Stimmung in Griechenland "Wir fühlen uns gedemütigt"

Viele Menschen in Athen beobachten die eigensinnige Haltung der Regierung gegenüber den Gläubigern mit Skepsis. Die Hardliner von Syriza aber bleiben unnachgiebig und heizen die Stimmung an.

Aus Athen berichten und

REUTERS


Es wirkt alles so normal und beschaulich in Griechenlands Hauptstadt in diesen Tagen: Die Präsidentengarde zelebriert wie gewohnt ihren Wachwechsel vor dem Parlament, die Geschäftsleute in der Ermou-Straße putzen ihre feinen Läden heraus und die Athener laufen mit gedämpftem Tempo durch die Hitze, die sich über die Stadt gelegt hat.

Wer aber den Fernseher einschaltet, merkt schnell, dass Griechenland weit entfernt ist von einem idyllischen Sommer. Die Nachrichtensender kennen praktisch nur ein Thema: Wie in Dauerschleife sind abwechselnd Alexis Tsipras, Angela Merkel und Jean-Claude Juncker zu sehen.

Der griechische Regierungschef, die Bundeskanzlerin und der EU-Kommissionschef stehen als Protagonisten für ein Drama, welches das vom Staatsbankrott bedrohte Land schon seit einer gefühlten Ewigkeit im Griff hat - und das jetzt auf einen neuen Höhepunkt zusteuert.

Seit am Sonntag Gespräche der Gläubiger mit Vertretern der Athener Regierung ohne Fortschritte endeten, ist immer mehr von einer Grexit-Gefahr die Rede, also dem Ausscheiden des Krisenlandes aus der Eurozone. Die Risiken eines solchen Szenarios sind schwer abzuschätzen. Sicher ist: Es ist nicht mehr viel Zeit für eine Einigung zwischen Gläubigern und griechischer Regierung auf ein Reformpaket bis zum 30. Juni. An dem Tag muss Athen 1,6 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen.

Griechen heben 700 Millionen Euro ab - an einem Tag

Viele Griechen werden deshalb allmählich nervös, und diese Nervosität schlägt sich in so mancher Kontobewegung nieder: Zwischen 600 und 700 Millionen Euro hoben Bürger des südosteuropäischen Landes Dienstag laut einem Bericht der Zeitung "To Vima" von ihren Konten ab, am Vortag waren es demnach bis zu 500 Millionen Euro.

Es gibt zwar bislang keine langen Schlangen an den Geldautomaten - aber vor ihnen stehen Menschen, die sich ihre Gedanken machen. Wie etwa die Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte: Für ihre Mutter habe sie zuletzt bereits eine größere Geldsumme abgehoben, die für ein paar Monate zum Leben reichen würde. "Für den Fall der Fälle", sagt die Mittfünfzigerin. Von Ministerpräsident Tsipras sei sie enttäuscht. Dessen Regierung habe einst angekündigt, die Vetternwirtschaft im Land beenden zu wollen. "Und dann haben sie doch nur dafür gesorgt, dass ihre Freunde mit lukrativen Posten versorgt wurden."

Auch Petros ist skeptisch: "Die Regierung versucht in den Verhandlungen mit den Gläubigern zu tricksen", sagt der Feuerwehrmann. Am Ende werde sie sich auf einen Kompromiss einlassen müssen. "Ich hoffe, dass Griechenland in der Eurozone bleibt", sagt Petros.

Es ist nur die Frage, ob auch die Leute in Tspiras' Linksbündnis Syriza auf einen Kompromiss setzen: Gewerkschafter und Sozialdemokraten sind hier ebenso vertreten wie Marxisten und Linksnationalisten.

Zur Gruppe der Hardliner gehört auch Despina Charalambidou. Die Vize-Präsidentin des Parlaments sitzt im Büro und nippt an ihrem Kaffee. Vor ihrem Besprechungstisch hängt ein Lenin-Bild. Das Angebot der Gläubiger, das unter anderem Rentenkürzungen und eine höhere Mehrwertsteuer vorsieht, sei für Griechenland inakzeptabel, sagt Charalambidou: "Wir fühlen uns gedemütigt." Derzeit sehe es so aus, als habe ihr Land nur noch die Wahl zwischen zwei Alternativen: "Auf der einen Seite steht ein schlechter Deal, auf der anderen Seite der Bruch mit den Geldgebern."

"Sie wollen unsere Unterwerfung"

Charalambidou will nicht offen sagen, welche Variante sie bevorzugt. Ihr sei jedoch wichtig, dass Syriza zu seinen Wahlversprechen stehe - das Linksbündnis hatte den Bürgern unter anderem ein milliardenschweres Sozialprogramm sowie die Kündigung der Vereinbarung mit EU, Europäischer Zentralbank und IWF in Aussicht gestellt.

Rund vier Stunden hatte Tsipras am Dienstag mit seinen Syriza-Abgeordneten zusammengesessen. Die Botschaft war Teilnehmern der Sitzung zufolge deutlich: Die Gläubiger hätten die Hürde in jeder Verhandlungsrunde mit Athen höher gelegt.

Die Verhandlungen mit den Gläubigern würden ihn nicht sonderlich optimistisch stimmen, sagte Energieminister Panagotis Lafazanis am Rande der Sitzung: "Sie wollen unsere Unterwerfung."

Für Aufmerksamkeit dürfte deshalb auch eine für diese Woche geplante Reise von Tsipras nach Russland sorgen. Es ist ein Arbeitstreffen zwischen Tsipras und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in St. Petersburg geplant. Putin hatte dem krisengeschüttelten Land Milliarden in Aussicht gestellt, wenn es das russische Pipeline-Projekt Turkish Stream unterstützt. Tsipras hatte zuletzt die Frage verneint, ob Griechenland einen Kredit aus Russland erwarte.

Vorerst sieht es in Athen so aus, als würde der Poker mit den Gläubigern bis zur letzten Minute ausgereizt. Die konservative Zeitung "Kathimerini" sieht Tsipras in seinen Gesprächen mit den Gläubigern in einer ausgesprochen schwierigen Lage: "Selbst wenn der Regierungschef einen Deal will, ist derzeit schwer zu erkennen, wie er ihn erreichen kann."

Viele letzte Chancen - Zitate zur Griechenkrise

16. Februar 2015

"Wir können diese Woche noch nutzen, aber das ist es."

Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach dem Scheitern der Verhandlungen in Brüssel Mitte Februar. Es geht um den Antrag zur Verlängerung des Hilfsprogramms.

17. Februar 2015

"Am 28., 24.00 Uhr, is over."

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) spricht über das zu diesem Zeitpunkt Ende Februar auslaufende Hilfsprogramm. Die Athener Regierung beantragt gerade noch rechtzeitig eine Verlängerung.

29. März 2015

"Es ist Griechenlands letzte Chance, der EU endlich etwas zu liefern."

Das erklärte der CDU-Außenpolitiker Elmar Brok in der "Bild" (Ausgabe Online 29. März). Zu diesem Zeitpunkt wird über das Reformpaket verhandelt - die Voraussetzung für eine weitere Auszahlungen aus dem verlängerten Hilfspaket.

15. April 2015

"Die Zeit läuft ab."

Der Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, warnt Athen erneut ("taz"-Ausgabe vom 15. April). Zu diesem Zeitpunkt hieß es, dass bis zum 20. April eine Einigung zu einem Reformprogramm stehen müsse.

26. Mai 2015

"Die Zeit wird knapp."

Als Chef des Europäischen Rettungsschirms ESM ist Klaus Regling einer der Entscheider über neue Milliarden-Hilfen für Griechenland. Im "Bild"-Interview (Ausgabe 26. Mai) erklärte er, dass Tag und Nacht an einer Einigung gearbeitet werde.

4. Juni 2015

"Ich hab' die Faxen dicke."

Angesichts der zähen Verhandlungen übte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner" am 5. Juni deutliche Kritik an der Athener Regierung.

8. Juni 2015

"Es ist nicht mehr viel Zeit, das ist das Problem."

Nach dem G7-Gipfel forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Regierung in Athen erneut auf, Reformen umzusetzen oder Alternativen vorzuschlagen. Das aktuelle Hilfsprogramm läuft Ende Juni aus.

11. Juni 2015

"Die Zeit läuft ab."

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt vor einer Staatspleite Griechenlands. Gespräche zwischen den Geldgebern in Brüssel am Vorabend brachten wieder einmal keine konkreten Ergebnisse.

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insgesamt 518 Beiträge
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Seite 1
analyse 17.06.2015
1. Es ist richtig und zu verstehen,daß die Griechen ihr Geld
vor der Regierung Tsipras in Sicherheit bringen !Leeren Versprechungen von Sozialisten vor der Wahl enden regelmäßig und überall in Verschlechterung der Situation,da halt Realität,Natur des Menschen, sowie Freiheit , mit sozialistischer Ideologie nicht zusammenpassen !
justkidding 17.06.2015
2.
Griechenland hat 112 Tonen Gold - wie kann ein Land pleite sein, mit so viel Gold?
TheFrog 17.06.2015
3. Gedemütigt....
fühle ich mich als Deutscher Steuerzahler, beschimpft und verspottet von den stolzen Griechen. Und, wie schon einmal bemerkt : Wenn man Schulden hat verliert man zuerst seine Handlungsfreiheit, dann den Stolz und zuletzt die Würde. Ob das bei Staaten auch so ist, darüber kann man vielleicht diskutieren, bei Privatleuten ist das auf jeden Fall so. Und, wenn man nicht nur Sprüche klopfend die letzten Monate durch Europa gereist wäre, sondern es mit ernsthaften Verhandlungen versucht hätte, vielleicht wäre dann schon ein Ergebnis erzielt worden. Und abschliessend : Nachdem der Spieletheoretiker sich so vortrefflich verzockt hat, dann muss er (die Griechen) eben zahlen, denn Spielschulden sind Ehrenschulden, und auf die Ehre wird doch so grosser Wert gelegt.
archi47 17.06.2015
4. auch die Nicht-Griechen haben Gefühle
Und die werden sich immer mehr in Richtung "undankbare Kostgänger" entwickeln, wenn die Diplomatie der Schuldner darin besteht, ihren Gläubigern an die Ehre zu gehen. Die Gläuber, das ist nicht Junker, Lagarde oder Merkel, das sind die restlichen Völker Europas. Da mag man über die Weltwirtschaftsordnung trefflich steiten können, aber ein Vorführen und Verächtlichmachen der Hilfsbemühungen anderer führt nicht automatisch zu mehr bedingungsloser Hilfe, da ja die so geschröpften Bürger Europas irgendwann mal das mitbekommen und beim Wahltag die Quittung ausstellen. Natürlich nur im ihrem Heimatland. Aber die Griechen sollten wissen, daß sich das bei ihnen dann negativ auswirken wird. Deshalb gilt die alte Regel: "Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen." So wie sich das entwickelt hat, wird ein Grexit unausweichlich. Er wird mit jedem Kredit für die anderen Völker der EU teurer. Die Zeit für Palaver ist abgelaufen, es ist Zeit zu handeln!
eryx 17.06.2015
5.
Mir ist schon bewusst, dass natürlich gerne Zitate verwendet werden, die möglichst stark polarisieren. Und in der Regel stammen sie ja auch von Leuten, die ohnehin nicht sonderlich viel zu melden haben. Aber man ist schon verblüfft, wieviel Porzellan ohne jede Not zerschlagen wird. Ich stelle es mir schon recht schwierig vor, vertrauensvolle Gespräche zu führen, wenn ich schon weiß, dass mein Partner kaum zu Hause wieder vom Leder ziehen wird.
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