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07. März 2014, 18:58 Uhr

Gaucks Griechenland-Besuch

Verneigung im Dorf der Märtyrer

Aus Lyngiades berichtet

Es ist eine überfällige Geste: Joachim Gauck hat sich in Griechenland für die Verbrechen der Wehrmacht entschuldigt. Aber das heikle Thema der Reparationen holte den Bundespräsidenten auch bei seinem Besuch im "Märtyrerdorf" Lyngiades ein.

Es ist bitterkalt in Lyngiades. Das Dörfchen schmiegt sich in gut tausend Metern an einen Berghang, in Sichtweite schneebedeckte Gipfel. Aber nicht der scharfe Wind treibt Joachim Gauck in diesem Moment die Tränen in die Augen. Es ist die Frau am Mikrofon, die bei der Feierstunde einen Namen nach dem anderen aufzählt. Minutenlang geht das so. Sie liest die 83 Namen der Menschen vor, die hier am 3. Oktober 1943 von deutschen Soldaten getötet wurden.

Komplette Familien wurden damals ausgelöscht. Beispielsweise die Tsirikes. Vater Ioannis, 36 Jahre alt, Mutter Angeliki, 35, ihre vier Kinder und die Tanten Angeliki und Vasiliki, Kosename "Vasilikoula". Christoph U. Schminck-Gustavus hat ein Buch über Lyngiades geschrieben, darin spricht er mit einem der wenigen Überlebenden, der sich so erinnert: "Es gab eigentlich keine schönen Mädchen im Dorf. Aber die Vasilikoula war wunderschön." Sie wurde 18 Jahre alt.

Man fand verbrannte Babys in ihren Wiegen, nachdem die Deutschen das Dorf verlassen hatten. In manchen Türrahmen halbverkohlte Leiber, von Menschen, die noch versucht hatten, dem Feuer zu entfliehen.

Der Bundespräsident ist an diesem Tag gemeinsam mit seinem Amtskollegen Karolos Papoulias nach Lyngiades gekommen, um Verzeihung zu erbeten. Seit zwei Tagen ist seine Delegation in Griechenland, ohnehin ein komplizierter Staatsbesuch inmitten der Wirtschaftskrise, nun ist der Tross von Athen hierher in den Nordwesten des Landes geflogen. Gauck will nachholen, was knapp 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs aussteht: eine Entschuldigung für die Verbrechen deutscher Soldaten in Griechenland.

Erst verbeugt sich Gauck vor dem Mahnmal, dann tritt er ans Mikrofon. "Ich schäme mich, dass das demokratische Deutschland, selbst als es Schritt für Schritt seine Vergangenheit aufarbeitete, so wenig über deutsche Schuld gegenüber den Griechen wusste und lernte."

Neunzig "Märtyrer-Dörfer"

2,5 Millionen Deutsche machten im vergangenen Jahr Urlaub in Griechenland. Wer von ihnen kennt den Namen Lyngiades? Dabei ist es nur ein Dorf von vielen: Kalavryta, Distomo, Klissoura, Kommeno, Kandamos. 90 anerkannte "Märtyrer-Dörfer" gibt es in Griechenland. Auch dort wüteten deutsche Soldaten.

In Lyngiades kamen sie am 3. Oktober 1943, um Vergeltung zu üben. Weil ein deutscher Offizier zwei Tage zuvor von Partisanen umgebracht worden war, löschten sie nun in wenigen Stunden das ganze Dorf aus. Mitglieder des 79. Feldersatzbataillons der Wehrmacht, Teil der 1. Gebirgsdivision, trieben die Bewohner von Lyngiades in Häusern und Kellern zusammen, dann eröffneten sie das Feuer. Anschließend zündeten die Deutschen alles an.

Nur wenige überlebten. Einer von ihnen ist noch heute am Leben. Panos Babousikas, ein gedrungener Mann mit lockigen grauen Haaren und Schnurrbart, ist auch zu der Gedenkfeier gekommen. Babousikas war noch ein Baby, als die deutschen Soldaten Lyngiades zerstörten. "Meine Mutter hatte mich im Arm. Aber sie war tot. Und ich verletzt. So haben sie mich gefunden. An ihrer Brust. Und ich trank die tote Milch." So erzählte er es Schminck-Gustavus für das Buch über Lyngiades. Und zeigte ihm die Narbe auf seinem Rücken. 30, 40 Zentimeter lang, von einem Bajonett.

Während Gaucks Rede rührt Babousikas kaum eine Miene. Er muss immer eine Zeitlang warten, erst wenn der Präsident innehält, werden seine Sätze ins Griechische übersetzt. "Mit Scham und Schmerz bitte ich im Namen Deutschlands die Familien der Ermordeten um Verzeihung", sagt der Bundespräsident. "Ich verneige mich vor den Opfern der ungeheuren Verbrechen."

Überfällige Geste

Gauck geht damit sehr weit. Weiter als im vergangenen September bei seiner Rede im französischen Oradour, das deutsche Soldaten ebenfalls zerstört hatten. Gauck holt die Geste nach, die lange überfällig war.

Was er allerdings nicht tut bei seinem Griechenland-Besuch: den Forderungen nach Reparationen und Entschädigungen für die Verbrechen der Wehrmacht nachzugeben. Vielleicht wollte Gauck das sogar - aber er kann es schlicht nicht: Die Bundesregierung sieht nicht einmal Grund für Verhandlungen, dem hat sich das Staatsoberhaupt anzuschließen.

Auch in Lyngiades wird Gauck von diesem Thema eingeholt. Denn Panos Babousikas, der letzte Überlebende von Lyngiades, will mehr als nur Worte. Kaum hat der Bundespräsident seine Rede beendet, enthüllen Babousikas und Vertreter anderer Märtyrer-Dörfer ein Plakat, auf dem "Gerechtigkeit" und "Wiedergutmachung" zu lesen ist. Minutenlang skandieren sie ihre Forderung. "Die Entschuldigung Gaucks bedeutet mir nichts", sagt der Lyngiades-Überlebende, "gar nichts."

Es klingt hart, unversöhnlich. Gauck nimmt sich anschließend zehn Minuten Zeit für ein Gespräch mit Babousikas und seinen Mitstreitern, obwohl das im Protokoll nicht vorgesehen war. Und der Bundespräsident sagt den Männern offenbar zu, ihre Forderung mit nach Berlin zu nehmen.

Mehr kann er nicht tun.

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