Griechenland am Abgrund Kampf der Kulturen

Die griechische Regierung stemmt sich gegen den Staatsbankrott - doch der wahre Kampf tobt in der Bevölkerung: zwischen Besitzstandswahrern, die sich an ihre Privilegien klammern, und Einsichtigen, die zu Opfern für das Gemeinwohl bereit sind. Ein Bericht von der Alltagsfront.

Aus Athen berichtet


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Griechenland: Kampf gegen den Bankrott
Die Olympischen Spiele in Athen 2004 waren der "Höhepunkt in der Laufbahn" von Kostaris Antonis, 45. "So etwas habe ich noch nicht erlebt, weder emotional noch finanziell", sagt er. Antonis sitzt auf der Dachterrasse, die Akropolis im Rücken, und seine Augen strahlen mit der Sonne um die Wette, wenn er sich an das nationale Erfolgsprojekt der Griechen erinnert.

Antonis ist Chef einer mittelständischen Firma für Landschaftsbau mit rund 50 Mitarbeitern, je nach Saison und Auftragslage. Damals hat er sich als Subunternehmer gegen große nationale Konkurrenz behauptet und den Auftrag für den Bau der Grünanlagen um die olympischen Sportstätten in Athen wie in Piräus für sein Unternehmen an Land gezogen. Darauf ist der Unternehmer bis heute "besonders stolz". Damals schien die Welt vielen Griechen noch in Ordnung.

Heute ist Antonis immer noch auf Großanlagen von nationaler Bedeutung spezialisiert. Nur ist sein Stolz großen finanziellen Sorgen gewichen. "Ich weiß manchmal nicht mehr, wie es weitergehen soll", sagt er.

Er kämpft nach eigenen Angaben mit rund vier Millionen Euro Außenständen - Geld, das öffentliche Auftraggeber ihm schulden. Aus Thessaloniki erwartet er zum Beispiel 780.000 Euro. Und wartet. Und wartet.

Offene Rechnungen von öffentlichen Auftraggebern

Im Jahr 2006 hat er in der zweitgrößten Stadt des Landes das Grün um die Sportstätten für das Internationale Leichtathletik-Meeting "Bruno Sauli" angelegt, Auftraggeber war das Generalsekretariat für Sport, das dem Kultusministerium unterstand. Auf seinem Konto angekommen ist bis heute: nichts. "Das nervt und macht mich manchmal ganz schön fertig", sagt der Unternehmer.

Offene Rechnungen sind für ihn inzwischen beinahe die Regel, wenn es um öffentliche Auftraggeber geht. So wie bei den 180.000 Euro für die Begrünung der Hauptverkehrsachsen in der Athener Innenstadt, die er im vergangenen Jahr anlegte. Das Haushaltsjahr ist längst vorbei, ein neues angebrochen, doch das Geld steht aus. "Es waren ja Parlamentswahlen", heißt es offiziell, was immer das bedeuten soll.

Wenn es gut für ihn geht, bekommt er seine Außenstände von Banken zwischenfinanziert. Die abgezeichneten Rechnungen der öffentlichen Auftraggeber gelten als "anerkannte Schuld des Staates". Aber er ist auf die Geldinstitute angewiesen - das ist in Krisenzeiten wie jetzt kein gutes Gefühl. Außerdem muss er die Zinsen vorstrecken und wiederum mühsam versuchen, sie beim Staat wieder einzutreiben. "Ganz ehrlich, es gibt Momente, in denen ich denke, einfach das Handtuch zu werfen", sagt Antonis, "so kann es nicht weitergehen".

Angst vor einem Staatsbankrott

Die Lage von Mittelständler Antonis ist symptomatisch für die Stimmung im Land.

Angst geht um, Angst vor einem Staatsbankrott oder zumindest um die nackte Existenz. Niemand weiß genau, was er sich unter einer Staatspleite vorzustellen hat. Aber jeder ahnt, dass es für ihn nur schlechter kommen kann. Oder sogar ganz schlimm.

Neu ist allerdings, dass viele Griechen auch wieder ein bisschen Hoffnung schöpfen, mehr Griechen jedenfalls als die, die mit Generalsstreiks und Demonstrationen die Straße und die Schlagzeilen beherrschen.

Ihre Hoffnung hat einen Namen: Georgios Papandreou, 57, im Oktober neu gewählter Premier und oberster Krisenmanager, der mit bemerkenswerter Klarheit und Zielstrebigkeit an die Komplettsanierung seines Landes geht. Am Freitag ist Papandreou zu einem Krisengespräch bei Kanzlerin Angela Merkel in Berlin zu Gast. Vorher hat er in einem Interview die Bundesregierung um politische Unterstützung gebeten. Berlin solle helfen, dass sein Land an den Finanzmärkten bessere Kreditraten bekommt.

"Die neue Regierung zeigt den Willen, Ordnung zu schaffen und den Laden in Ordnung zu bringen", lobt Unternehmer Antonis. Er ist überzeugt, dass endlich "den Worten auch Taten folgen".

Auch wenn die weh tun. Die drastischen Sparmaßnahmen, die Papandreou am Mittwoch verkündete und am Freitag wegen der besonderen Eilbedürftigkeit bereits im Parlament verabschieden lassen will, fallen noch dramatischer aus, als ursprünglich geplant. Um ein Sparvolumen von 4,8 Milliarden Euro zu erreichen, werden Steuern erhöht, Renten und Pensionen eingefroren, Gehälter von Beamten und Bediensteten im öffentlichen Dienst gekürzt, und manches mehr. "Die Tage, Wochen und Monate, die kommen werden, werden nicht leicht sein," sagte Papandreou, die Republik sei in einer Art "Kriegszustand". Das sehen viele Griechen genauso, wenn auch in ganz anderem Sinne. Die Gewerkschaften jedenfalls reagierten prompt und drohen mit "Krieg": Demonstrationen, neue Generalstreiks, Besetzungen von Ämtern und Behörden.

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Seite 1
Berta, 20.02.2010
1.
Wir haben soviel Butter und Milch. Warum erzählt ihr dem Bürger das Märchen vom Gürtel enger schnallen. Es wird Zeit die Weltmafia und Spekulanten zu zerschlagen.
Hubert Rudnick, 20.02.2010
2. Erste Schritte machen
Zitat von sysopDie wirtschaftlichen Probleme Griechenlands betreffen längst nicht mehr nur das Land, sondern auch den Wirtschaftsraum der EU und die gemeinsame Währung. Wird es Griechenland gelingen, seinen Staatshaushalt zu sanieren?
------------------------------------------------------------ Alle diese Finanzkatastrophen der verschiedensten Länder sind nicht nur von außen hineigetragen worden, sie sind viel mehr hausgemacht und somit müssen sie alle auch zunächst selbst mit der Aufarbeitung beginnen. Wer keine normalfunktionierendes Steuergestz hat, oder es nicht durchsetzt, der schafft sich die Probleme, also ein Land ohne richtige Einnahmen hat auch nicht die Möglichkeit Ausgaben zu machen. Wenn Griechenland nun nur auf finanzieller Unterstützung von außen hofft, dann löst man damit nicht ein einzige Problem, man schiebt es nur auf und die Schulden vergrößern sich. Wenn jetzt noch Gewerkschaften streiken, so führen sie ihr Land nur noch tiefer in die Krise, es kann sich nicht erholen. Aber Griechenland ist nur ein Beispiel wie es in Ländern aussieht, die es mit der Wahrheit in ihrer Finanz und Steuerpolitik nie so genau nehmen und daran sollten andere Länder sich mal ein Beispiel nehmen. Denn wo nichts hineinkommt, dann hat man auch keine Möglichkeiten ein normales gesellschaftlich Leben zu organisieren. In sehr vielen Ländern, auch bei uns in Deutschland wachsen die Schulden immer weiter und wie lange kann die Gesellschaft das noch ohne zu große Abstriche machen zu müssen sich leisten? HR
medienquadrat, 20.02.2010
3. ...
Zitat von sysopDie wirtschaftlichen Probleme Griechenlands betreffen längst nicht mehr nur das Land, sondern auch den Wirtschaftsraum der EU und die gemeinsame Währung. Wird es Griechenland gelingen, seinen Staatshaushalt zu sanieren?
natürlich wird Griechenland der Hort der Stabilität werden, der Europa insgesamt retten wird. In Brüssel wird jetzt einfach in die weitere Defizitprognose der nach oben offene Optimismusfaktor eingefügt - wenn Einstein sowas mit seinen physikalischen Formeln konnte, dann darf das die Politik allemale. Jammas!
anders_denker 20.02.2010
4. Warum lässt die EU das zu?
Bitte den Griechen mal sagen, das man sich mit solchen Aktionen noch tiefer reinreitet und die Kosten dafür zu tragen hat! Wird zudem zeit, das die EU notfalls den gerichtsvolziegher schickt. Einige Inselchen oder Baudenkmäler könnte man ja versteigern!
christiane006, 20.02.2010
5. wahre Freundschaft
Zitat von sysopDie wirtschaftlichen Probleme Griechenlands betreffen längst nicht mehr nur das Land, sondern auch den Wirtschaftsraum der EU und die gemeinsame Währung. Wird es Griechenland gelingen, seinen Staatshaushalt zu sanieren?
in Griechenland ist ist fast jeder zweite im Staatsdienst angestellt. Das heisst jeder Grieche hat seinen eigenen Beamten, der für ihn da ist. So einen Luxus kann man sicher pflegen, man muss ihn dann aber auch selbst finanzieren können. Ich frage mich auch, welche Interessen die Amerikaner bei dieser Angelegenheit haben. Offensichtlich wollen sie die EU schwächen, denn sonst hätte man nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt und am Rande der Legalität, die defizitären Strukturen des Griechen-Budgets, zu verschleiern. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Meine Frage daraus wäre, wie freundlich sind uns unsere transatlantischen Partner tatsächlich gesinnt, die immerhin darauf drängen, dass sich unsere Kinder in Afghanistan den Hintern wegsprengen lassen?
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