Griechen vs. Deutsche: Erniedrigte und Beleidigte

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Griechenlands Präsident tobt, Zeitungen zeigen Angela Merkel in Nazi-Uniform, auf den Straßen Athens brennen deutsche Fahnen. Die Euro-Krise schürt Ressentiments, die das Projekt des vereinten Kontinents gefährden. Doch es gibt glücklicherweise auch Ausnahmen - mit Humor.

Griechische Karikaturen: Merkel, die Strippenzieherin Fotos
Getty Images

Berlin - Erst kürzlich beklagte sich Karolos Papoulias, 82, bitter über die Menschen in seinem Land. Demonstranten hatten ihn und andere Spitzenpolitiker am Nationalfeiertag Griechenlands angegriffen, aus Wut über das Sparregime. Der einst so angesehene Papoulias musste sich als "Verräter" und "Faschist" beschimpfen lassen. Unter Tränen erklärte der Politiker, der einst gegen die Nazi-Besatzer gekämpft hatte, vor den Medien: "Das tut weh."

Heute klingt der Präsident selbst wie ein Demonstrant auf dem Syntagma-Platz. "Ich kann nicht hinnehmen, dass Herr Schäuble mein Land beleidigt", zürnt Papoulias über die Vorgaben, die den Griechen bei der Bewältigung der Schuldenkrise gemacht werden. "Wer ist Herr Schäuble, dass er Griechenland kränkt? Wer sind die Niederländer? Wer sind die Finnen?"

Die Äußerungen, aufgenommen bei einer Zusammenkunft mit griechischen Offizieren, sorgen in Berlin für Erstaunen. Man ist ja schon vieles gewohnt aus Athen, aber hier spricht immerhin das Staatsoberhaupt. Die Kanzlerin und der Bundesfinanzminister schweigen dazu. Es ist wohl das Beste in einer ohnehin aufgeheizten Lage. Und so wird das Ganze einfach heruntergedimmt. "Die Bundesregierung hat großen Respekt vor dem griechischen Volk und seiner Regierung, die sich schweren Aufgaben gegenübersehen", heißt es in Regierungskreisen.

Während man ganz oben um Mäßigung bemüht ist und zu diplomatischen Formeln greift, kommt der Ausfall des griechischen Staatspräsidenten in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion bei einigen weniger gut an. CDU-Kollege Wolfgang Bosbach sagt: "Das ist ein neuer negativer Höhepunkt der Kritik an Deutschland und anderen stabilitätsorientierten Ländern in der Euro-Zone."

Doch insgesamt lautet die Devise in Berlin: Bloß nicht eskalieren lassen. Außenminister Guido Westerwelle, gerade auf Lateinamerikareise in Peru angekommen, appelliert an die griechischen politischen Führer, sich nicht eskalierend in eine solche Debatte einzubringen. "Mäßigung ist das Gebot der Stunde", so der Liberale. "Die Kritik ist unverständlich", bemüht sich auch FDP-Generalsekretär Patrick Döring um Zurückhaltung. Die Bürger Europas müssten darauf bestehen, dass über den Wahltag hinaus die von der griechischen Regierung gegebenen Zusagen eingehalten werden. "Auf diese Sorge der europäischen Partner sollte Staatspräsident Papoulias reagieren und auf einen politischen und gesellschaftlichen Konsens in Griechenland hinwirken - und nicht die Besorgnis der europäischen Partner einfach vom Tisch wischen", so der Liberale.

Der kürzlich ins Amt gewählte neue Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz (SPD), ruft ebenfalls zur Zurückhaltung auf. "Niemand sollte von oben herab die Griechen belehren oder demütigen, die in den vergangenen Wochen schmerzhafte Einsparungen vorgenommen haben". Die Deutschen seien solidarisch mit Griechenland. Im ureigenen Interesse müsse man die gemeinsame Währung verteidigen und Griechenland mit einem Wachstumspaket die Chance geben, dass das Land sich aus eigener Kraft aus dieser dramatischen Wirtschaftskrise selbst befreien könne. "Mit gegenseitigen verunglimpfenden und verletzenden Vorwürfen muss jetzt endlich Schluss sein", so der Sozialdemokrat.

Die alten Bilder sind wieder da

Der Ausfall Papoulias' ist symptomatisch für die Stimmung in Teilen Europas. Die Krise um den Euro führt zu Reaktionen, die man längst für überwunden hielt. Deutsche Fahnen werden in Athen verbrannt, Merkel wird als Hitler auf Demonstrationen und in Zeitungen karikiert. Dabei glaubten sich viele in Europa noch bis vor kurzem weiter. Allenfalls in britischen Boulevardmedien schien sich noch eisenhart das Stereotyp von deutschen Panzern zu halten, die im Fußball alles überrollen. Plötzlich aber sind sie wieder da, die Vorurteile: Hier die "faulen" Südeuropäer, die das hart erarbeitete Geld des Nordens verprassen, dort die dominanten Deutschen.

Europa bietet in der Euro-Krise ein gespaltenes Bild. Dabei sollte Europa eigentlich mit dem Euro immer mehr zusammenwachsen, die gemeinsame Währung "die Einheit Europas unumkehrbar machen", wie einst Kanzler Helmut Kohl, einer der Väter des Euro, hoffte.

Nun geht es munter durcheinander in Europa. Unionsfraktionschef Volker Kauder sorgte mit dem Satz, in Europa werde Deutsch gesprochen, für Aufregung und meidet seitdem solche missverständlichen Sätze. In Frankreich wiederum entdeckt Staatspräsident Nicolas Sarkozy seine Vorliebe für das "deutsche Modell" und wird deswegen mit Hohn und Spott bedacht. Ein Hit ist im anlaufenden Wahlkampf in Frankreich ein Film, der aus Sequenzen besteht, in denen Sarkozy den mächtigen Nachbarn preist und lobt.

Stereotype mit Humor

"Von einer kollektiven Identität ist Europa weit entfernt", schrieb die "Neue Zürcher Zeitung" und stellte fest, Feindbilder lenkten vom eigenen Versagen ab und stifteten Gemeinschaft. "Schuld ist sicherlich der Volkscharakter", überschrieb das angesehene Blatt ironisch den Artikel. Das Spiel mit Vorurteilen - nur ein Zeitvertreib demagogischer Populisten von Rechts bis Links und ein nützliches Instrument für aufgeregte Medienberichterstattung? Manchen in Europa ist unwohl dabei, etliche warnen bereits vor einer Renationalisierung. Zuletzt tat dies eindringlich Italiens neuer Ministerpräsident Mario Monti. Die Euro-Krise, erklärte er, habe zu viele Ressentiments aufkommen lassen, zu viele Stereotype und zu viele Trennungen, in Norden und Süden, Zentralstaaten und Randstaaten. "Alle diese Klassifizierungen sind abzulehnen", rief er den Abgeordneten des Europaparlamentes zu.

Doch nicht alles, was europaweit gespielt, demonstriert und gesagt wird, ist ernst gemeint. Humor kann mitunter ein Ventil sein - und zeigen, dass etwa auch die sonst angeblich so spaßfreien Deutschen mit den Vorurteilen über sich selbst umgehen können. Jüngst interviewte der deutsche Satiriker Martin Sonneborn für die ZDF-Sendung "heute-show" im EU-Parlament in Brüssel Abgeordnete aus Belgien, Griechenland und Luxemburg - als stramm durch die Gebäude marschierender Journalist mit Hitlerbärtchen und Seitenscheitel. Sein Motto: "Mehr Deutschland für Europa, mehr Deutschland in Europa, ein deutsches Europa". Und stellte am Ende seiner "deutschen Charmeoffensive" fest, es sei "höchste Zeit, mit 20.000 bis 30.000 Obersparführern in die heruntergewirtschafteten Nachbarländern einzumarschieren".

Auch in Athen haben sie die Selbstironie nicht verlernt. Dort wird höchst erfolgreich ein Bühnenstück gespielt, in der eine Figur mit einer Maske der deutschen Kanzlerin das Publikum als "faul" beschimpft. Und das Publikum wiederum zurückschimpfen darf. Der Titel verspricht den gebeutelten Griechen in der Krise immerhin eines - befreiende Wirkung.

Er lautet: "Psychotherapie mit Merkel".

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insgesamt 229 Beiträge
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1. Wer ist Herr Papoulias?
Eldegar 16.02.2012
Zitat von sysopGriechenlands Präsident tobt, Zeitungen zeigen Angela Merkel in Nazi-Uniform, auf den Straßen Athens brennen deutsche Fahnen. Die Euro-Krise schürt Ressentiments, die das Projekt des vereinten Kontinents gefährden. Doch es gibt glücklicherweise auch Ausnahmen - mit Humor. Vorurteile*in der Schuldenkrise: Erniedrigte und Beleidigte - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815670,00.html)
Hallo, zum einen sollte Herr Papoulias sich eher fragen, "Wer sind diese Menschen, die für unsere Schulden garantieren?" Das ist beileibe nicht Herr Schäuble, sondern ein ganzes Land (neben vielen anderen, klar). Zum anderen habe ich kein Verständnis, bei aller Sympathie für griechische Emotionen, wenn Flaggen jedweder Länder brennen und Politiker in Nazi-Uniformen gesteckt werden, aber dazu schweigt der Mann leider. Tolles Vorbild für "Demonstranten", die ihr Land in Brand stecken. Unabhängig davon, wer wie vom Euro profitiert, wer daher warum nun Garantien und Geld geben solle, ist das Verhalten des griechischen Präsidenten eine absolute Frechheit. Eldegar
2. Keine Sorge
fritzyoski 16.02.2012
Wenn man die Deutschen lange genug beschimpft dann zahlen die. Das hat bisher immer geklappt, wird auch diesmal wieder klappen. Man muss nur das N-Wort oft genug benutzen, dann gibt's Kohle, garantiert.
3. Zudem....
Eldegar 16.02.2012
Zudem verzichtet Herr Papoulias ehrenwerterweise auf sein Jahreseinkommen auf unbestimmte Zeit. Nun stellt sich aber doch wohl mindestens eine Frage: 1) Wieso kann er sich das leisten? Ist er einer jener Leute, die ihre Schäfchen vor Jahren ins Trockene (Ausland) gebracht haben und nun von Zinsen leben? Von gut angelegtem Geld bei irgendwelchen Banken? Aktien? Gruselig! Eldegar
4. Realitätsverlust
weltbetrachter 16.02.2012
Da leiden wohl einige zu viel in Griechenland an Realitätsverlust. Wir haben uns nicht mit falschen Zahlen in die EU gemogelt. Wir haben nicht in dem Maße jahrzehntelang über unsere Verhältnisse gelebt. NUR dürfen WIR mit unseren erarbeiteten Steuergeldern die Sauerei in Griechenland ausbaden. Ursache und Wirkung dürfen hier nicht verwechselt werden. Zudem fehlen die Milliarden, die wir nach Griechenland schicken, hierzulande. Infrastruktur, Energiewende, Bildung usw. usw. usw. sind Baustellen die auch in Deutschland noch nicht fertig sind.
5.
lucanus 16.02.2012
Zitat von sysopGriechenlands Präsident tobt, Zeitungen zeigen Angela Merkel in Nazi-Uniform, auf den Straßen Athens brennen deutsche Fahnen. Die Euro-Krise schürt Ressentiments, die das Projekt des vereinten Kontinents gefährden. Doch es gibt glücklicherweise auch Ausnahmen - mit Humor. Vorurteile*in der Schuldenkrise: Erniedrigte und Beleidigte - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815670,00.html)
ich habe absolut kein Verständnis für das Verhalten der Demonstranten! Eine Unverschämtheit! Von uns sollten sie keinen Cent bekommen! "Auch in Athen haben sie die Selbstironie nicht verlernt. Dort wird höchst erfolgreich ein Bühnenstück gespielt, in der eine Figur mit einer Maske der deutschen Kanzlerin das Publikum als "faul" beschimpft. Und das Publikum wiederum zurückschimpfen darf. Der Titel verspricht den gebeutelten Griechen in der Krise immerhin eines - befreiende Wirkung." Was ist davon eigentlich Selbstironie?? Da wird wieder der Deutsche hingestellt der alle Vorurteile bestätigen soll und den die Griechen anpöbeln. Selbstironie wäre es wenn die Griechen sich selbst als faules Pack darstellen. MfG
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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