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Griechenland am Abgrund Kampf der Kulturen

2. Teil: Ein Viertel aller Beschäftigten arbeitet beim Staat

Es wird eine der entscheidenden Fragen der kommenden Wochen sein: Die griechische Regierung muss nicht nur das Vertrauen der internationalen Finanzmärkte und der EU-Partner zurückgewinnen. Papandreou muss auch das Vertrauen der Straße gewinnen - und ausbauen.

Die Worte "Gemeinsinn" und "sparen" gibt es so in der griechischen Sprache nicht. Aber es muss sich nun erweisen, ob es zumindest ein Bewusstsein unter den Griechen dafür gibt.

Noch unterstützen bis zu zwei Drittel der Griechen in Umfragen den Sparkurs der Regierung, Papandreous Pasok-Sozialisten liegen bei 48 Prozent - so viel wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Aber gerade diese Unterstützung illustriert zugleich eine Spaltung der Gesellschaft, eine Spaltung zwischen Einsichtigen und Opferbereiten auf der einen und Besitzstandswahrern auf der anderen Seite, die ihre Pfründe retten wollen, um jeden Preis.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Kostas, 38, ist so einer. Seinen Nachnamen darf er aus beamtenrechtlichen Gründen nicht nennen. Denn Kostas ist Finanzbeamter und mit den Regierungsmaßnahmen ganz und gar nicht einverstanden. "Nicht die Beamten sind die Diebe, sondern die anderen", sagt er. Deshalb hat er an den letzten Arbeitskämpfen "aus Prinzip" teilgenommen, auch am Generalstreik vorige Woche. Und er wird das auch in Zukunft tun. Das sind "defensive Aktionen", sagt er, "ein Streik allein kann den Weg des Staates doch nicht blockieren."

Kostas kommt mit Zulagen auf ein Gehalt von 1900 Euro netto. Seine Frau steht ihm in nichts nach: Sie ist Kollegin beim Finanzamt, zu gleichen Bedingungen. Zusammen hätten sie mit ihrem dreijährigen Kind nach Inkrafttreten der Finanzreformen nun mindestens 500 Euro weniger, rechnet er vor: "Das ist für unsere Haushaltsführung ein Riesenproblem." Andererseits stehen sie, dann gemessen am Durchschnittslohn von 700 bis 900 Euro, immer noch vergleichsweise privilegiert da, und sind als Steuerbeamte unkündbar. Und gerade der aufgeblähte öffentliche Dienst ist ja das Problem: Ein Viertel aller Beschäftigten arbeitet beim Staat.

Noch findet es die Regierung "nur natürlich, dass es auch Gegenreaktionen und Unmut gibt", sagt Vize-Außenminister Dimitris Droutsas. "Wir müssen unsere Bevölkerung davon überzeugen, dass wir möglichst sozial gerecht vorgehen wollen. Dass jene, die weniger haben, nicht zur Kasse gebeten werden, und jene, die eben mehr haben, auch mehr an der Sanierung beteiligt werden. Auch das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit."

Fakelaki-Briefchen beschleunigen die Hilfe

Tatsächlich ist es aber wohl nicht nur eine Frage von Finanz- und Rentenreformen, um das alte System zurück auf Kurs zu bringen. Es ist eine Kultur und Mentalität, die gebrochen werden muss, die Kunst des griechischen Überlebens. Ein Alltag, in dem Beziehungen das Scharnier zum Überleben sind und Schwarzgelder das Schmiermittel - das System von Fakelaki.

Fakelaki steht für "Briefchen", die Anliegen der Bürger "beschleunigen" helfen sollen. In Wahrheit öffnen sie vielfach überhaupt erst die Türen. Es sind kleinere und größere Geldbeträge, die in Briefumschlägen über den Tisch geschoben werden, um einen Termin, ein Papier, eine Genehmigung zu erhalten - eine spielerische Form der Korruption, die fest im griechischen Alltag verankert ist.

13,5 Prozent der Griechen haben in einer Umfrage offen eingeräumt, Fakelaki zu zahlen, rund 1450 Euro im Jahr. Tatsächlich dürften Anzahl und Summen deutlich höher liegen. Vetternwirtschaft und Schmiergeld - das gehört zusammen wie Gyros und Tsatsiki. Zwei Dinge sind wichtig im Leben eines Griechen, sagt der TV-Sportreporter Dimitris Malisiowas: "Dein Mann in der geeigneten Position und das Trinkgeld."

Einen Führerschein bekommt man "praktisch nicht ohne Fakelaki", sagt ein deutscher Unternehmer, und schon gar nicht im ersten Anlauf: "Zwei Prüfer, jeder kriegt 100 Euro", das ist die gängige Praxis. Für einen wichtigen medizinischen Eingriff gehen schon mal 4500 Euro über den Operationstisch, obschon es eigentlich eine kostenlose Gesundheitsversorgung gibt.

Von 25 Millionen Häusern und Gebäuden in Griechenland sind nach amtlichen Schätzungen zehn Prozent vollständig illegal und 80 Prozent teilweise illegal - ihre Baupläne wurden erweitert oder verändert. Natürlich werden die allesamt nachträglich legalisiert - wie wohl? Dazu passt auch, dass bei der letzten amtlichen Erhebung zwischen 40.000 und 60.000 Tote noch Rente bezogen, zum Teil seit Jahren, erzählt ein Beamter - Tote müssen sich nämlich selbst abmelden bei der Rentenkasse.

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insgesamt 3152 Beiträge
Berta 20.02.2010
Wir haben soviel Butter und Milch. Warum erzählt ihr dem Bürger das Märchen vom Gürtel enger schnallen. Es wird Zeit die Weltmafia und Spekulanten zu zerschlagen.
Wir haben soviel Butter und Milch. Warum erzählt ihr dem Bürger das Märchen vom Gürtel enger schnallen. Es wird Zeit die Weltmafia und Spekulanten zu zerschlagen.
Hubert Rudnick 20.02.2010
------------------------------------------------------------ Alle diese Finanzkatastrophen der verschiedensten Länder sind nicht nur von außen hineigetragen worden, sie sind viel mehr hausgemacht und somit müssen sie alle auch [...]
Zitat von sysopDie wirtschaftlichen Probleme Griechenlands betreffen längst nicht mehr nur das Land, sondern auch den Wirtschaftsraum der EU und die gemeinsame Währung. Wird es Griechenland gelingen, seinen Staatshaushalt zu sanieren?
------------------------------------------------------------ Alle diese Finanzkatastrophen der verschiedensten Länder sind nicht nur von außen hineigetragen worden, sie sind viel mehr hausgemacht und somit müssen sie alle auch zunächst selbst mit der Aufarbeitung beginnen. Wer keine normalfunktionierendes Steuergestz hat, oder es nicht durchsetzt, der schafft sich die Probleme, also ein Land ohne richtige Einnahmen hat auch nicht die Möglichkeit Ausgaben zu machen. Wenn Griechenland nun nur auf finanzieller Unterstützung von außen hofft, dann löst man damit nicht ein einzige Problem, man schiebt es nur auf und die Schulden vergrößern sich. Wenn jetzt noch Gewerkschaften streiken, so führen sie ihr Land nur noch tiefer in die Krise, es kann sich nicht erholen. Aber Griechenland ist nur ein Beispiel wie es in Ländern aussieht, die es mit der Wahrheit in ihrer Finanz und Steuerpolitik nie so genau nehmen und daran sollten andere Länder sich mal ein Beispiel nehmen. Denn wo nichts hineinkommt, dann hat man auch keine Möglichkeiten ein normales gesellschaftlich Leben zu organisieren. In sehr vielen Ländern, auch bei uns in Deutschland wachsen die Schulden immer weiter und wie lange kann die Gesellschaft das noch ohne zu große Abstriche machen zu müssen sich leisten? HR
medienquadrat 20.02.2010
natürlich wird Griechenland der Hort der Stabilität werden, der Europa insgesamt retten wird. In Brüssel wird jetzt einfach in die weitere Defizitprognose der nach oben offene Optimismusfaktor eingefügt - wenn Einstein sowas [...]
Zitat von sysopDie wirtschaftlichen Probleme Griechenlands betreffen längst nicht mehr nur das Land, sondern auch den Wirtschaftsraum der EU und die gemeinsame Währung. Wird es Griechenland gelingen, seinen Staatshaushalt zu sanieren?
natürlich wird Griechenland der Hort der Stabilität werden, der Europa insgesamt retten wird. In Brüssel wird jetzt einfach in die weitere Defizitprognose der nach oben offene Optimismusfaktor eingefügt - wenn Einstein sowas mit seinen physikalischen Formeln konnte, dann darf das die Politik allemale. Jammas!
anders_denker 20.02.2010
Bitte den Griechen mal sagen, das man sich mit solchen Aktionen noch tiefer reinreitet und die Kosten dafür zu tragen hat! Wird zudem zeit, das die EU notfalls den gerichtsvolziegher schickt. Einige Inselchen oder Baudenkmäler [...]
Bitte den Griechen mal sagen, das man sich mit solchen Aktionen noch tiefer reinreitet und die Kosten dafür zu tragen hat! Wird zudem zeit, das die EU notfalls den gerichtsvolziegher schickt. Einige Inselchen oder Baudenkmäler könnte man ja versteigern!
christiane006 20.02.2010
in Griechenland ist ist fast jeder zweite im Staatsdienst angestellt. Das heisst jeder Grieche hat seinen eigenen Beamten, der für ihn da ist. So einen Luxus kann man sicher pflegen, man muss ihn dann aber auch selbst [...]
Zitat von sysopDie wirtschaftlichen Probleme Griechenlands betreffen längst nicht mehr nur das Land, sondern auch den Wirtschaftsraum der EU und die gemeinsame Währung. Wird es Griechenland gelingen, seinen Staatshaushalt zu sanieren?
in Griechenland ist ist fast jeder zweite im Staatsdienst angestellt. Das heisst jeder Grieche hat seinen eigenen Beamten, der für ihn da ist. So einen Luxus kann man sicher pflegen, man muss ihn dann aber auch selbst finanzieren können. Ich frage mich auch, welche Interessen die Amerikaner bei dieser Angelegenheit haben. Offensichtlich wollen sie die EU schwächen, denn sonst hätte man nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt und am Rande der Legalität, die defizitären Strukturen des Griechen-Budgets, zu verschleiern. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Meine Frage daraus wäre, wie freundlich sind uns unsere transatlantischen Partner tatsächlich gesinnt, die immerhin darauf drängen, dass sich unsere Kinder in Afghanistan den Hintern wegsprengen lassen?
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Kommentare zum Sparpaket
"Gott helfe uns", schrieb die in Athen erscheinende konservative Zeitung "Apogevmatini". Es werde kein Geld für den Konsum geben. Nicht nur der Kleinhändler, sondern auch der Mittelstand könnte aussterben.

Steckbrief: Griechenland

Schuldenquote: 112,6 Prozent des nationalen BIP

Haushaltsdefizit: 12,7 Prozent des nationalen BIP (2009)

BIP-Wachstum: -1,1 Prozent (Prognose 2009)

Anteil am BIP der Euro-Zone: 2,6 Prozent (2008)

Quelle: EU-Kommission


Darf die EU Griechenland helfen?
Griechenlands Schuldenchaos belastet den Euro - und verunsichert die Finanzmärkte. Nun diskutieren andere EU-Staaten über mögliche Hilfen für Athen. Aber welche Maßnahmen sind rechtlich überhaupt zulässig?
Länderlexikon
Eigenname: Hellenische Republik

Offizieller Eigenname: Elliniki Dimokratia

Staatsoberhaupt: Karolos Papoulias
(seit März 2005)

Regierungschef: Loukas Papademos
(seit November 2011)

Außenminister: Stavros Dimas
(seit November 2011)

Staatsform: Parlamentarische Republik

Mitgliedschaften: EU, Nato, OECD, OSZE, Uno

Hauptstadt: Athen

Amtssprache: Griechisch

Religionen: mehrheitlich orthodoxe Christen

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,359 Mio. Einwohner

Bevölkerungsdichte: 86 Einwohner/km²

Bevölkerungswachstum: 0,2%

Fruchtbarkeitsrate: 1,5 Geburten/Frau

Nationalfeiertag: 25. März

Zeitzone: MEZ +1 Stunde

Kfz-Kennzeichen: GR

Telefonvorwahl: +30

Internet-TLD: .gr

Mehr Informationen bei Wikipedia | Griechenland-Reiseseite





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