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Grenztumulte im Libanon: "Raus, nur raus"

Aus Masnaa berichtet Ulrike Putz

An der libanesischen Grenze zu Syrien spielen sich tumultartige Szenen ab. Tausende Libanesen, Touristen und Mitarbeiter internationaler Organisationen warten auf Visa. Sie alle wollen nur eins: sich vor dem drohenden Krieg in Sicherheit bringen.

Am Grenzübergang bei Masnaa geht gar nichts mehr. Hunderte von Autos, Bussen und Taxis stauen sich am Samstagnachmittag mit laufenden Motoren vor dem Kontrollhäuschen. Tausende Menschen drängen sich an den Schaltern der libanesischen Grenzpolizei. Sie benötigen einen Stempel im Pass, sonst können sie das nur 50 Kilometer entfernte Damaskus nicht erreichen. "Es sind zig Mal mehr Menschen als normal und viel mehr, als wir bewältigen können", sagt ein Offizier der Grenztruppen. Die Zahl der Flüchtenden nehme täglich zu. "Anfangs hat wohl keiner damit gerechnet, dass es so schlimm kommen würde."

Dies ist kein vorhersehbarer Krieg, dessen Beginn per Countdown im Fernsehen angekündigt wurde wie 2003 im Irak. Dies ist ein Krieg, der urplötzlich über die Menschen gekommen ist. Menschen, die nach Beirut, das "Freudenhaus des Nahen Ostens" gekommen waren, um am Strand zu liegen, ihre Familien zu besuchen, ihren Geschäften nachzugehen.

Der Libanon wurde durch die israelischen Bombardements aus einem idyllischen Sommer gerissen. Jedes Jahr strömen knapp zwei Millionen Touristen vor allem aus den Golfstaaten an die levantinische Mittelmeerküste. Es sind vor allem diese Badegäste, Geschäftsleute und Exil-Libanesen auf Verwandtschaftsbesuch, die jetzt aus dem Sommerparadies vertrieben werden: Mit Szenen und Bildern im Kopf, die sie nie hätten sehen wollen, zermürbt von drei, vier durchwachten Nächten und erschöpft von stundenlangen Taxifahrten über die letzten nicht zerstörten Bergstraßen des Libanongebirges.

"Freitagabend hat die Firma entschieden, uns herauszuholen", sagt ein deutscher Techniker

Drei Techniker der König + Bauer AG aus Dresden haben vier Wochen lang in Südbeirut eine Druckmaschine montiert, bis der Flughafen nahe ihres Hotels bombardiert wurde. "Es ist absurd: Während der WM haben wir mit dem Libanesen gefeiert und dann stehen wir Mittwochnachts auf unserem Hotel und müssen zusehen, wie die Kerosintanks am Flughafen explodieren", sagt Rainer Krause. Zuerst seien sie auf Empfehlung der Deutschen Botschaft nur in ein Hotel weiter nach Norden gezogen. "Freitagabend hat die Firma dann entschieden, uns herauszuholen, auch wenn unsere Arbeit nicht abgeschlossen ist", sagt der 42-Jährige.

Hinter ihm wartet eine polnische Fernsehcrew, die südlich von Beirut einen Historienfilm über die Assyrer drehte, als in der Nähe Raketen einschlugen. "Raus hier, nur raus", wollen die Polen, die durch kreischende Kleinkinder, brüllende Militärs und weinende Frauen sichtlich aus der Fassung geraten sind.

Zwei junge Franzosen, Sicherheitsexperten, sollten den Libanesen ein neues Konzept für die Videoüberwachung öffentlicher Plätze verkaufen und zählten stattdessen nachts von der Terrasse des Mövenpick Hotels in Beirut Explosionen: "Es war gespenstisch: Vom Land aus schoss die Hisbollah, von Meer aus die israelischen Kriegsschiffe und ich hatte meine Mutter aus Paris am Telefon, die fast verrückt geworden ist vor Angst."

Auch eine Gruppe amerikanischer Studenten, die sich in Beirut zu einem Austauschjahr einschreiben wollte, ist von der großen Weltpolitik eingeholt worden: Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, sie müssen durch Syrien, wenn sie nach Hause wollen. "Uns ist mulmig", sagt Kate, eine 25-jährige Politikstudentin aus San Diego. "Antisyrische Sprüche wie 'Achse des Bösen' könnten plötzlich ernsthafte Folgen für uns haben. Ich sehe unsere Regierung da auf einmal mit anderen Augen, auch was die Unterstützung Israels angeht."

"Wir lieben den Westen, aber ihr liebt Israel"

Für Bob, den 68-Jährigen Betreuer der Studenten, ruft die Situation unschöne Erinnerungen wach. Als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation hat er den Beginn des Bürgerkriegs 1975 in Beirut miterlebt. "Die Eskalation heute ist viel schneller und härter, das macht mir Sorgen."

Die Hitze, der Dieselgestank, kleine Auffahrunfälle - die Nerven liegen blank. Abdulhamid Al Busaidi zerrt seinen Sohn aus seinem Jaguar mit omanischen Kennzeichen. "Sehen sie meinen Sohn? Er ist 18, gestern war er abends mit Freunden auf dem Fußballplatz, in Chtaura, wo wir Urlaub gemacht haben. 100 Meter neben ihm ist eine Rakete eingeschlagen, 100 Meter nur!"

Es dauert eine Weile, bis sich das Oberhaupt der 16-köpfigen Familie beruhigt hat und mit klaren Worten - vor der Pensionierung war er Vizekulturminister des Oman - seine Haltung darlegt. "Wir lieben den Westen, aber ihr liebt Israel. Die können sich erlauben, was sie wollen. Man muss Jacques Chirac danken, dass er als einer der wenigen westlichen Politiker die israelische Aggression verurteilt hat."

Al Busaidi kann weiter, sein Fahrer hat die begehrten Papiere bekommen. In einer Stunde wird der Omaner in Damaskus vor dem nächsten Problem stehen. Alle Flüge raus aus Syrien sind ausgebucht, der Flughafen wegen der vielen Privatjets, die Golf-Araber abholen, zusätzlich überlastet. Hotelzimmer gibt es kaum noch, selbst in den Fünf-Sterne-Häusern schlafen ganze Familien auf den Sofas in der Lobby. Al Busaidi ist trotzdem frohen Mutes. "Wir werden die USA hassen bis zum Ende", ruft der Ex-Politiker zum Abschied.

Das große Unverständnis gegenüber dem Westen, der Israel angeblich blind unterstützt, ist das Leitmotiv vieler Äußerungen. Die Menschen, die sich nervös Luft zufächeln, sind ein Querschnitt durch die arabische Welt. Die Libanesin mit kanadischem Pass und Chloé-Handtasche, der syrische Gastarbeiter im verblichenen Overall, die Palästinenserin, die ein Dänemark einen Kiosk betreibt: Alle fragen, warum niemand die Israelis zur Räson ruft.

Die Drohung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, der am Freitag sagte, er werde dafür sorgen, dass nicht nur arabische Kinder stürben, wird als gerecht empfunden. Die Hisbollah haben keinen Krieg gewollt, sondern ein Tauschgeschäft: Gefangene gegen Gefangene. "Was mit Macht genommen wurde, kann nur mit Macht wieder zurückerobert werden", sagt ein Hisbollah-Unterstützer mit Blick auf die von Israel besetzten Gebiete.

"Wir konnten nichts tun", resigniert der Offizier der Uno-Truppen

Nur selten hört man Kritik an der Schiiten-Organisation, wie sie ein saudischer Geophysiker auf dem Heimweg übt: "Die Hisbollah hat nicht nur zwei Israelis gekidnappt, sondern vor allem die Libanesen. Sie haben dem Land einen Konflikt aufgezwungen, den die Israelis jetzt hochschaukeln."

Mit 15 Familienmitgliedern in drei SUVs ist der Ingenieur auf dem Weg zurück ins saudische Dammam. Die 90.000 Euro, die sie im Urlaub ausgeben wollten, nehmen sie wieder mit: Für die Tourismusindustrie der Luxus-Klasse, von der der an Rohstoffen arme Libanon abhängig ist, ist mindestens diese Saison gestorben.

Etwas später schlängelt sich ein Soldat mit hellblauem Barett und einem Stapel blauer Pässe in der Hand durch die Fahrzeugschlange. Der Inder, der seinen Namen nicht nennen will, ist Major bei den Uno-Blauhelmen, die als Beobachter in Naqoura zwischen Israel und dem Südlibanon stationiert sind. Er bringt seine und die Familien von sieben weiteren indischen Unifil-Offizieren in Sicherheit. "Wir haben Ausgangssperre und sind in Alarmbereitschaft, das brauchen unsere Familien nicht mitzuerleben."

Offiziell angeordnet sei die Evakuierung nicht, ratsam sei sie trotzdem. Es wäre nicht das erste Mal, dass Israel im Zuge von Kämpfen mit der Hisbollah eine Uno-Basis im Südlibanon attackiert. "Natürlich denken wir an Qana", sagt der Major. In dem südlibanesischen Ort, nur wenige Kilometer vom derzeitigen Stützpunkt der Inder enfernt, hatte die israelische Luftwaffe 1996 im Zuge von Gefechten mit der Hisbollah einen Uno-Stützpunkt bombardiert. 106 Zivilisten, die auf dem Gelände der Uno Schutz gesucht hatten, kamen dabei ums Leben.

Die Unifil - UN Interim Force in Libanon - sitzt im Sicherheitsstreifen zwischen Israel und der Libanon, um den Frieden zu wahren. "Das hat wohl nicht geklappt", sagt er frustriert. "Wir konnten vorher nichts tun und dürfen jetzt nicht eingreifen und wissen nicht, was Israel plant", sagt der Major. "Das reicht ja wohl als Antwort."

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