Flüchtlinge in Griechenland Gefangen im Schlamm von Idomeni

Die Lage der Flüchtlinge in Idomeni ist katastrophal: Die Grenze ist dicht, ihr Camp steht unter Wasser, viele sind krank. Doch die 15.000 Menschen haben kaum eine Alternative, als im Schlamm auszuharren.

Aus Idomeni berichtet


Unerbittlich prasselt der Regen auf die Zeltplanen, weicht den Erdboden rundum auf. Längst sind aus kleinen Pfützen große Wasserflächen geworden. Die Bewohner dieser matschigen Fläche suchen verzweifelt nach Möglichkeiten, sich aufzuwärmen. Sie verbrennen Holz und Müll, über ihren Klamotten tragen sie Regencapes - Mitarbeiter von Hilfsorganisationen haben sie verteilt.

Nur ein paar hundert Meter trennen die Menschen im griechischen Idomeni von Mazedonien und der Balkanroute. Doch ihre Chancen, nach Mitteleuropa zu gelangen, standen nie schlechter. Die Balkanroute ist de facto dicht. Es sei wahrscheinlicher, dass die Menschen krank werden oder sogar sterben, als dass sie ihr Ziel erreichten, warnen Mitarbeiter des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR und anderer Hilfsorganisationen längst.

Am Vormittag halten die Menschen im Lager für einen kurzen Moment den Atem an. Ein Mann liegt reglos und zugedeckt auf einer Trage, er wird von anderen Migranten weggetragen. Viele fürchten sofort das Schlimmste. Kurz darauf die Entwarnung: Der Mann lebt. Doch viele hätte auch das Gegenteil nicht überrascht.

UNHCR-Mitarbeiter Babar Baloch vergleicht Idomeni mit einer tickenden Zeitbombe. "Das ist unmenschlich", sagt er. Die Menschen müssten dringend von hier weggebracht werden.

Hoffen auf Morgen

Auch die griechische Regierung würde Idomeni gerne geräumt sehen - und die Flüchtlinge in anderen Camps unterbringen, wo bessere Bedingungen herrschen. Schließlich ist die Grenze dicht, und es gibt keine Hinweise darauf, dass sich daran bald etwas ändern wird.

Die Verantwortlichen in Idomeni halten es allerdings für sehr unwahrscheinlich, dass die Menschen das Lager freiwillig verlassen. Zu groß ist die Hoffnung der Migranten, es doch noch Richtung Nord- oder Mitteleuropa zu schaffen. Bis zwölf Uhr mittags hat erst ein Bus das Camp verlassen. Ein paar Familien haben sich entschieden, nach Athen zurückzufahren.

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Flüchtlinge: Aufnahmelager Idomeni versinkt im Schlamm

Roman, ein schmaler Mann aus dem Irak, steht neben dem abfahrenden Bus. Der Kurde hat nicht vor, das Camp bald zu verlassen. Trotz der katastrophalen Bedingungen könne es am Ende sinnvoller sein, hier zu bleiben, sagt er. "Ich bin mit meiner Familie hier, darunter zwei Kinder. Die Zustände sind schrecklich, aber wir werden warten, bis die Grenze wieder aufmacht."

So wie Roman hoffen die meisten Menschen in Idomeni, dass die Balkanroute doch wieder zugänglich wird. "Bukra, Bukra", sagen viele - "Morgen, morgen".

Sie hoffen, dass Angela Merkel sie rettet. Am Mittwochabend halten einige Flüchtlinge deutsche Flaggen hoch. "Merkel, hilf uns", rufen sie, es klingt verzweifelt.

Das Camp evakuieren - und dann?

Ein Polizist in Idomeni hält es für illusorisch, dass die Grenze überhaupt wieder für Flüchtlinge geöffnet wird. Aber 15.000 Menschen in andere Camps bringen? Eine Herausforderung, sagt er. Doch die Evakuierung des Lagers sei das oberste Ziel. "Die Menschen können nicht länger hierbleiben", sagt er. Nur wie das Camp geräumt werden kann, das sei noch nicht entschieden. "Die Regierung will mit aller Macht verhindern, dass die Menschen mit Gewalt weggebracht werden."

Aber alle anderen Lager sind bereits ausgelastet. In der Unterkunft in Nea Kavala leben zum Beispiel bereits fast 3500 Menschen - ausgelegt ist sie für 2500. "Wir haben Probleme, sie alle zu ernähren", sagt ein Militärangehöriger.

Das Platzproblem soll in der kommenden Woche gelöst werden. An vielen Orten in Griechenland werden Gebäude in Unterkünfte umgewandelt, sie sollen dann bezugsbereit sein. Doch mit jedem Tag kommen weitere Menschen auf der Flucht nach Europa in Griechenland an. Die Regierung sprach zuletzt von 42.000 Flüchtlingen, die festsitzen. Allein in den vergangenen 24 Stunden sollen 2373 Menschen hinzugekommen sein.

Inoffizieller Besuch aus den USA

Die Griechen spüren Druck von außen. Die Regierungsbeamten wissen: Wenn hier, mitten im zivilisierten Europa, ein Flüchtling stirbt, werden sie dafür verantwortlich gemacht. Aber für Athen ist Idomeni in erster Linie ein illegales Camp, die staatliche Präsenz beschränkte sich bislang auf Polizeikräfte.

Wohl auch deshalb versuchte die für Europa zuständige Stellvertreterin des US-Außenministers, Victoria Nuland, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf ihren Besuch in Idomeni zu lenken. Der Abstecher war nicht Teil ihres offiziellen Programms, öffentlich äußerte sie sich nicht. Fast wäre der Besuch niemandem aufgefallen - einzig das große weiße Auto mit den getönten Scheiben verriet ihre Ankunft.

Baloch, der UNHCR-Mitarbeiter in Idomeni, würde ein Engagement der US-Amerikaner begrüßen. Am besten wäre es, wenn die USA Flüchtlinge bei sich aufnähmen, sagt er. "Dies ist ein globales Problem. Die USA könnten Kanadas Beispiel folgen."

In der Zwischenzeit sind zwei mobile Arztpraxen in Idomeni angekommen. Die Mediziner sollen sich hier um die kranken Flüchtlinge kümmern. Vor den Bussen bildet sich schnell eine lange Schlange. Geduldig warten die Menschen darauf, untersucht zu werden. Doch auch hier herrscht Mangel, das wird schnell deutlich. Aus dem Innenraum ruft ein Arzt: "Wir brauchen Impfstoffe. Tausende Impfstoffe. Vor allem für die Kinder."

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Übersetzung: Britta Kollenbroich

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