Eurogipfel Die 17 Stunden von Brüssel

Griechenland bleibt im Euro. In einer Marathon-Sitzung wendeten die Staats- und Regierungschefs den Ausstieg aus der Gemeinschaftswährung ab. Doch es war knapp: Mehrfach standen die Verhandlungen vor dem Scheitern.

Tsipras, Juncker, Hollande: Verhandlungen fast gescheitert
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Tsipras, Juncker, Hollande: Verhandlungen fast gescheitert

Von , Brüssel


Es geschah gegen sechs Uhr morgens. 14 Stunden lang hatten die Staats- und Regierungschefs der Eurozone bereits in Brüssel über Griechenlands Verbleib im Euro gerungen. Es ging um Finanzhilfen, die Privatisierung von Staatsvermögen, Rentenreformen. Eine Einigung war greifbar nahe. Dann aber schienen Kanzlerin Angela Merkel und der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras genug zu haben: Beide waren bereit, die Verhandlungen platzen zu lassen, heißt es aus EU-Kreisen.

Ratspräsident Donald Tusk, Gastgeber des Sondergipfels in Brüssel, soll nicht mitgespielt haben - er habe Merkel, Tsipras und Frankreichs Präsident Hollande dazu verdonnert, so lange im Raum zu bleiben, bis eine Einigung erreicht sei.

Es war nicht der einzige Zeitpunkt, an dem der Brüsseler EU-Gipfel knapp vorm Scheitern stand. Dabei hatte alles so gut ausgesehen. Am Samstag trafen sich die Eurofinanzminister, um den Gipfel der Staats- und Regierungschefs vorzubereiten. Zuvor hatte die griechische Regierung einen atemberaubenden Kurswechsel vollführt: die Forderungen der Gläubiger angenommen und in einer Blitzaktion sogar die Zustimmung des Athener Parlaments eingeholt, um ein wenig des zuletzt arg beschädigten Vertrauens der Europartner zurückzugewinnen.

Doch dann kam Wolfgang Schäuble. Der deutsche Finanzminister gab gleich zu Beginn des Gipfels am Samstag den Ton vor: Man stehe vor "außerordentlich schwierigen Verhandlungen". Es reiche bei Weitem nicht mehr aus, wenn die Griechen nun jene Vorschläge, die sie im Referendum noch abgelehnt hätten, doch noch akzeptierten.

Schäubles Bombe

Schäuble war noch nicht fertig. Wenige Stunden später lancierte sein Ministerium über die "Frankfurter Allgemeine" ein Positionspapier. Darin wurde vorgeschlagen, dass griechisches Staatsvermögen über einen Treuhandfonds verkauft wird - oder aber dass Griechenland gleich für fünf Jahre aus dem Euro ausscheidet. Das Dokument schlug in die Verhandlungen ein wie eine Bombe. Von einer Demütigung Griechenlands war die Rede und gar von dem Versuch, die Verhandlungen zu torpedieren. Durch die sozialen Medien raste eine Wutwelle gegen Deutschland, auf Twitter warfen Tausende unter dem Hashtag "#ThisIsACoup" der Bundesregierung vor, in Griechenland einen Staatsstreich zu versuchen.

Im Video: Kommentar aus Brüssel von SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Markus Becker

Die Finanzminister verfassten am Ende ein Dokument, das die umstrittensten Details offen ließ. Über die mussten nun die Staats- und Regierungschefs verhandeln. Sie sollten sich am Sonntag eigentlich nur für zwei Stunden lang treffen, um die Einigung ihrer Minister abzunicken. Anschließend war ein Gipfel mit allen 28 Staats- und Regierungschefs der EU geplant. Doch EU-Ratspräsident Donald Tusk war klar: Das wird nichts. Er sagte den großen Gipfel kurzerhand ab, um den Vertretern der 19 Eurostaaten mehr Zeit zu geben.

Die war bitter nötig. Fünf Stunden dauerte es alleine, sich überhaupt darauf zu einigen, das Papier der Finanzminister als Gesprächsgrundlage zu akzeptieren. Die deutschen Vorschläge waren dabei nicht das einzige Problem. Ein weiteres überlagerte alles andere: Der massive Vertrauensverlust der vergangenen Monate. "Die wichtigste Währung ist verloren gegangen, und das ist das Vertrauen und die Verlässlichkeit", sagte Merkel am Sonntag.

Vertreter der EU-Institutionen und von Regierungen anderer Länder stimmten ein. "Die Frage ist, ob Griechenland seine Versprechen einhalten wird", bemerkte der niederländische Finanzminister und Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem. Von allen Seiten prasselten Forderungen auf die Griechen ein, mit sofortigem Handeln Vertrauen zurückzugewinnen - am besten mit Reforminitiativen, die unverzüglich durchs Parlament gebracht werden.

Hollande vermittelt zwischen Merkel und Tsipras

Am Sonntagabend wird schnell klar, dass eine Lösung in großer Runde kaum zu erreichen ist. Zu weit liegen die Interessen auseinander. Frankreich und Italien etwa wollen Griechenland um nahezu jeden Preis in der Eurozone halten und sind zu deutlich mehr Zugeständnissen bereit als die Deutschen - ganz zu schweigen von den nord- und osteuropäischen Staaten, von denen manche kaum verhehlen, mit einem Grexit sehr gut leben zu können.

Tusk unterbricht die Beratungen im Plenum mehrfach, um in kleinerer Runde weiter zu verhandeln. Im achten Stock des Brüsseler Justus-Lipsius-Gebäudes sitzt der Pole mit Merkel, Tsipras und Frankreichs Präsident François Hollande am Tisch, um an den Details zu feilen - erstmals um kurz nach 18 Uhr. Gleichzeitig kommen in anderen Räumen die Fachleute zusammen und beugen sich über die Details des komplexen Abkommens, das zu einem dritten Hilfspaket aus dem europäischen Rettungsschirm ESM führen soll.

Etwa zwei Stunden dauert das, ehe Tusk die anderen Staats- und Regierungschefs wieder dazu bittet. Eine halbe Stunde vor Mitternacht das gleiche Spiel: Tusk schickt alle außer Merkel, Tsipras und Hollande in die Pause. Bis vier Uhr morgens können die immerhin 16 restlichen Staats- und Regierungschefs nichts tun außer zu warten. "Die lungern auf den Gängen herum", erzählte ein EU-Diplomat später. Ein anderer lässt wissen, dass die Staatenlenker zum Teil "extrem frustriert" gewesen seien - einige hätten gar damit gedroht, den Gipfel zu verlassen.

Schuldzuweisungen schon vor dem Ende

Zwischendurch beginnen EU-Diplomaten bereits gegenüber Journalisten, die Schuld für ein mögliches Scheitern des Gipfels zu verteilen. Der Adressat ist eindeutig: Deutschland. Die Forderungen, die Schäubles Ministerium am Samstag aus dem Hut gezaubert habe, seien in den vergangenen fünf Monaten nie ein Thema gewesen. Sie seien eine Provokation für Griechenland, sie würden die Verhandlungen massiv erschweren.

Hollande wird dagegen später als Gewinner des Gipfels gelten: Erst unterstützte er die griechische Regierung beim Verfassen ihrer neuen Reformvorschläge, auf dem Gipfel tritt er nun als unermüdlicher Vermittler zwischen Berlin und Athen auf. Damit, das glauben nicht wenige, ist er einer der Architekten der Einigung.

Mitten in der Nacht wird es dann offenbar laut auf den Gängen. Der niederländische Premier Mark Rutte gerät mit Tsipras aneinander, wird es später heißen. Es sei um die Forderung der Niederländer gegangen, Athen müsse alle seine Gesetze der vergangenen Monate kassieren, die den vorherigen Vereinbarungen mit den Gläubigern widersprechen. Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi schaltet sich angeblich auf Seiten Tsipras' in den heftigen Wortwechsel ein. Am Ende gewinnt Rutte: Das sogenannte Rollback der griechischen Gesetze steht im Abschlussdokument.

Um vier Uhr droht das Scheitern

Um vier Uhr morgens kommt es zur ersten Krise, die beinahe zum Abbruch der Gespräche führt. Wie drei EU-Diplomaten später unabhängig voneinander berichten, steht eine Einigung zu diesem Zeitpunkt kurz bevor. Dann aber verlässt Tsipras den Raum, um mit den politischen Spitzen in Athen zu telefonieren. Als er zurückkommt, eröffnet er seinen Gesprächspartnern, dass über zentrale Punkte neu verhandelt werden müsse: Die weitere Beteiligung des Internationalen Währungsfonds und den von Deutschland geforderten Treuhandfonds zur Privatisierung griechischen Staatsvermögens. Insbesondere Letzterer sei ein "Riesenproblem" in den Verhandlungen gewesen, bestätigt ein Beamter eines baltischen Staats.

Gegen sechs Uhr morgens folgt dann das zweite Beinahe-Scheitern der Verhandlungen. Der Schlüsselbegriff der gesamten Verhandlungen kommt wieder ins Spiel: Vertrauen. Kurz vor der Einigung, so ein EU-Vertreter, sei es den Beteiligten offenbar schwergefallen, den Deal wirklich abzuschließen. Dass es am Ende doch gelang, führt er "auf den schieren Willen" zurück, "endlich zu einer Einigung zu kommen".

Nun kommt es erneut auf die Griechen an: Bis Mittwoch muss das Parlament in Athen das Gipfeldokument annehmen und nebenbei noch sechs große Reformen verabschieden. "Das ist ehrgeizig", sagte ein Mitglied der griechischen Delegation. "Aber ich glaube, wir können das schaffen."



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