellte der britische Unterhausabgeordnete Andrew Phillips kürzlich fest, "hat von 1980 bis 1988 ähnlich viele Menschen verloren wie wir im Ersten Weltkrieg." Der antibritische Reflex ist in Iran nicht auf die Konservativen oder die Radikalen um Präsident Mahmud Ahmadinedschad beschränkt; er sitzt viel tiefer als der propagandistisch immer wieder hervorgekehrte Hass auf den "Großen Satan" USA.

Worauf also will Teheran hinaus? Noch ist nicht auszuschließen, dass die jüngste Festnahme ebenso glimpflich endet wie die der acht britischen Seeleute im Juni 2004 – damals hatte man sich schließlich auf die Formel verständigt, die Briten seien "irrtümlich" auf iranisches Territorium geraten. Andererseits sind die 15 Briten in der gegenwärtigen Lage Irans wohl ein allzu willkommenes Faustpfand, als dass mit einer schnellen Lösung des Konflikts zu rechnen ist.

Das Regime hätte mindestens zwei Gründe, seine Gefangenen vorerst weiter in Teheran festzuhalten: Es könnte versuchen, sie als Druckmittel im anhaltenden Streit um das iranische Nuklearprogramm einzusetzen – eine gewagte und wahrscheinlich wenig erfolgversprechende Strategie, denn in der Atomfrage steht eine breite internationale Allianz gegen Iran.

Es könnte aber auch versuchen, die 15 Briten gegen jene Iraner auszutauschen, die in den vergangenen Monaten bei diversen Razzien des US-Militärs im Irak festgenommen worden sind. Für diese Strategie gäbe es immerhin einen diplomatischen Rahmen und einen absehbaren Zeitplan: Mitte April wollen sich die Nachbarn des Irak, die Briten und die Amerikaner in Istanbul zu einer zweiten Irak-Konferenz treffen, diesmal sogar auf der Ebene der Außenminister.

Blieben für die 15 Briten etwa 14 Tage Wartezeit – und die Hoffnung, dass kein falsches Wort die Lage eskaliert.

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.