Räumung des Flüchtlingslagers Idomeni Aus dem Schlamm in die Baracke

Die verwahrloste Zeltstadt von Idomeni wird geräumt - für die Flüchtlinge wird jetzt alles besser, verspricht die griechische Regierung. Doch dann betreten die Menschen das neue Auffanglager.

Konstantinos Tsakalidis

Aus Thessaloniki berichtet


"Dieses beschissene Camp soll besser sein als Idomeni? Wirklich?" Ahmed traut seinen Augen nicht. Er blickt auf das heruntergekommene Gebäude, das früher eine Lederfabrik war und jetzt als Auffanglager im Industriegebiet von Thessaloniki dient.

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Heft 21/2016
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Mit vielen anderen Flüchtlingen ist Ahmed aus dem provisorischen Camp von Idomeni eine Stunde hierhergefahren worden. Idomeni wird geräumt, jetzt sind sie also hier, in einer der vielen Industriebaracken der Gegend.

Die Ruinen symbolisieren den wirtschaftlichen Abschwung des Landes. Und jetzt stehen sie auch für die andere große Krise Griechenlands.

Die staatliche Einrichtung ist sehr weit von dem entfernt, was die griechische Regierung versprochen hatte. Eine Reihe von Zelten auf dreckigem Boden, darüber ein Dach. Hastig eröffnet am vergangenen Samstag, um einen Teil der 8500 Menschen aus Idomeni aufzunehmen.

Karte: Mapbox, Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

"Hier ist es zumindest trocken", sagt ein freiwilliger Helfer. Wenn in Idomeni Regen fiel, weichte der Erdboden auf, das Lager versank im Schlamm. Schwangere mussten in nassen Zelten schlafen, alte Menschen stundenlang für eine warme Mahlzeit anstehen. Und Gewalt wurde für die Bewohner in der Barackenstadt zu etwas Alltäglichem. Nicht selten brachen am helllichten Tag Kämpfe zwischen Flüchtlingen verschiedener Ethnien aus, die manchmal mit Eisenstangen bewaffnet aufeinander losgingen.

In dem offiziellen Auffanglager, in dem Ahmed nun steht, liefern Militärfahrzeuge Essensrationen an und übergeben sie den Organisatoren des Camps. Aber für manche Flüchtlinge sind Trockenheit und bessere Hygiene nicht alles. Trotz Elend und Gefahren - das Zeltlager war offen, befand sich in einer sonst schönen Landschaft. "Man konnte dort viel machen, um die Zeit zu vertreiben, während man wartet und wartet und wartet", sagt Ahmed.

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Genau das ist das Problem: Die neue Einrichtung hat wenig zu bieten, um die Zeit zu vertreiben. Beengt fühlt es sich in dem Gebäude an. 700 Menschen sollen hier wohnen. Nur ein kleines Stück Grün gibt es draußen. Man kommt nicht leicht nach Thessaloniki, wo die Flüchtlinge theoretisch hingehen dürfen.

Bei der Ankunft weigerte sich Ahmed, die alte Fabrik überhaupt zu betreten. Wie viele andere Flüchtlinge, die mit Bussen hierher transportiert wurden, bat er die Polizei sofort, ihn in eine andere Unterkunft zu bringen. "Heute bleibt ihr hier. Wir werden eure Anfragen morgen bearbeiten", habe ihm der Verantwortliche gesagt.

Diese verlassene Fabrik bietet immerhin etwas sehr Wichtiges, das Idomeni - dieses inoffizielle, provisorische Zeltlager im Grenzgebiet - nicht hatte. In den staatlichen Einrichtungen werden Migranten und Flüchtlinge registriert, sie können Asylanträge stellen. Zwar ist das Asylsystem behäbig, die Verteilung von Flüchtlingen kommt nur langsam voran. Idomeni zu verlassen aber bedeutet trotz allem, dass die Menschen eine bessere - und sicherere - Chance haben, ihren Traum zu erfüllen: wirklich in Europa anzukommen.

insgesamt 62 Beiträge
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franz.v.trotta 24.05.2016
1. Vergebliche Hoffnung
Die Flüchtlinge wollten im schmutzigen Lager Idomeni verharren, weil sie hofften, dass die Zäune sich doch noch öffneten ... und Frau Merkel sie nach Deutschland holen würde. Hat sie aber nicht.
PeterPe 24.05.2016
2. Gewalt
Erstmal gut, dass die Raeumung des Lagers bisher friedlich ablief. Unklar ist mir aber, wie mit den einigen gelegentlich streitenden Fluechtlichen passieren soll. Wer "mit Eisenstangen" aufeinander losgeht bekommt jedenfalls keine Symathiepunkte, und unter normalen Umstaenden wuerde das zu Strafverfahren wegen Landfriedensbruch fuehren. Bei einer Verurteilung koennte das, jedenfalls in Deutschland, Einfluss auf das Asylverfahren haben. Ist das in Griechenland auch so? Leute die sich um eine Aufenthaltsgenehmigung bemuehen, aber schon waerend der Wartezeit gewalttaetig sind, werden keine gute Integrationsprognose haben. Es gibt genug Hilfebeduerftige, die sich benehmen, da waere ich waehlerisch.
auslaender101 24.05.2016
3.
Aus dem Beitrag wird nicht ersichtlich ob Ahmed a) vom Krieg geflohen ist oder b) eine bessere wirtschaftliche Zukunft in Europa anstrebt. Für einen Menschen, der theoretisch zum Punkt a) gehören sollte, hört sich an als ob er eher als Wirtschaftsmigrant einzustufen ist. Es ist mir wirklich schleierhaft, warum viele von diesen Menschen denken, fremde Länder sind verpflichtet ihnen Top-Leistungen zu gewährleisten, die nicht einmal die Einheimischen bekommen. Auf der anderen Seite sind die Europäer schuld, da sie den Migranten keine Chance geben zu arbeiten und somit etwas zum Wohle der Allgemeinheit beizutragen. Und es ist aus meinr Sicht niht human, einen Menschen zum Nichtstun zu verdonnern. Ich bin sicher, wenn die Typen aus Köln vor der Silvesternacht richtig hart am Band gearbeitet hätten, gäbe es solche Exzessen nie.
melnibone 24.05.2016
4. Die gleichgültigen Himmel ...
wurden gleichgeschaltet ... ein ehernes Demokratierezept. Die guten aufrechten Demokraten in Regierungsverantwortung sind allemal besser als ´kritisches´ Wahlvolk. Der Pöbel meutert und die ´Guten´ werden weiterhin hofiert. Idomeni ist ein Singspiel auf diese westliche Politikerkaste. Es gelingt ihnen nicht mehr ´tragfähige´ Brücken zu bauen. Ein Möchtegernalleinherrscher zwingt die europäische Idee noch tiefer in die Knie ... als alle nationalstaatliche Bewegungen es vermochten! Und die Politikerkaste ist über eines von den vielen Idomenis ... wie immer furchtbar bestürzt. Nichts ist so realitätsverachtend wie ´amtierende´ Politik!
wecan 24.05.2016
5.
Je mehr Menschen sich ihren Traum von der Einwanderung nach Europa erfüllen können und die Erfolgsmeldung in die alte Heimat senden, desto mehr Menschen werden dort aufbrechen. Die Anzahl von potentiellen Migrationswilligen ist unbegrenzt, da alleine die afrikanische Bevölkerung jährlich um 30 Millionen wächst. Wer glaubt, die großzügige Asyl-Vergabe an jeden Ankömmling könnte diese Krise lösen, der irrt sich gewaltig.
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