Flüchtlingshelferin Sarah Mardini Von der Heldin zur Verdächtigen

Die syrische Schwimmerin Sarah Mardini wurde berühmt, weil sie auf ihrer Flucht Leben rettete. Nun ist sie in Griechenland wegen ihrer Arbeit als Flüchtlingshelferin angeklagt. Sie und ihre Freunde sind schockiert.

Sarah Mardini
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Sarah Mardini

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Sarah Mardini hätte sich nicht vorstellen können, dass sie eines Tages ausgerechnet in einer griechischen Gefängniszelle landen würde. Sarah Mardini ist 23 Jahre alt, stammt aus Syrien, und sie wurde vor drei Jahren zur Heldin, gemeinsam mit ihrer Schwester Yusra. Auf ihrer eigenen Flucht von der Türkei auf die griechische Insel Lesbos retteten sie damals 18 Menschen das Leben, als ihr Schlauchboot vor der griechischen Küste sank.

Seit 2015 lebt sie in Berlin, wo sie diese Woche eigentlich auch ihr Studium fortsetzen wollte. Aber sie wird in Korydallos bei Athen festgehalten, Griechenlands größtem Gefängnis. Am Dienstag vergangener Woche verhaftete die griechischen Polizei sie auf der Insel Lesbos, kurz nachdem sie ihren jüngsten Einsatz als Freiwillige für die griechische Nichtregierungsorganisation "Emergency Response Center International" (ERCI) beendet hatte, die sich um Flüchtlinge kümmert.

Die griechischen Behörden werfen ihr einige der schwersten Verbrechen vor, mit denen sich eine Flüchtlingshelferin in Griechenland je konfrontiert sah: Sie sei Mitglied eines kriminellen Netzwerks, das illegalen Migranten die Einreise erleichtere. Sie wird der Schlepperei, der Geldwäsche und sogar der Spionage bezichtigt. Laut ihrem griechischen Anwalt werden ihr fünf Straftaten und drei Vergehen vorgeworfen.

Wie kann das sein? Was hat Sarah Mardini falsch gemacht? Hat sie überhaupt etwas falsch gemacht?

Als der SPIEGEL Sarah Mardini am Donnerstag telefonisch im Gefängnis erreicht, klingt ihre jugendliche, lebhafte Stimme trotz ihrer schwierigen Situation ruhig, sie lässt sich keine Anzeichen von Frustration anmerken, und ihre Botschaft ist klar: "Wir haben nichts Falsches getan. Wir haben nur anderen Menschen geholfen."

Sie wollte anderen aus Dankbarkeit helfen

Freunde von Sarah Mardini in Deutschland stützen ihre Erzählung. Sie sei zuletzt immer wieder von Berlin nach Lesbos gereist, sagen sie, an jenen Ort, an dem sie 2015 fast ums Leben gekommen wäre. Sie hatte viel Glück damals, bei ihrer eigenen Flucht nach Europa. Deswegen wollte sie jetzt anderen helfen, aus Dankbarkeit, aber auch, um ihre eigene Flucht, ihr eigenes Schicksal besser verarbeiten zu können. Seit knapp zwei Jahren engagiert sich Sarah Mardini bei ERCI. An der Küste von Lesbos packte sie mit an, half Hunderten Flüchtlingen, die auf überfüllten Schlauchbooten übers Meer kamen. Am Strand gab sie den entkräfteten Menschen Wasser zu trinken, verteilte Decken und trockene Socken. Bis sie vergangene Woche plötzlich verhaftet wurde.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sarah internationale Aufmerksamkeit bekommt. Das letzte Mal allerdings waren die Umstände sehr viel erfreulicher. Sie und ihre jüngere Schwester Yusra gewannen im August 2015 die Herzen und die Schlagzeilen für sich. Damals waren die jungen Frauen aus Damaskus nach Europa geflohen.

Sarah und Yusra Mardini bei der Bambi-Preisverleihung
AFP

Sarah und Yusra Mardini bei der Bambi-Preisverleihung

Sarah Mardini wuchs in Sarudscha auf, einem Stadtteil von Damaskus. Sie und ihre jüngere Schwester Yusra lernten früh schwimmen, ihr Vater arbeitete als Trainer. Die Schwestern hatten Talent, sie starteten für das syrische Nationalteam. Dann zerstörte der Bürgerkrieg ihre Jugend. Die Familie zog alle paar Monate um, je nachdem, welcher Teil von Damaskus gerade am wenigsten lebensgefährlich war. Irgendwann hielten sie es unter den Bomben nicht mehr aus, der Vater organisierte etwa 10.000 Dollar für Sarah und Yusra. Die Töchter sollten nach Europa fliehen, um dort ein besseres Leben haben.

Wenig später saßen sie mit anderen Flüchtlingen in einem Boot, das von der türkischen Küste in Richtung Lesbos steuerte. Nach einigen Minuten ging der Außenbordmotor aus, Sarah und Yusra ließen sich ins Wasser gleiten und schwammen los. Das Boot zogen sie an einer Leine hinter sich her. Sie schwammen um ihr Leben und halfen, die Leben der übrigen Passagiere zu retten. Nach Stunden kam die Gruppe am anderen Ufer an, auf Lesbos, in Europa.

Als Schwimmerin zu den Olympischen Spielen nach Rio

Sarah und Yusra kamen schließlich in eine Notunterkunft in Berlin. Sie fragten einen Übersetzer, ob es einen Schwimmverein in der Nähe gebe. Wenig später trainierten sie bei den Wasserfreunden Spandau mit.

Die Geschichte der Schwestern, die ein Boot voller Flüchtlinge schwimmend an Land gezogen hatten, ging um die Welt. Yusra startete bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Sie wurde zum Gesicht einer Flüchtlingsmannschaft, die vom Internationalen Olympischen Komitee eigens gegründet worden war. Yusra ist jetzt Botschafterin des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, sie hält Vorträge auf der ganzen Welt, trifft den Papst und Barack Obama und trainiert für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Sarah musste ihre Schwimmkarriere wegen einer Verletzung beenden. Seit einem Jahr studiert sie am Bard College in Berlin, wo sie ein Vollstipendium erhielt. Die Universität unterstützte Sarahs Einsätze auf Lesbos, sie konnte sich zuletzt eine Art Urlaubssemester nehmen, um in Griechenland Flüchtlingen zu helfen.

Die Vorwürfe machen sie fassungslos

Als sie am Flughafen Mytilini auf Lesbos am vergangenen 21. August auf ihren Flug nach Athen gewartet habe, erzählt Sarah Mardini am Telefon, sei sie auf dem Weg zurück an die Uni gewesen. "Ich freute mich auf mein neues Semester am Bard College. Die Nacht davor war ich mit Freunden unterwegs gewesen und hatte kaum geschlafen." Am Abfluggate seien Polizisten auf sie zugekommen und hätten ihr gesagt, sie könne nicht einsteigen, sie müsse mitkommen. "Ich fragte sie: Warum? Ich habe doch einen Pass? Aber ich blieb ruhig, folgte ihnen und sie brachten mich in eine Hafteinrichtung am Flughafen."

Später wurde ein anderer freiwilliger Helfer der Nichtregierungsorganisation ERCI in ihre Zelle gebracht: der deutsche Staatsbürger Sean Binder, der sich mit den gleichen Vorwürfen konfrontiert sieht, zusammen mit einem griechischen Mitarbeiter der NGO. Binders Mutter sagte dem SPIEGEL: Ihr Sohn habe sich für Flüchtlinge engagiert, weil sein Vater aus Vietnam stamme und während des Kriegs selbst übers Meer nach Thailand geflohen sei.

Doch sie alle werden von den griechischen Behörden schwerer Vergehen beschuldigt. Dazu gehört, dass sie den Funkverkehr der griechischen Küstenwache und der EU-Grenzagentur Frontex abgehört und "verschlüsselte Soziale-Netzwerk-Apps" genutzt hätten, um vertrauliche Informationen über ankommende Migranten aus der Türkei zu erhalten.

Die griechische Polizei nennt die Beschuldigten "eine kriminelle Vereinigung"

Sarah Mardini sagt, die Vorwürfe machten sie fassungslos. "Sie fragten mich, warum ich zurück auf Lesbos sei, wenn ich doch in Deutschland lebte. Ich sagte ihnen, dass hier Arabisch-Übersetzer gebraucht werden, dass ich eine Ausbildung als Rettungsschwimmerin habe und Leuten helfen kann. Sie fragten uns nach dem Funkgerät, das wir benutzen - aber alle haben welche und wir hören nur offene Kanäle ab. Sie wollten wissen, warum wir WhatsApp benutzen, als ob das ein Vergehen wäre."

Die griechische Polizei sagt, ihre Ermittlungen gegen die griechische Hilfsorganisation ERCI seien "umfassend" gewesen. Sie spricht von 30 Mittätern, darunter 24 Ausländern. Lokale Quellen schildern die Hilfsorganisation als eine der ersten NGOs, die auf Lesbos wegen der Flüchtlingskrise tätig wurden. Sie habe Rettungsaktionen von Frontex und Küstenwache unterstützt und medizinische Hilfsleistungen in Moria angeboten, dem größten und berüchtigsten griechischen Flüchtlingslager.

Die griechische Polizei nennt die Beschuldigten "eine kriminelle Vereinigung, die mindestens seit Ende 2015 aktiv" gewesen sein soll und "organisierten Schmuggelnetzwerken direkte Hilfe geleistet" habe. Ziel sei es gewesen, Profite durch finanzielle und Sachspenden zu erzielen.

Wie die meisten Freiwilligen rief auch Sarah Mardini öffentlich zu Spenden für die NGO auf. Am 8. August postete sie auf Facebook: "Wenn jeder von Euch nur einen oder fünf Euro spendet, dann bin ich mir sicher, dass wir das gemeinsame Ziel erreichen können, 15.000 Euro für die Menschen zu spenden, die im Flüchtlingslager Moria Hilfe brauchen."

Ein Taschengeld von 100 Euro pro Woche

Wenn die griechische Polizei nicht nachweisen kann, dass solche Spendenaufrufe in Wahrheit einem Eigeninteresse dienten, wird sie es mit ihren Vorwürfe gegen die NGO wohl ziemlich schwer haben - dieser Ansicht sind auch unabhängige griechische Rechtsexperten.

Sarah Mardini sagt, sie habe nie den Eindruck gehabt, dass bei der NGO etwas krumm laufe. "Ich würde ERCI mein Leben anvertrauen. Wir haben sehr strenge Regeln. Wir haben eng mit den Behörden zusammengearbeitet. Alle in Lesbos kennen uns. Anstelle unsere Telefone zu überprüfen, hätte die Polizei besser uns als Menschen angeschaut, um zu sehen, wer wir sind und wofür wir stehen."

Sven Spannekrebs ist Trainer bei den Wasserfreunden Spandau. Er kennt Sarah Mardini, seit sie 2015 bei ihm im Verein aufgeschlagen ist, inzwischen sind die beiden gut befreundet. Vor ein paar Wochen reiste Spannekrebs selbst nach Lesbos, um Mardini bei ihrem Einsatz zu besuchen. Sie habe bei der Organisation der Flüchtlingscamps vor Ort geholfen, erzählt er. Sie habe übersetzt, Wunden versorgt und über Facebook Spenden gesammelt. Von dem Geld habe man etwa ein Dutzend Waschmaschinen für das Camp kaufen können, sagt Spannekrebs. Nachts habe Mardini mit Kollegen der NGO die Küste von Lesbos beobachtet, sie hätten sofort Alarm geschlagen, wenn am Horizont das nächste Flüchtlingsboot aufgetaucht sei. Mardini habe den Job ehrenamtlich gemacht, sagt Spannekrebs. Sie habe lediglich ein Taschengeld von gut 100 Euro pro Woche bekommen.

Das harte Vorgehen der griechischen Behörden gegen die freiwilligen Helfer ist neu und deutet darauf hin, dass an den Ausländern ein Exempel statuiert werden könnte, um die Aktivitäten von Helfern auf Lesbos einzudämmen.

Bis zu einem Gerichtstermin kann es Monate dauern

Wie lange Mardini im Gefängnis bleiben muss, ist schwer zu sagen. Sollten die Vorwürfe vor einem Gericht bestehen, müsste sie wohl für Jahre ins Gefängnis. Wegen der Schwere der Anklagepunkte wird es auf jeden Fall zu einem Gerichtsverfahren kommen. Ihr Anwalt hat nun einen Antrag gestellt, dass sie für die Dauer ihres Verfahrens auf freien Fuß kommt. Aber eine Entscheidung ist nicht vor Ende nächster Woche zu erwarten und bis zu einem Gerichtstermin könnte es Monate dauern.

In Deutschland ist bereits die Politik auf den Fall der prominenten Flüchtlingshelferin aufmerksam geworden. Das Bundespräsidialamt teilte auf Anfrage mit, dass der Fall Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bekannt sei. Es sei nun "Sache der Bundesregierung, den Fall gemeinsam mit den griechischen Behörden" aufzuklären.

Ihr Trainer und Freund Spannekrebs sagt: "Die Anschuldigungen sind komplett konstruiert." Den Vorwurf, Mardini habe Schleppern geholfen oder mit ihnen Geschäfte gemacht, hält er für absurd. "Sarah sagte mal zu mir: 'Schlepper sind das Schlimmste für mich. Die nehmen Geld, um Menschen in den Tod zu schicken. Ich wäre fast gestorben wegen dieser Leute.' Und jetzt soll sie ausgerechnet mit denen zusammengearbeitet haben? Das ist einfach verrückt!"

Yusra Mardini, die olympische Schwimmerin, will sich zur Verhaftung ihrer Schwester nicht äußern. Über ihr Management lässt sie ausrichten: Sie kenne ihre Schwester sehr gut, und alles, was Sarah tue, mache sie lediglich in der guten Absicht, Menschenleben zu retten.



insgesamt 70 Beiträge
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berther 01.09.2018
1. Griechenland...
...so wurde uns in der Schule gelehrt, sei die Wiege der europäischen Zivilisation. Das war wohl ein Irrtum. Oder es war ein anderes Griechenland als heute.
hausfeen 01.09.2018
2. Sorry, das ist nicht mehr meine Welt.
Alle scheinen verrückt geworden zu sein. Es scheint normal geworden zu sein, Ertrinkende ertrinken zu lassen. In Not Geratene ersatzweise für die eigenen Schieflage verantwortlich zu machen. Der Nachbar, der freundliche Herr an der Käsetheke, mein Werkstattmeister, der türkische Taxifahrer, der gutaussehende Kellner in der italienischen Pizzeria ... sind sie morgen noch auf meiner Seite oder denunzieren sie mich dann, weil ich wie diese Frau in Griechenland denke und fühle?
Rosendohrn 01.09.2018
3. Im Grunde verständlich
Na ja, Gesetz ist Gesetz. Ich denke, die "Rettung" muss davor zurück treten, dass sich die Geretteten selbst dort hin gebracht haben, wo man sie dann retten musste. Die Schlepper-Tat beginnt lange vor der "Rettung" und wird von der angeklagten Mardini letztlich auch befördert. Insoweit ist dann Rettung nicht gleich Rettung, sondern wird auch Teil einer Straftat. Eigentlich gar so schwer zu verstehen oder?
menefregista 01.09.2018
4. Gesetze in GR
Für die Überwachung der Küste und der Einhaltung von Gesetze des Grenzschutzes ist die Griechische Polizei zuständig und nicht die NGO's und schon gar nicht die Bürger Syriens, egal ob sie in Deutschland oder in Syrien wohnen. Die Frau bekommt ein ordentliches Gerichtsverfahren und wird vom Richter belehrt, was sie in Griechenland darf und was nicht. Verstehe überhaupt nicht, wo das Problem der Sarah Nardini in Deutschland war, es sei sie war selbst am Taschengelverdienen in GR interessiert.
ekatus 01.09.2018
5. Rechtsstaat!
Nun, Griechenland ist ein Rechtsstaat! Entweder gibt es Belege für die Vorwürfe oder nicht! Wenn ja, geht Frau Mardini ins Gefängnis, wenn nein, dann nicht! Ich denke nicht, dass der polizeiliche Zugriff ganz grundlos ist! Der Vorwurf an die griechische Justiz, man wolle hier nur - politisch hinterlegt - ein Exempel statuieren, ist ungeheuerlich. Wir sind hier nicht in Erdoğanistan. Wer weiß im Einzelfall schon, was die Menschen so umtreibt und, was sie treiben!? Man wird sehen! Eine besondere Verpflichtung der deutschen Politik zur Intervention in Griechenland sehe ich hier nicht, sie verbietet sich sogar zwischen EU-Staaten!
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