Migranten in Griechenland Flucht vor dem Fremdenhass

Viele Migranten haben bei der illegalen Einreise nach Griechenland alle Papiere vernichtet, doch jetzt stehen sie bei ihren Botschaften Schlange, um bloß wieder zurück in die Heimat zu kommen. Europa bietet ihnen keine Perspektive - und in Athen schlägt ihnen der Hass der Rechtsextremen entgegen.

Thanasis Trompoukis

Aus Athen berichtet Armin Peter


Vor der pakistanischen Botschaft in Athen herrscht Gedränge. Etwa 70 Männer warten vor dem verwaschenen Betonbau. Unter den Migranten geht die Angst um. "Wenn sie nachts einen von uns sehen, schlagen sie ihn halbtot", sagt Mohammed. Der 28-Jährige kam vor neun Jahren aus Pakistan nach Griechenland - jetzt will er nur noch weg. Seinen richtigen Namen möchte er nicht verraten, fotografieren lässt er sich nicht mal von hinten. "Ich verlasse mein Haus nur zum Arbeiten. Nach sieben Uhr abends gehe ich gar nicht mehr weg", sagt Mohammed.

Wie viele andere wurde auch Mohammed von Schleppern eingeschleust. Die Reise kostete ihn 4000 Euro - es schien ihm ein annehmbarer Preis für ein besseres Leben. Einige Jahre lang habe er in der Stahl- und Aluminiumindustrie gearbeitet, so Mohammed. Doch inzwischen hat die Krise fast alle Jobs aufgefressen, die früher unter der Hand an illegale Migranten vergeben wurden.

Die Arbeitslosigkeit in Griechenland ist auf einem Rekordhoch, aktuell liegt sie bei 27,2 Prozent. Hinzu kommt, dass der Staat Sozialleistungen kürzen musste. Das gesellschaftliche Klima wird rauer. Polizei und Behörden sind mit dem Migrationsproblem überfordert, Extremisten gewinnen an Zulauf. Die "Goldene Morgenröte" hat es mit sieben Prozent und 21 Sitzen ins griechische Parlament geschafft. Die Recht-und-Ordnung-Parolen der ultrarechten Partei kommen bei vielen Griechen gut an.

So auch bei Nikias Naoum, der vor seinem Lebensmittelgeschäft steht und genervt auf die Pakistaner blickt. Sein Laden ist nur 200 Meter von der pakistanischen Botschaft entfernt, die tägliche Schlange reicht oft bis vor seine Tür. "Seit fast fünf Jahren geht das nun schon so", klagt der 54-Jährige, die Pakistaner seien schlecht fürs Geschäft: "Ich zahle hier Miete. Und gleich nebenan verkaufen diese Leute auf der Straße Reis mit Hähnchen und was nicht alles."

Unwürdige Bedingungen für Asylbewerber

Niemand weiß genau, wie viele Migranten in Griechenland leben. Es gibt kaum belastbare Daten. Fest steht nur: Ein großer Teil kommt aus Afghanistan und Pakistan. Innenstaatssekretär Patroklos Georgiadis schätzt, dass 500.000 legale und ebenso viele illegale Migranten in Griechenland leben - rund zwölf Prozent der Bevölkerung. Viele von ihnen tauchen in Athen unter.

Ketty Kehayioylou, Pressesprecherin des UNHCR in Griechenland, beobachtet die Entwicklung mit Sorge: "Viele Menschen, die internationalen Schutz benötigen, werden abgeschoben." Asyl zu beantragen, sei sehr schwierig: "Einen Antrag kann man in Athen nur am Samstagvormittag stellen. 20 Personen pro Woche wird der Zugang gewährt", erklärt Kehayioylou.

Auch die Anerkennungsrate sei sehr gering. "Die Behörden sagen, es gebe nicht mehr Kapazitäten. Zudem hat Athen nur tausend Unterbringungsplätze." Sie hofft auf den Aktionsplan, den die griechische Regierung im August 2010 beschlossen hat. In Untersuchungszentren sollen Migranten von Psychologen befragt werden, ob sie Asyl benötigen. Laut Staatssekretär Georgiadis befindet sich der Aktionsplan noch in der Übergangsphase. "Ich glaube aber, dass wir auf einem guten Weg sind", sagt er.

Athen setzt Europa unter Druck

Dimitris K. Christopoulos, stellvertretender Vorsitzender der Nationalen Menschenrechtskommission, sieht das anders: "Griechenland ist die Notaufnahme Europas für illegale Einwanderer. Allerdings gibt es kein Krankenhaus", sagt er. Die meisten Illegalen wollten zudem gar kein Asyl beantragen, so Christopoulos. "Um Druck auf Europa auszuüben, hält die Regierung die Einwanderer in menschenunwürdigen Bedingungen. Gleichzeitig sendet Griechenland dadurch ein Signal nach Afrika und Asien: Kommt nicht her, es ist die Hölle."

Die EU hat die überfüllten Untersuchungsgefängnisse Griechenlands scharf kritisiert. Illegale verbringen dort oft Monate bis zu ihrer Abschiebung. Patroklos Georgiadis hält dagegen: "Das ist allemal besser, als in einer Pappschachtel auf der Straße schlafen zu müssen", sagt er. "Europa hat außerdem sehr lange gebraucht, um Griechenlands Problem zu begreifen."

Etliche europäische Länder, darunter auch Deutschland, haben inzwischen die Dublin-II-Verordnung ausgesetzt. Sie sieht vor, dass Asylsuchende, die aus einem sicheren Drittstaat eingereist sind, dorthin abgeschoben werden können. Somit landeten Flüchtlinge, die es bis nach Deutschland geschafft hatten, oft wieder in Griechenland.

Weiterreise in andere EU-Staaten gelingt nur wenigen

Einem Sprecher des Auswärtigen Amtes zufolge hat Deutschland Experten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge sowie Kräfte der Bundespolizei im Rahmen von Frontex-Operationen und auf bilateraler Basis entsandt. Zudem unterstütze Deutschland Vorschläge auf EU-Ebene, die Griechenland leichteren Zugang zu Fördermitteln ermöglichen sollen.

Für viele Illegale wird der Sehnsuchtsort Europa zur Falle: In Griechenland gibt es durch die Krise keine Arbeit, eine Asylbewerbung ist chancenlos. Und die Weiterreise in andere EU-Staaten gelingt den wenigsten. Wer Glück hat, bekommt Hilfe von der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Sie bietet Illegalen die Chance, in Sicherheit und Würde nach Hause zu reisen.

Im Erdgeschoss eines heruntergewirtschafteten Baus warten einige Dutzend illegale Migranten. Hinter einer quietschenden Holztür sitzt der IOM-Vorsitzende Daniel Esdras an seinem überladenen Schreibtisch. Es ist brütend heiß, die Sonne wird nur von ausgebleichten Holzblenden abgehalten. "Die Leute sagen, dass es früher einfacher war, in andere EU-Länder zu kommen", sagt er. "Außerdem finden sie keine Jobs und fühlen sich nicht mehr sicher. Manche kommen mit Wunden und gebrochenen Händen hierher, sie wurden von der 'Goldenen Morgenröte' attackiert."

Vor zwei Jahren begann das Rückreiseprogramm

Das freiwillige Rückreiseprogramm begann vor zwei Jahren mit 400 Migranten und wurde seither konstant erweitert. 6000 Illegale sind inzwischen vom IOM zurück in ihre Heimatländer geflogen worden. Dreiviertel der Kosten übernimmt die Europäische Kommission, den Rest bezahlt Athen. Angesichts der steigenden Nachfrage macht sich Daniel Esdras um die Zukunft keine Sorgen.

Das IOM bietet nicht nur ein Flugticket, sondern gibt den Ausreisenden auch 300 Euro, so dass sie in ihrem Heimatland nicht mittellos dastehen. "Selbst wenn sie hier Asyl bekämen, hätten sie noch immer keinen Job und kein Dach überm Kopf", sagt Esdras. "Deshalb reisen viele selbst nach Irak oder Afghanistan zurück."

Ali Wakas fliegt nach Lahore. Er kann es kaum erwarten. "Ich habe hier sieben Jahre gelebt, aber jetzt gibt es keine Arbeit mehr", erzählt er in fließendem Griechisch. Außerdem, das betont Ali mehrfach, habe er große Angst vor der "Goldenen Morgenröte". Einige seiner Freunde seien zusammengeschlagen worden.

Was er in Pakistan anfangen will, weiß der 26-Jährige nicht. Weg aus Griechenland, raus aus Europa - nur das zählt für ihn.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 173 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fatherted98 03.05.2013
1. Kann nicht sein...
...außer in Deutschland gibts doch keinen Rechtsextremismus in Europa...wer behauptet denn sowas?
mr.oizo 03.05.2013
2. Hmm
Frage mich echt, was die Leute gerade in Griechenland wollen. Das ist doch gerade DAS Land mit großen Problemen. Wundert mich nicht im Geringsten, dass die Griechen nicht auch nich andere durchfüttern wollen.
schwarzes_lamm 03.05.2013
3.
Zitat von sysopThanasis TrompoukisViele Migranten haben bei der illegalen Einreise nach Griechenland alle Papiere vernichtet, doch jetzt stehen sie bei ihren Botschaften Schlange, um bloß wieder zurück in die Heimat kommen. Europa bietet ihnen keine Perspektive - und in Athen schlägt ihnen der Hass der Rechtsextremen entgegen. Griechenland: Fremdenhass treibt illegale Migranten aus dem Land - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/griechenland-fremdenhass-treibt-illegale-migranten-aus-dem-land-a-896607.html)
Warum vernichten sie ihre Papiere?
Wildes Herz 03.05.2013
4.
Zitat von fatherted98...außer in Deutschland gibts doch keinen Rechtsextremismus in Europa...wer behauptet denn sowas?
Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wer behauptet denn so was - dass es außer in Deutschland keinen Rechtsextremismus gibt?!
OmaBär 03.05.2013
5. Die jetzt zurück wollen, sind schlau!
Bleiben wir nur in Griechenland. Die Arbeitslosenzahlen werden weiter explodieren. Geld wird es NICHT mehr geben. Die Griechen werden hungern. Dann ist in jedem Land das Bessermenschentum blitzartig vorbei! Denn dann geht es an die Substanz. Na, DAS werden alle noch nachhaltig begreifen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.