Asylbeamter auf griechischer Flüchtlingsinsel "Viele Kollegen stehen kurz vor dem Burn-out"

Flüchtlinge auf Lesbos harren unter extremen Bedingungen aus - doch auch für die Mitarbeiter der Asylbehörde ist die Belastung enorm hoch. Hier spricht ihr Chef über kranke Kollegen und leidende Lagerbewohner.

Flüchtlinge auf Lesbos
AFP

Flüchtlinge auf Lesbos

Ein Interview von und , Lesbos


Asylbeamte auf den griechischen Hot-Spot-Inseln haben in diesen Tagen einen der schwierigsten Jobs in Europa. Auf Lesbos sind mehr als 8000 Migranten als Folge des EU-Türkei-Deals gestrandet. (Eine Reportage von der Insel lesen Sie hier im aktuellen SPIEGEL) Die meisten von ihnen leben unter menschenunwürdigen Bedingungen im Lager Moria.

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Heft 48/2017
Land ohne ...Richtung, ...Einigkeit, ...Kanzlerin?

Marios Kaleas und seine Mitarbeiter müssen entscheiden, wer von ihnen zurück in die Türkei geschickt wird - und wer Asyl in Griechenland bekommt. Der 37-jährige studierte Soziologe steht der Asylbehörde in Lesbos vor.

Im Interview schildert er den Druck auf seine Mitarbeiter, den extremen Alltag - und die Hoffnung auf baldige Entlastung.


Kaleas
Olga Stefatou

Kaleas

SPIEGEL ONLINE: Die Migranten im Camp Moria leben unter härtesten Bedingungen. Kritiker machen Sie und Ihre Kollegen dafür verantwortlich, dass die Menschen oft monatelang in diesem Elend ausharren müssen. Sind die Vorwürfe berechtigt?

Kaleas: Meine Mitarbeiter geben ihr Bestes, mit minimalen Ressourcen und unter hoher Arbeitsbelastung. An zwei Tagen der Woche führt ein Mitarbeiter zwei Interviews pro Tag durch. Den Rest der Zeit verbringt er damit, Entscheidungen über Asylbescheide zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Unter dem EU-Türkei-Deal muss in die Türkei zurück, wer dort in Sicherheit einen Asylantrag stellen kann. Wie entscheiden Sie?

Kaleas: Die Entscheidung umfasst mehr als zwölf Seiten, sie muss aktuelle Daten enthalten und sich auf internationales und griechisches Recht beziehen. Wir können nicht mit dem Leben von Menschen spielen. Es dauert nur 40 bis 50 Tage von der Registrierung eines Asylbewerbers bis zum Bescheid. In der vergangenen Woche hatten wir allerdings 587 Neuankömmlinge auf der Insel. Da werden die Dinge schwieriger.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Entscheidungsprozess läuft in der Regel also ziemlich schnell ab?

Kaleas: In erster Instanz ja. Die Mehrheit der Fälle ist in 2,5 bis 3 Monaten durch. Das Problem ist nur, dass die Menschen in diesen drei Monaten unter so schlechten Bedingungen leben, dass ihnen die Zeit wie drei Jahrhunderte vorkommt. Deshalb sind sie so frustriert.

SPIEGEL ONLINE: Es ist nicht Ihre Aufgabe, die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort zu verbessern. Aber Sie sehen die Zustände jeden Tag. Was müsste geschehen, um die Situation zu verbessern?

Kaleas: Wir bräuchten menschlichere Auffanglager.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker sagen, dass mehr Einrichtungen und bessere Einrichtungen nur noch mehr Migranten nach Griechenland locken würden.

Kaleas: Was soll das heißen? Dass wir Tausende Menschen unter erbärmlichen Bedingungen festhalten sollen, damit andere wegbleiben? Das ist als Argument inakzeptabel.

SPIEGEL ONLINE: Migranten, deren Asylantrag in erster Instanz abgelehnt wird, können sich an sogenannte Berufungskommitees wenden. Sind die für die zeitliche Verschleppung verantwortlich?

Kaleas: Es gibt zwölf Berufungskommittees mit insgesamt 36 Mitarbeitern. Das sind viel zu wenige, um mit den Fällen fertig zu werden. Meine Asylbehörde ist dabei so etwas wie der Sündenbock, wir bekommen den ganzen Druck ab.

SPIEGEL ONLINE: Bisher werden 70 Prozent aller Asylanträge von Menschen, die über die Ägäis kommen, positiv beschieden. Wie stellen Sie fest, welcher Syrer in die Türkei zurück muss und welcher nicht?

Kaleas: Wir betrachten jeden Fall einzeln.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Kaleas: Ein Syrer, der kurdische Wurzeln hat, würde bei einer Rückkehr in die Türkei sehr wahrscheinlich Probleme bekommen. Unsere Aufgabe ist es zu überprüfen, ob die Angaben des Bewerbers glaubhaft sind. Ausgehend von den Informationen, die wir über die Türkei haben, ermitteln wir, ob er womöglich in Gefahr sein wird oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und für wen ist es sicher, in die Türkei zurückzukehren?

Kaleas: Ein Syrer, der zum Beispiel zwei Jahre lang in der Türkei war, dort arbeitet, seine Familie dorthin holte. Für ihn gilt die Türkei als sicheres Drittland. Aber wir wollen nicht, dass jemand rückgeführt wird, der glaubhafte Gründe hat, sich vor dieser Rückkehr zu fürchten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist, wenn ein Asylbewerber Ihnen nicht die Wahrheit erzählt?

Kaleas: Wir sind nicht der Geheimdienst. Alle Mitarbeiter wurden aber sehr genau geschult. Wenn jemand uns beispielsweise von einem Vorfall im Jahr 2013 erzählt und dieser Vorfall aber historisch nachprüfbar im Jahr 2015 geschehen ist, dann merken wir, dass etwas nicht stimmt. Eine Bombenexplosion im Zentrum von Bagdad etwa, das kann man nachprüfen. Kommen mehrere Ungereimtheiten zusammen, wird klar, dass er wahrscheinlich lügt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie jemals ein schlechtes Gewissen, wenn Sie jemanden zurückschicken?

Kaleas: Wir arbeiten in erster Instanz, wir senden niemanden zurück. Das ist die Aufgabe der Berufungskommissionen. Sie erleichtern uns von psychologischer Schuld.


Im Video: SPIEGEL-ONLINE-Reporter Giorgos Christides über die angespannte Situation zwischen Flüchtlingen und Bewohnern auf der griechischen Insel Lesbos.


SPIEGEL ONLINE: Und wenn der Fall nicht eindeutig ist?

Kaleas: Das kommt oft vor. Im Zweifel entscheiden wir im Sinne des Asylbewerbers.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Hintergrund haben Ihre Mitarbeiter?

Kaleas: Wir haben alle Universitätsabschlüsse aus den Gesellschafts- oder Sozialwissenschaften. Oder einen juristischen Hintergrund. Wir müssen also nicht unbedingt Anwälte sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann ein Soziologe den EU-Türkei-Deal, internationales und nationales Recht, Chartas und Konventionen interpretieren?

Kaleas: Wir interpretieren nichts, wir implementieren. Natürlich haben wir alle eine Meinung. Aber wir sind Mitarbeiter der Asylbehörde, wir wenden Gesetze an. Wir halten uns an objektive Kriterien, an Beweise und Quellen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie genug Mitarbeiter?

Kaleas: Unter den aktuellen Umständen kommen wir klar. Griechenland durchleidet eine Finanzkrise, es gibt also Einschränkungen. Das Ministerium versucht, auf EU-Gelder und befristete Verträge zurückzugreifen, um das Problem anzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Dann könnten Sie Anträge schneller bearbeiten?

Kaleas: Wenn wir Vorzeige-Einrichtungen hätten, wenn wir permanente Angestellte hätten und nicht mehrheitlich Mitarbeiter mit Zeitverträgen, wenn wir perfekt trainierte, gesunde und ausgeruhte Mitarbeiter hätten, könnten wir die Wartezeit für die Bewerber um einen Monat verkürzen. Wir erwarten zu den 300 Angestellten jetzt 220 neue feste Mitarbeiter und weitere 130 befristete Mitarbeiter. Sie sollen Anfang 2018 anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie für diese wichtige Aufgabe angemessen bezahlt?

Kaleas: Wie ein öffentlich Angestellter. Plus eine Zulage von 100 Euro wegen der unhygienischen Arbeitsbedingungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie erwähnten den Gesundheitszustand der Mitarbeiter. Warum?

Kaleas: Wir arbeiten unter sehr schwierigen Bedingungen: physisch wie psychisch. Unsere Mitarbeiter hören jeden Tag Geschichten von Vergewaltigung, Folter und Verfolgung. Das nimmt sie mit. Wir arbeiten beispielsweise in einem Camp, in dem die Hälfte der Bewohner an Durchfall leidet. Die Mitarbeiter sitzen täglich mit ihnen in engen Räumen zusammen. Meine Kollegen werden oft krank. Viele stehen kurz vor dem Burn-out.

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