Umstrittene Rede Das sagte Varoufakis, als er den Stinkefinger zeigte

Nach seinem Dementi hat Giannis Varoufakis seine Stinkefinger-Rede nun auf Twitter selbst verbreitet. Sie liefert den Kontext, warum der griechische Finanzminister von Manipulation sprach. Hier die entscheidenden Stellen des Vortrags im Wortlaut.

Varoufakis-Rede (YouTube-Video): Vergleich mit Argentinien

Varoufakis-Rede (YouTube-Video): Vergleich mit Argentinien

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Hamburg - Der Auftritt bei Günther Jauch war wohl als Befreiungsschlag gedacht, doch vom einstündigen Auftritt des griechischen Finanzministers bleibt nur eine kurze Sequenz präsent: der Ausschnitt einer Rede von Giannis Varoufakis, die er im Mai 2013 in Zagreb hielt - und in der er den Mittelfinger in die Kamera gestreckt haben soll, als er über Deutschland sprach.

Schon am Sonntagabend in der ARD bezeichnete Varoufakis das Video als "gefälscht" (die Sendung sehen Sie hier in der ARD-Mediathek), gegenüber SPIEGEL ONLINE erhob er Sabotage-Vorwürfe gegen die Jauch-Redaktion. Nun hat Varoufakis auf Twitter eine Version der kompletten Rede verbreitet, die seine Version des Geschehens belegen soll. Was ist Varoufakis' Botschaft, worum ging es in der Rede wirklich? SPIEGEL ONLINE hat die entscheidende Stelle des Videos (hier von Minute 38:39 bis 42:17) transkribiert, ins Deutsche übersetzt und mit einigen erklärenden Anmerkungen versehen:

"Vergessen Sie für eine Sekunde Griechenland. Wenn die Eurozone zusammenbricht, werden wir alle eine Neuauflage der Dreißigerjahre erleben. Wenn die Eurozone abstürzt und verbrennt - ich meine, ich habe in den Neunzigern selbst gegen die Eurozone gekämpft. Aber wir haben sie geschaffen. Und nun kann man nicht einfach umkehren.

Wenn wir den Euro aufgeben, werden wir nicht dorthin zurückgehen, wo wir gestanden hätten, wenn wir ihn nie gehabt hätten. Es ist also die eine Sache zu sagen, dass wir ihn nicht bekommen sollten - und eine ganz andere Sache zu sagen, dass wir ihn verlassen sollten. Richtig?

Und wenn der Euro - auf die Art, wie er gestaltet wurde und in der Weise, wie die Finanzierung in der Goldenen Ära weiterging, jenen acht Jahren, diesen guten Jahren des Euros… der dann abstürzte und brannte - nach all dem, mit dieser Geschichte im Hintergrund…"

Mit den "guten Jahren" meint Varoufakis die Jahre nach Einführung des Euros als Zahlungsmittel im Jahr 1999 und dem Ausbruch der Finanzkrise 2007.

"Wenn der Euro jetzt geht, werden wir eine massive Depression in Deutschland und eine Stagnation im Rest Europas haben. Die globale Wirtschaft wird diesen Schock nicht verkraften können, China wird den Rückwärtsgang einlegen, Brasilien ein weiteres Wachsen der Armutsraten sehen - und so weiter... (unverständlich)

Und deshalb wird die globale Wirtschaft schädlich beeinflusst, wenn die Eurozone verschwindet. Das ist die internationale Perspektive.

Nun lassen Sie mich aus der griechischen Perspektive sprechen. Was wir getan haben, was der griechische Staat getan hat, was die aufeinanderfolgenden drei Regierungen seit der Schuldenkrise getan haben - die Schulden explodierten Anfang 2010 - war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Varoufakis verurteilt an dieser Stelle die europäische Rettungspolitik unter der Schirmherrschaft von Internationalem Währungsfonds (IWF), der Europäischen Zentralbank (EZB) und der EU-Kommission, die Griechenland zu einer strikten Spar- und Reformpolitik verpflichtete.

"Ich verteidige also nicht die Tatsache, dass wir im Euro waren infolge der Vorschriften, die wir aus Brüssel und Frankfurt erhielten und so weiter… Mein Vorschlag war, dass Griechenland im Januar 2010 innerhalb des Euros einfach seine Zahlungsunfähigkeit hätte erklären sollen - so wie es Argentinien gemacht hat - und dann Deutschland den Stinkefinger zeigen und sagen hätte können: 'Also jetzt könnt ihr dieses Problem alleine lösen - okay?"

An dieser Stelle streckt Varoufakis den Mittelfinger seiner linken Hand in Richtung der Kamera. Der Vergleich mit Argentinien zielt auf den Streit Argentiniens mit zwei US-Hedgefonds, an dessen Ende das Land im August zahlungsunfähig wurde .

"Warum habe ich die Idee nicht unterstützt, zur Drachme zurückzukehren? Oder in anderen Worten: Warum kaufe ich die halbe Strategie Argentiniens, aber nicht auch die andere Hälfte? 'Ja zur Säumnis' - 'Nein zur Schaffung einer eigenen Währung'?"

Hier also sagt Varoufakis klar, dass es für ihn zum Zeitpunkt seines Auftritts 2013 gerade keine Option war, Deutschland den Stinkefinger zu zeigen, so wie es Argentinien sinnbildlich gegenüber dem IWF tat. Im Folgenden erklärt er, warum:

"Nun, weil Argentinien den Peso hatte. Das Land hatte eine Währung, die sie abwerten konnte. Es gab den festen 1:1-Wechselkurs zwischen Peso und US-Dollar… die Argentinier hatten den Peso in der Tasche. Die Banken waren gefüllt mit Pesos, die Geldautomaten hätten Pesos ausgezahlt. Und es war eine simple Angelegenheit zu sagen: 'So, von jetzt an werten wir ihn ab.' Aber wenn man keine eigene Währung hat, kann man sie nicht abwerten. Alles, was man tun kann, ist zu erklären, dass wir in acht Monaten eine Währung haben werden - die wir, nebenbei gesagt, dann abwerten werden."

Varoufakis sprach sich also mangels Alternativen klar für den Verbleib in der Eurozone aus. 2010 wäre die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit weniger folgenreich gewesen, da Griechenland zu diesem Zeitpunkt noch keine so hohen Verpflichtungen gegenüber den Institutionen EU, IWF und EZB hatte, sondern vor allem gegenüber privaten Gläubigern.

"Können Sie sich die Ankündigung einer Währungsabwertung vorstellen - acht Monate, bevor es dazu kommt? Das ist ein Rezept, um sämtlichen Wohlstand auszurotten und aus dem Land zu vertreiben, wenn wir dann nicht bewaffnete Wächter an den Grenzen haben, die alle Menschen daran hindern, ihr Geld außer Landes zu bringen.

Aber das würde bedeuten, dass wir die Europäische Union verlassen müssten. Und vergessen Sie nicht, dass Griechenland nichts hat, was Argentinien hatte: Argentinien hatte in dem Moment, als es die Zahlungen einstellte und dem IWF den Mittelfinger zeigte - wofür ich applaudiere und sie liebe - riesige Ländereien, die Millionen Tonnen Sojabohnen produzieren können, die China in diesem Moment kaufen wollte. Griechenland hatte nichts dergleichen."

Die Rede des griechischen Finanzministers ist also in der Tat komplexer als in der TV-Talkshow von Günther Jauch dargestellt: Varoufakis spricht darin im Jahr 2013 über das Geschehen des Jahres 2010 in Griechenland - und bezieht sich zugleich auf die Lage des argentinischen Staatshaushalts im Jahr 2013. Diesen Punkt muss man Varoufakis lassen: Seine Rede wurde im Jauch-Talk aus dem Kontext gerissen.

Zwar wurde in dem kurzen Einspielfilm, in dem auch die Stinkefinger-Sequenz vorkam, die Zeitangabe "Mai 2013" eingeblendet. Auch wiederholte Moderator Jauch das Datum der Aufnahme noch einmal. Doch der Hinweis darauf, dass sich Varoufakis auf die Situation in Griechenland vor dem ersten Hilfspaket bezog, fehlte - auch der Hinweis, dass er Deutschland 2013 gerade nicht den Stinkefinger zeigen würde.

In einer anderen Sache steht Varoufakis aber noch immer nicht gut da: Mit dem von ihm geposteten Video belegt er auch seine eigene Behauptung nicht, der vieldiskutierte Stinkefinger sei in den Film montiert worden. Denn auch in der Langversion des griechischen Ministers streckt er diesen Finger gen Kamera. Selbst wenn die Debatte nun also abflauen sollte: Varoufakis machte darin nicht wirklich eine gute Figur.


Zusammengefasst: Die umstrittene Rede von Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis wurde bei Günther Jauch aus dem Kontext gerissen - Varoufakis sprach darin im Mai 2013 über die Situation Griechenlands vor fünf Jahren. Im Kontext sagt er, dass es 2013 gerade keine Option sei, Deutschland den Stinkefinger zu zeigen. Seine Behauptung, der Stinkefinger sei nachträglich "in den Film montiert" worden, widerlegt er allerdings selbst.


Der Streit um die Griechenland-Hilfen in Zitaten:

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
peter.nurrum 17.03.2015
1. Kudos
Großes Kompliment an den Spiegel, solchen Sachen mal nachzugehen, statt nur Behauptungen wiederzugeben ohne dass man sich mit realistischem Zeitaufwand selbst ein Bild machen könnte. Das vermisse ich in der deutschen Medienlandschaft oft, also dafür: Danke!
dontstop 17.03.2015
2.
Warum macht Varoufakis "keine gute Figur" nur weil er widerspricht, den Stinkefinger gezeigt zu haben? Ich denke es ist legitim, aus der festen Überzeugung einer grundsätzlich anderen Aussage heraus zu behaupten er habe den Stinkefinger nicht gezeigt und der sei reinmontiert gewesen. Überhaupt: Was ist das für eine alberne Diskussion um einen Finger, die uns hier von den Medien aufgetischt und in die Bedeutungsschwere gehypt wird? Jauch sollte sich im Namen seiner Redaktion für die indifferente Darstellung entschuldigen und alle anderen einfach mal den Ball flach halten. Verschwinden könnte dieser maßlos überschätzte TV-Moderator am besten auch gleich.
haudinei 17.03.2015
3. Danke
na also, da haben wir es doch. Es ist wirklich erschreckend, wie einfach es ist, Menschen und ganze Völker gegeneinander aufzuhetzen.
nibal 17.03.2015
4. Punkt für Varoufakis
Der Stinkefinger war hypotetisch und eben nicht ein richtiger Stinkefinger Richtung Deutschland. Eine Parabel wenn man so will.
Leto13 17.03.2015
5. hm
Es ist schade, dass die ARD es mit ihrer Manipulation es geschafft hat, von Varoufakis' sehr moderatem und mit fundiertem Wissen untermauerten Auftritt nur den Stinkefinger zu hinterlassen. Das ist meines Erachtens bezeichnend fuer die Kampagne vieler deutscher Medien gegen die neue Regierung in Athen und gegen einzelne Mitglieder, insbesondere Varoufakis, oder laut Jauch "Jaroufakis", den "italienischen Bruce Willis".
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