Flüchtlinge auf Lesbos Die Insel der Verdammten

Überfüllte Container, Gewalt, Selbstmordversuche von Kindern: Flüchtlinge auf Lesbos leben unter so katastrophalen Bedingungen, dass die Behörden das Lager teilweise evakuieren. Ist der EU-Türkei-Deal am Ende?

Alexandros Avramidis

Aus Lesbos berichten und


Es ist früh am Morgen im Camp Moria, das Bewohner nur die "Hölle" nennen oder "KZ", doch Ahmet Mohammed, Flüchtling aus dem Irak, ist bereits seit Stunden auf den Beinen: Er hat sich in die Schlange vor der Essensausgabe gestellt, um Brot und Wasser für seine Frau und seine vier kleinen Töchter zu holen. Nun läuft er durch ein Labyrinth aus Trampelpfaden zurück zu seiner Behausung.

Die Sonne brennt vom Himmel. Es stinkt nach Urin und faulen Eiern. Kinder schreien, Kranke stöhnen in ihren Zelten, Frauen waschen sich unter einem Schlauch. Auf dem Boden liegen Plastikflaschen, Windeln, Bananenschalen verstreut. Freunde hätten ihn vor Moria gewarnt, erzählt Mohammed. Sie hätten gesagt, das Lager auf der griechischen Insel Lesbos sei schlimmer als Krieg. "Ich dachte, sie machen Witze."

Die EU bewirbt Moria als Modell: Migranten sollen, im Zuge des Flüchtlingsabkommens, das die Europäer im April 2016 mit der Türkei geschlossen haben, in dem Insellager und in weiteren sogenannten "Hotspots" festgehalten, registriert und in die Türkei zurückgeschickt werden. Doch das Vorhaben ist gescheitert. Der EU-Türkei-Deal hat Lesbos in ein Gefängnis verwandelt.

Nach Angaben der griechischen Regierung halten sich derzeit etwa 20.000 Migranten auf den griechischen Inseln auf - dreimal so viele, wie in den Lagern Platz haben. Auf Lesbos sind die Zustände besonders prekär: Hilfsorganisationen sprechen von einer "humanitären Katastrophe". Lesbos Bürgermeister Spyros Galinos warnt vor einer "sozialen Explosion". Der EU-Hotspot Moria ist Symbol für das Versagen Europas in der Flüchtlingspolitik geworden.

Ahmet Mohamed mit seinen Kindern
Alexandros Avramidis

Ahmet Mohamed mit seinen Kindern

Ahmet Mohammed, 38 Jahre alt, führte in Bagdad ein sorgenfreies Leben. Er arbeite als Ingenieur, seine Frau, Fatimah, studierte Medizin. Anfang des Jahres jedoch, sagt Mohammed, habe sich seine Familie mit lokalen Machthabern überworfen. Sein Vater sei von Milizen verschleppt worden. Mohammed floh mit seiner Frau und seinen Töchtern über die Türkei nach Griechenland.

Behörden sind überfordert

Die EU hat versprochen, dass die Verfahren für Flüchtlinge auf den griechischen Inseln jeweils nur wenige Tage dauern sollen. Die griechischen Behörden, so hieß es, würden gemeinsam mit europäischen Beamten im Schnellverfahren über Asylgesuche entscheiden. Bewerber, denen Schutz in Europa zustehe, würden auf die EU-Staaten verteilt, alle anderen in die Türkei zurückgeschickt.

Doch der Prozess ist mehr oder weniger zum Erliegen gekommen, bevor er begonnen hat. Die Behörden sind überfordert. Manche Migranten warten seit über zwei Jahren auf ihren Bescheid. Nur ein Bruchteil der Schutzsuchenden wurde in die Türkei zurückgeschickt, ebenso wenige in Europa umverteilt, da sich die allermeisten Staaten weigern, Flüchtlinge aufzunehmen. Die griechischen Inseln sind unterdessen überfüllt. Im Camp Moria, das für rund 2230 Personen ausgerichtet ist, hausen gegenwärtig fast 9000 Migranten.

Mohammed harrt seit zehn Monaten auf Lesbos aus, ohne von den Asylbeamten

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Flüchtlinge auf der Insel Lesbos: Camp Chaos

auch nur angehört worden zu sein. Das erste halbe Jahr lebten er und seine Familie in einem Container in Moria, wo sich 70 bis 80 Menschen eine Toilette teilten und die kaputten Sanitäranlagen überquollen. Gesundheitsinspektoren beanstandeten gerade erst "unkontrollierbare Abfallmengen" in dem Camp.

Immer wieder, berichtet Mohammed, sei es zu Konflikten zwischen den Bewohnern gekommen, seien Männer mit Messern aufeinander losgegangen. Die Polizei setzte Tränengas ein. "Meine Töchter haben vor lauter Angst nachts kein Auge mehr zugemacht."

Atemnot, Hautkrankheiten, psychische Probleme

Im Frühsommer zog Mohammed mit seiner Familie in einen wilden Hain neben dem offiziellen Lager, wo mittlerweile ebenfalls mehrere Tausend Migranten hausen. Er schläft in einem Zelt, das er einem Syrer abgekauft hat. Mit Plastikplanen hat er eine Schlafnische geschaffen. "Ich weiß nicht, wie lange wir das Leben hier noch ertragen", klagt er.

Bundeskanzlerin Angela Merkel preist den EU-Türkei nach wie vor als Erfolg. Sie verweist darauf, dass die Zahl der Flüchtlinge, die aus der Türkei nach Griechenland aufbrechen, seit dem Frühjahr 2016 dramatisch gesunken ist. Die Not der Flüchtlinge auf Lesbos scheint bei dieser Rechnung keine besonders Rolle zu spielen. EU-Staaten wie Italien oder Ungarn sähen es ohnehin am liebsten, wenn sich der Kontinent seiner Verantwortung für Schutzsuchende komplett entziehen würde.

"Die Europäer verraten auf Lesbos ihre Werte jeden Tag aufs Neue", sagt Idoia Moreno, die für die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) eine Krankenstation auf der Insel leitet. Moreno und ihre Kollegen kümmern sich um Frauen und Kinder aus dem Camp, die unter Atemnot, Hautkrankheiten oder psychischen Problemen leiden. Meist ist der Andrang so groß, dass die Klinik bereits um zehn Uhr morgens schließen muss.

Idoia Moreno
Alexandros Avramidis

Idoia Moreno

Moreno hat im Kongo und in der Zentralafrikanischen Republik gearbeitet, doch noch nie habe sie so großes Elend erlebt wie auf Lesbos, sagt sie. Das Lager sei heillos überfüllt, Gewalt allgegenwärtig. Menschen, die zum Teil schwer traumatisiert seien, würden keinerlei Schutz finden.

Therapien für verstörte Kinder

Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen, mit denen MSF-Mitarbeiter im Frühjahr Therapiegespräche führten, habe darüber nachgedacht oder versucht, sich umzubringen. "Es ist schwer, auf Lesbos den Glauben an Menschlichkeit nicht zu verlieren", sagt Morena.

Die Lebensbedingungen im Camp Moria sind derart erodiert, dass sich der griechische Premier Alexis Tsipras genötigt sieht, nun doch zu handeln. Die Behörden haben am Montag damit begonnen, mehrere hundert "besonders schutzbedürftige" Flüchtlinge aufs griechische Festland zu evakuieren, wie Hilfsorganisationen das seit Monaten fordern.

Die Regierung in Athen dürfte auf diese Weise die allergrößte Not auf Lesbos kurzfristig lindern. Sie schafft sich jedoch neue Probleme: Die Flüchtlingszahlen in Griechenland sind in den vergangenen Wochen ohnehin stark gestiegen. Sollte Migranten nun auch die Route nach Athen wieder halbwegs offen stehen, könnte dies noch mehr Menschen ermutigen, sich von der Türkei aus auf den Weg nach Griechenland zu machen. Europa steht in der Flüchtlingspolitik einmal mehr am Anfang.

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