Griechischer Außenminister Kotzias "Wir sind arm, aber gleichberechtigt"

Sucht Griechenland die Nähe zu Russland? Außenminister Nikos Kotzias redet über den Kurs der neuen Linksregierung - und seine Vergangenheit als kommunistischer Hardliner.

Griechenlands Außenminister Nikos Kotzias: "Politik hat viel mit Gefühl zu tun"
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Griechenlands Außenminister Nikos Kotzias: "Politik hat viel mit Gefühl zu tun"

Ein Interview von Alexander Smoltczyk


SPIEGEL ONLINE: In Griechenland ist ein altes Regime durch eine breite Volksbewegung beseitigt worden. Genau wie vor gut einem Jahr in Kiew, oder?

Kotzias: Bei uns durch Wahlen. Syriza liegt heute bei 70 Prozent Zustimmung. Die Leute rufen mir täglich auf der Straße zu: Nikos, halt durch! Gehe keinen Schritt zurück. Politik hat viel mit Gefühl zu tun, gerade im Orient und den östlichen Ländern. Das haben wir in der EU ein wenig vergessen. Griechenland hat das Gefühl, seine Selbstachtung verloren zu haben. Nach dieser ersten Woche hat sich das schon verändert.

SPIEGEL ONLINE: Wie hätte Europa auf die Annexion der Krim durch Russland reagieren müssen?

Kotzias: Krim ist vor meiner Zeit passiert!

SPIEGEL ONLINE: Das sogenannte Referendum ist von Syriza aber anerkannt worden.

Kotzias: Ein Referendum darf nur nach der Verfassung eines Landes durchgeführt werden.

SPIEGEL ONLINE: Also mit Zustimmung der Zentralregierung.

Kotzias: Richtig. In Katalonien hat es die nicht gegeben, in Schottland dagegen schon. Der schottische Weg wäre für die Krim das beste gewesen. Dort durften übrigens Auslandsschotten nicht abstimmen, aber ansässige Ausländer schon. Ein sehr fortschrittliches System. Wenn ein Gebiet sich abspalten will, müssen die Ortsansässigen entscheiden, nicht die mit der Identitätskarte.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das Ihrem ukrainischen Kollegen auch gesagt?

Kotzias: Ja, er war der erste Kollege, den ich bei meiner Antrittsreise nach Brüssel gesehen habe. Ich habe ihm gesagt, dass eine föderale Struktur der Ukraine nicht Russland in die Hände spielen würde. Man darf als Demokrat keine Angst vor Wahlen und demokratischen Strukturen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte die EU Einfluss auf Russland ausüben?

Kotzias: Europa muss sich entscheiden, ob es Russland in seine Sicherheitsarchitektur integrieren will oder ob Russland der Feind ist. Europa gibt den südlichen Völkern ein sehr schlechtes Bild, wenn es seit dreizehn Sitzungen des Ministerrats immer nur um Moratorien, Bestrafungen, Sanktionen geht. Wir haben viel Zeit verloren.

SPIEGEL ONLINE: Sanktionen, denen Sie erst nach Zögern zugestimmt haben.

Kotzias: Es war anders. An meinem ersten Tag hier im Amt lese ich, es habe einen einstimmigen Beschluss der EU über die Ukraine und Russland gegeben. Davon wusste ich nichts. Wir haben die Kommission angerufen. Es wurde uns gesagt, kein Problem, dann datieren wir eure Zustimmung einen Tag zurück. Anscheinend ließ sich die frühere Regierung so behandeln. Ich sagte, das kann nicht Ihr Ernst sein. Hätte ich das akzeptiert, hätte Griechenland seine Rechte verloren. Statt sich zu entschuldigen, haben sie eine Kampagne gestartet, wonach wir prorussisch seien und abhängig von Russland. Dabei war unser Protest die wichtigste proeuropäische Aktion Griechenlands der letzten zehn Jahre. Wir sind ein armes Land, ein kleines Land in der Krise, aber ein gleichberechtigtes Land. Wir sind voller Schulden, aber damit nicht ohne Rechte.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle will Ihre Regierung außenpolitisch spielen?

Kotzias: Griechenland sitzt in der Mitte eines Dreiecks. Oben die Ukraine, links unten Libyen und rechts unten Nahost, nur 300 Kilometer von uns entfernt. Alle Gebiete sind destabilisiert. Was passiert, wenn Griechenland, etwa durch zu großen Druck in Finanzfragen, auch destabilisiert wird? Dann wird eine Linie von Russland hinunter über die Ukraine entstehen, über den Balkan und bis in den Nahen Osten und Nordafrika, eine große Sichel, die Millionen von Immigranten nach Europa bringen könnte. Dann wäre ganz Europa destabilisiert. Wir sagen: Der Frieden und die Gerechtigkeit in der Ukraine sind genauso wichtig wie die Stabilität Europas.

SPIEGEL ONLINE: Also keine weiteren Sanktionen?

Kotzias: Sanktionen wenn nötig ja, aber im Rahmen dieser Stabilität. Jede Maßnahme muss dem übergeordneten Ziel der Stabilität und des Friedens dienen. Wenn wir unserer Wut und moralischen Empörung freien Lauf lassen, haben wir einen schönen Krieg in Europa. Man muss die Gefühle der Völker berücksichtigen, aber selbst sehr kalt bleiben bei der Entscheidung.

SPIEGEL ONLINE: Als Grieche und ehemaliger Kommunist sind Sie dem Land sehr nah.

Kotzias: Da ist viel Unsinn geschrieben worden. Ich bin Atheist, kein Orthodoxer. Und seit es Russland gibt, seit 25 Jahren, war ich erst zweimal dort. Es gibt in der Außenpolitik die Tendenz, dass die Kleinen den Großen folgen sollen. Wenn Entspannung mit Russland ansteht, sollen wir folgen, und andersherum ebenfalls. Da sagen wir nein. Wir sind gleichberechtigtes Mitglied der EU. Und wir haben einen Vorteil gegenüber vielen anderen. Wir waren keine Kolonialgroßmacht. Wir haben eine kulturelle Geschichte. Das wird von China anerkannt. Das gilt für Indien, das uns, also Alexander und die Dynastien, als Faktor seiner Entstehung sieht. Das gilt auch für Russland. Wir wollen da eine Brücke sein, aber eine Brücke, die ihr Fundament in der Europäischen Union hat.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie im April 2013 den großrussischen Propagandisten Alexander Dugin nach Piräus eingeladen?

Kotzias: Er war einer der Berater Putins und hatte einen der großen Lehrstühle an der Lomonossow-Universität in Moskau. Ich lehre Internationale Beziehungen und lade regelmäßig Diplomaten und Professoren ein. Dugin war mir von Diplomaten genannt worden und sollte außer bei uns in Piräus noch an anderen Universitäten Vorträge halten. Dugin war sehr antiamerikanisch, sehr prodeutsch, gemischt mit Huntington und Fukuyama. Es hat mir nicht gefallen, wir haben gestritten, und ich habe ihn danach auch nicht hinausbegleitet.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt ein Foto, auf dem man Sie beide freundlich lächelnd nebeneinander sieht?

Kotzias: Das war später, als ich ihm beim Ausgang wiederbegegnete und Studenten ein Gruppenfoto machen wollten. Aus diesem Bild ist dann geschlossen worden, ich sei in Wahrheit ein extremer Rechter.

SPIEGEL ONLINE: Ein harter Vorwurf für jemanden, der im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei saß.

Kotzias: Ich stand während der Junta als Studentenführer zweimal vor dem Militärtribunal. Waren die Leute, die mich jetzt mit Dreck bewerfen, wegen ihrer antifaschistischen Haltung schon mal im Knast? Das war eine Kampagne, um in eine Poleposition gegenüber der neuen griechischen Regierung zu kommen. Es ging nicht nur um meine Person, es ging auch um die anstehenden Verhandlungen.

SPIEGEL ONLINE: Es wurde geschrieben, Sie hätten in Osteuropa studiert...

Kotzias: ...und hätte einen DDR-Akzent im Deutschen. Welch ein Unsinn. Steinmeier und ich haben festgestellt, dass wir beide in Gießen in der gleichen Straße gewohnt haben.

SPIEGEL ONLINE: Als "hochintelligenter Frauentyp", wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über Sie schrieb.

Kotzias: Das hat Heinrich Brinkmann gesagt, der Sponti.

SPIEGEL ONLINE: Die Frauen seien schwach geworden, wenn Sie Marx und Lenin zitierten.

Kotzias: Wenn das wahr wäre, würde mehr Lenin gelesen werden. Ich war ein Mensch, der dem Militärtribunal in Griechenland entkommen war, ich war natürlich nicht so dick, und es gab eine gewisse Sympathie für eine Person, die aktiv gegen die Faschisten gekämpft hat.

SPIEGEL ONLINE: Nun kommt Ihr Koalitionspartner, Verteidigungsminister Kammenos, aus genau dieser rechten Ecke.

Kotzias: Er gehört zur volksnahen Rechten, die zur Frage des Memorandums (der Sparpolitik der Troika) die gleiche Position hat wie wir. Eine demokratische Kraft. Unsere Vorgängerregierung hat hingegen mit der Laos-Partei zusammengearbeitet, orthodox, antisemitisch und ultranationalistisch. Darüber hat Europa in großer Heuchelei kein Wort verloren. Der Laos-Politiker Makis Voridis war Führer einer faschistischen Jugendorganisation und wurde sogar Gesundheitsminister der Konservativen. Er hat früher antisemitische Schriften verfasst. Warum wurde darüber nicht geschrieben? Weil er ein guter Yes-Man war, der Ja zum Memorandum sagte.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie heute zu frühen Texten, in denen Sie die Niederwerfung der polnischen Solidarnosc verteidigt haben?

Kotzias: Ich habe nie Steine geworfen wie ein anderer Außenminister. Dennoch denken einige, ich sei das Allerschlimmste, was herumläuft. Ich war im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Griechenlands. Da habe ich im Auftrag meiner Partei Sachen geschrieben, über Polen etwa, die Blödsinn waren. Okay. Das war vor 35 Jahren. Aber wer spricht darüber, dass ich Jürgen Habermas in Griechenland herausgegeben habe?

SPIEGEL ONLINE: Aber zur These, dass Deutschland ein Hegemon in Europa ist, stehen Sie noch?

Kotzias: Nein. Meine erste These: Deutschland hat in bestimmten Momenten seiner Geschichte aggressiv reagiert. Es wurde gedrängt, die Rolle des Hegemons zu spielen, obwohl es geistig und kulturell nicht bereit dazu war. So hat es diese Rolle mit Gewalt ausgeübt. Das ist auch mein Erklärungsversuch des Hitler-Phänomens. Meine zweite These beschreibt Griechenland als eine Schuldenkolonie und Deutschland als eine Dominanzkraft, die Europa dominiert, aber die kulturelle Hegemonie noch nicht entwickelt hat. Das ist immer noch eine berechtigte Kritik, die ich wissenschaftlich verteidigen kann. Damit vergleiche ich die Bundesrepublik nicht mit dem Deutschland des zweiten Weltkriegs. Der Nazismus, diese Industrialisierung des Mordens, ist mit nichts zu vergleichen. Wer irgendetwas, sei es Israel oder Frau Merkel, damit vergleicht, macht nicht nur einen wissenschaftlichen Fehler, sondern spricht auch die Träger dieses Mordens frei.

Das Interview wurde auf Deutsch geführt.

Zur Person
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    Der Außenminister Griechenlands Nikos Kotzias, 64, ist parteilos. Früher war er Kommunisten- und Studentenführer. 18 Jahre lang arbeitete er im Außenministerium, er hat 96 Bücher verfasst und als Berater an rund 200 Ministerratssitzungen teilgenommen. Seit Regierungsantritt habe er drei Kilo abgenommen. Insofern ist er schon deswegen der richtige Mann für seinen jetzigen Job.

    Kotzias hatte ab 1969 Sozialwissenschaften in Gießen studiert, in Marburg gelehrt und ist mit einer Germanistin verheiratet. Er trinkt weder Kaffee noch Bier noch anderen Alkohol. Und er sagt: "Ich liebe Deutschland, aber ich bin ein Gegner der deutschen Politik uns gegenüber."

    Besprechen kann er das am Dienstag mit seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier, den er bei der Berliner EU-Ministerratssitzung trifft.

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insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
SanchosPanza 09.02.2015
1. Ein cooler Typ
Ein cooler und vor allem gebildeter Typ ohne intellektuelle Berührungsängste, der sich IMHO positiv vom üblichen Format des westlichen Karrierepolitikers unterscheidet. Vielleicht ginge es Europa allgemein besser, wenn wir mehr von seiner und weniger von der anderen Art hätten.
eisbärchen_123 09.02.2015
2.
Das klingt wie das unselige "arm, aber sexy" von Klausi....solange andere zahlen, kann man Armut gut überstehen.
KaulQuappe 09.02.2015
3. kluger Kopf
Scheint ein kluger und besonnener Kopf zu sein. Ganz anders als die Polterer Tsipras und sein Finanzentsetzer
eckawol 09.02.2015
4. GR arm, aber gleichberechtigt.
Jetzt arbeitet Kotzias daran, dass GR "arm, aber sexy " wird?
haraldhenn 09.02.2015
5.
Grossartiger Typ, grossartiges Interview! Immer wieder erhebend, was so ein Spon- Interview doch an Erkenntnis abwirft.
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