Griechenland Warum Hunderte Flüchtlingskinder ohne Obdach sind

Zwei von drei unbegleiteten Flüchtlingskindern haben in Griechenland keine geeignete Unterkunft. Viele leben auf der Straße, obwohl genug Geld da wäre. Schuld ist vor allem die griechische Bürokratie.

Flüchtlingskinder in Athen
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Flüchtlingskinder in Athen

Von , Thessaloniki


Die vergangenen fünf Monate waren ein Albtraum für die 162 Mitarbeiter von ARSIS, einer griechischen NGO. Die Hilfsorganisation betreibt sieben Heime für 250 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Die Mitarbeiter haben in diesen 20 Wochen keine Gehälter bekommen. Schlimmer noch: Die Lieferanten von ARSIS, ebenfalls seit Monaten ohne Bezahlung, haben aufgehört, den Heimen wichtige Güter wie Brot bereitzustellen. Die Folge: Um die Kinder zu ernähren und die Heime am Laufen zu halten, müssen die Sozialarbeiter bis zur Erschöpfung improvisieren, Spender kontaktieren und ihre eigenen Konten plündern.

"Während wir sprechen, laufen 250 unbegleitete und in höchstem Maße verletzliche Minderjährige Gefahr, ihr Zuhause zu verlieren", sagt Zoe Kokalou, die Sprecherin von ARSIS.

In Griechenland gibt es gegenwärtig 3400 unbegleitete Flüchtlingskinder. Von ihnen sind nur 1101 in Heimen oder anderen Einrichtungen untergebracht. Mehr als 2500 unbegleitete Minderjährige stehen auf Wartelisten. Wenn ARSIS seine Arbeit einstellt, gibt es keinen anderen Ort mehr, zu dem die Kinder gehen könnten - außer auf die Straße.

Es ist schwer nachzuvollziehen, dass Griechenland daran scheitert, unbegleiteten Migranten und Flüchtlingskindern - die verletzlichsten Opfer der Krisen in Syrien, Afghanistan und dem Irak - sichere Lebensbedingungen zu gewährleisten.

Vor allem, weil Geld durchaus da ist. Seit 2015 hat die EU-Kommission dem griechischen Staat mehr als 385 Millionen Euro Nothilfe zugeteilt, um dem Land bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise zu helfen.

Das Problem ist die Bürokratie, wie so oft in Griechenland.

Seit August 2017 werden griechische Nichtregierungsorganisationen, die Heime für Minderjährige betreiben, nicht mehr länger direkt von der UNHCR oder anderen internationalen Organisationen finanziert. Das macht seither die griechische Regierung.

Zuvor, und damit während der Hochphase der Flüchtlingskrise, lief es für die NGOs problemlos, zumindest was die Finanzierung betrifft. Aber als das griechische Wirtschaftsministerium die Aufgabe übernahm, begann der bürokratische Irrsinn.

Statistiken zeigen, wie ernst das Problem ist: Die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen ist seit August vergangenen Jahres, als die griechische Regierung übernahm, um 74 Prozent gestiegen. Dafür kann die Regierung natürlich erst einmal wenig. Im selben Zeitraum sank offiziellen Angaben zufolge allerdings die Zahl der Heimplätze von 1228 auf 1101, NGOs mussten mangels Finanzierung ihre Einrichtungen schließen. Mehr Kinder also - mit weniger Hilfsangeboten.

Ein Beispiel für die neuen bürokratischen Hürden: Bisher wurden Ausschreibungen für Förderanträge drei Monate vor Ablauf der bestehenden Förderung veröffentlicht. Nachdem die griechische Administration übernommen hatte, wurde der Aufruf für 2018 erst am 11. Dezember 2017 publik gemacht - zwei Wochen vor Ablauf des bisherigen Programms.

Trotz dieser Verspätung schaffte es ARSIS, die Masse an erforderlichen Papieren fristgerecht einzureichen. Trotzdem wurde die Finanzierung bis heute nicht genehmigt. Mehr noch: Die griechische Regierung hat ARSIS noch nicht einmal für 2017 bezahlt.

Das Ministerium schweigt sich aus

"Wenn es ohnehin nur mangelhaften Schutz für Flüchtlingskinder gibt, wie kann es dann sein, dass die wenigen existierenden Heime durch die Unfähigkeit des Wirtschaftsministeriums in Gefahr gebracht werden?", empört sich Kokalou.

Der für die Finanzierung zuständige Beamte im griechischen Wirtschaftsministerium hat eine Anfrage des SPIEGEL hierzu unbeantwortet gelassen. Nach SPIEGEL-Informationen hatte die Regierung den NGOs eine zügige Optimierung des Prozesses versprochen. In der vergangenen Woche aber wurden die Organisationen nun informiert, dass eine neue Überprüfung aller Finanzprogramme des Wirtschaftsministeriums geplant sei. Bis zum Abschluss dieser Untersuchung wird es nur eins geben: Stillstand.

Als Antwort darauf haben viele Mitarbeiter von ARSIS ihre Arbeit eingestellt. "Sie fürchten sich vor der Armut", sagt Kokalou. Den Helfern steht nun sogar juristischer Ärger ins Haus. Arbeitsrechtler drohen der NGO, den Fall der Staatsanwaltschaft vorzulegen. Diese kann gegen die Geschäftsführung vorgehen, weil sie ihre Arbeitnehmer nicht bezahlt - selbst wenn die NGO letztlich selbst nichts dafür kann.




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