Aus Kreta berichtet Manfred Ertel
Einstmals pulsierende Urlaubszentren wie das frühere Fischerdorf Agia Galini, das über Jahre als Kultzentrum für erlebnishungrige Individualtouristen galt, präsentieren sich ihren Besucher jetzt in andächtiger Beschaulichkeit. Die Tavernen am Hafen sind leer, die Liegen am Strand ebenso.
Manche Cafes, Restaurants und Herbergen sind noch geschlossen, etliche Hotels stehen zum Verkauf. Wer ein Schnäppchen machen will und sich traut, hat gute Chancen. Das "Andromeda", 32 Zimmer, Swimmingpool auf dem Dach, Blick vom Hang über das Dorf, hat seine gute Zeiten längst hinter sich - Kaufangebot 800.000 Euro. Das "Hariklia", zehn Zimmer, mit Seeblick, kostet 550.000, nur wer will es haben?
Das "Ostria" verbirgt sich hinter leuchtenden Blumenblüten in einer ruhigen Seitenstraße und hat zu. Juniorchef Babis Papamatheakis, 39, will erst Ende des Monats aufmachen, vielleicht. Vielleicht aber auch erst am 6. Juni oder um den 10. Juni herum. "Wir haben keine Buchungen", sagt er, drei oder vier Reservierungsanfragen hatte er, zwei davon hat er zu anderen Hotels geschickt.
"Die Entwicklung geht immer weiter nach unten", sagt er, bei 25 bis 28 Euro pro Zimmer "ist es schwer Geld zu verdienen im Moment". Er will die Immobilie abstoßen, 700.000 bis 750.000 Euro, und sie ist weg.
Dem "Petra" um die Ecke geht es scheinbar vergleichsweise besser. Eine Handvoll Gäste sonnt sich am Pool auf der Dachterrasse, im Ofen hinter der Bar dampft das Pizzablech. 70 Prozent Auslastung, freut sich Besitzer Evangelis Markakis, 71. Das scheint ein wenig geschönt, auf jeden Fall rechnet es sich ganz offenkundig nicht. "Jetzt ist genug, jetzt mach ich mal Ferien", sagt er und preist das "Petra" zum Verkauf, für 970.000 Euro.
"Tourismus ist unsere Schwerindustrie"
Der Einbruch im Fremdenverkehr kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. 18 Prozent des Bruttoinlandprodukts erwirtschaftet Griechenland durch den Tourismus, jeder fünfte Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr ab. "Tourismus ist unsere Schwerindustrie", sagt Andreas Metaxas, 49. Neben Landwirtschaft und Schifffahrt, die schon lange unter der globalen Krise leidet, hat Griechenland keinen nennenswerten Wirtschaftszweig, der im Zeichen der Krise für neues Wachstum und mehr Einnahmen sorgen könnte.
Der Hotelchef mit dem beziehungsreichen Namen sitzt im Garten seines schnieken Fünf-Sterne-Hotels "Candia Maris" bei Heraklion mit 285 Zimmern. "Wir sind halbvoll, nicht halbleer", sagt er und betont das mit Nachdruck, in den letzten Jahren waren es deutlich mehr: "Die Stornierungen klingen wie ein ewiges Alarmsignal, besucht nicht Griechenland."
Metaxas ist Vizepräsident des griechischen Hotelverbandes. Während in den Großstädten die Gewerkschaften zum nächsten Generalstreik mobilisieren, spricht er offen von den Problemen seiner Branche. Von den Fluglotsen, die immer wieder den Luftverkehr lahmlegen; von der Gewerkschaft der Seeleute, die zum Beispiel am 1. Mai den Fährverkehr auf die Inseln bestreikten; von den protestierenden Seeleuten, die Ende April rund 1000 Passagieren eines Kreuzfahrtschiffes im Hafen von Piräus nicht an Bord ihres Cruiseliners ließen.
"Wir stecken in der schwierigsten Situation überhaupt", sagt Metaxas. 2,5 Millionen Euro hat er im letzten Winter in seine schmucke Anlage investiert, fünf Millionen im Winter zuvor, für neue Badezimmer, neuen Swimmingpool, mehr Grün, besser Freizeitangebote. "Du brauchst Geld, um Qualität und Angebot zu sichern, gleichzeitig musst Du Kosten reduzieren und Preise senken, um alte Kunden zu halten und neue zu gewinnen", sagt er: "Das ist Zauberei".
Stete Suche nach neuen Angeboten als Antwort auf die Krise
Wenn die nicht gelingt, hat die Krise ihren Höhepunkt auf Kreta noch nicht erreicht. 43 Prozent des lokalen Bruttoinlandsprodukts sind auf der Insel vom Tourismus abhängig. Kaum auszudenken, wenn der Abwärtstrend anhält. Wo sollen dann die dringend benötigten Einnahmezuwächse für den defizitären griechischen Haushalt herkommen?
Die familiären Pensionen und Zimmervermieter wie in Kalamaki mit ihrer berühmten Gastlichkeit, die sich als vergleichsweise krisenfest erweist, können das allein nicht schaffen. Sie haben die Klasse, bringen aber nicht die Masse.
27 Zimmer und Studios mit knapp hundert Betten hat Judith Kessler-Ktistakis in verschiedenen kleinen Häusern in Kalamaki und Kamilari, dazu 120 Mietwagen, das Geschäft läuft, als hätte es nie eine Krise gegeben. Eine Auslastung von durchschnittlich 65 Prozent über sieben Monate kann sich sehen lassen, "wir gehören zu den wenigen Glücklichen", sagt die Ex-Hamburgerin, die seit 20 Jahren hier lebt, nicht ohne Stolz.
Individuelle Betreuung bis hin zum Familienanschluss, zwei Drittel Stammkunden und stete Suche nach neuen Angeboten, vom Bio-Olivenöl bis zum Yoga-Raum, sind ihre "Antwort auf die Krise". Das reicht für ein gutes Auskommen ihrer Familie, vielleicht noch als Vorbild für ähnliche Anbieter entlang des kilometerlangen Sandstrandes im Naturschutzgebiet der Komos-Bucht in Kretas Süden. Aber eben nicht als Krisenrezept für den Großteil der Branche.
Die hofft auf Hilfe von der überforderten Regierung. Und auf neue Konzepte der staatlichen Fremdenverkehrsorganisation EOT, die eigens einen Krisenstab eingerichtet hat. Eine Imagekampagne im Ausland könnte so etwas sein, die das andere Griechenland präsentiert, das ehrliche, gastfreundliche Heimatland von Sirtaki und Tsatsiki. Das gibt es noch, Krise hin oder her.
So eine Werbeoffensive kostet allerdings Geld, das im Moment nicht da ist. Für die letzten Anzeigenkampagnen schuldet die EOT den griechischen und ausländischen Medien bis heute Geld, rund 100 Millionen Euro.
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