Flüchtlingsroute Der Todesfluss

Der Evros gehört zur am schärfsten gesicherten Grenze Europas. Tausende Flüchtlinge queren den Fluss von der Türkei nach Griechenland, obwohl das gefährlich ist. Die Behörden sind überfordert.

Alexandros Avramidis

Aus Pythio berichten und Alexandros Avramidis (Fotos)


Wer die klassische Route über das Mittelmeer nimmt, erlebt auf den griechischen Inseln eine grausame Realität. Die meisten Flüchtlinge verbringen in den berüchtigten Hotspot-Lagern Monate unter menschenunwürdigen Bedingungen, bevor sie zum Festland weiterreisen dürfen - wenn überhaupt.

Es ist ein zentraler Bestandteil des EU-Türkei-Deals, dass die Menschen hier festgehalten - und gegebenenfalls in die Türkei zurückgeschickt werden. Das Abkommen hat dafür gesorgt, dass die Zahl der Migranten auf dem Weg nach Europa zurückgegangen ist.

Bei Mohamed Garib aber war alles anders. Während Tausende Landsleute auf den Inseln sitzen, durfte der 29-Jährige aus dem syrischen Afrin nach Athen weiterreisen - nur zwei Tage nachdem er erstmals einen Fuß auf griechischen Boden gesetzt hatte.

Der Grund: Garib und seine Familie hatten die Sackgasse der Meeresroute umgangen.

Stattdessen brachten die Schmuggler sie über den Fluss Evros, der die natürliche Grenze zwischen Griechenland und der Türkei bildet. Illegale Übertritte dieser Grenze sind nicht vom EU-Türkei-Deal abgedeckt, dieses bezieht sich in Artikel Eins ausdrücklich auf die griechischen Inseln. Der Syrer Garib hielt deshalb schnell ein offizielles Dokument in den Händen: Darin steht, dass er mindestens sechs Monate in Athen bleiben darf.

"Alarmierender Anstieg"

Mohamed ist einer von etwa 3000 Migranten, die im April am Evros von der griechischen Polizei aufgegriffen wurden. Das waren fünfmal mehr als im Februar und viermal mehr als der monatliche Durchschnitt 2017.

Mohamed mit seinem Kind
Alexandros Avramidis

Mohamed mit seinem Kind

Daran sieht man: Die Schleuser haben ihre Taktik geändert. Erstmals gelangen mehr Flüchtlinge über das Land als über das Meer nach Europa. Der griechische Migrationsminister Dimitris Vitsas sagte in dieser Woche im Parlament, der "gewaltige Anstieg" von Neuankömmlingen am Evros sei "wirklich alarmierend".

Der Evros sieht eigentlich harmlos aus, doch der Schein trügt. Viele Menschen sind dort schon ertrunken. In dieser Jahreszeit aber trägt der Fluss weniger Wasser und die Überquerung ist sicherer - zumindest im Vergleich zur Ägäis.

Mit diesem Argument können die Schmuggler offenbar überzeugen. Dabei ist das Wohlergehen der Flüchtlinge bekanntlich nicht ihre größte Sorge. Der wahre Hintergrund, warum viele Schleuser ihre Route ändern: Die Fahrt über den Evros wird ihnen so leichtgemacht wie lange nicht.

Schaut die Türkei weg?

Wie ist es möglich, dass Europas bestgesicherte Grenze zum Spielplatz der Menschenhändler geworden ist - eine Grenze zwischen zwei Erzfeinden, die auf beiden Seiten Tausende Soldaten und Polizisten stationiert haben?

Aus der griechischen Regierung hört man in der Regel diesen Vorwurf: Die Türkei schaue bei Evros absichtlich weg - und mache es den Flüchtlingen möglich, nach Griechenland zu gelangen. Auf diese Weise sende Ankara die Botschaft an Athen und Europa, dass es den Flüchtlingsstrom nach Belieben steuern kann. Vor allem in Zeiten, in denen ein großer Teil der Migranten Iraker und syrische Kurden sind, die wie Mohamed Garib aus kriegsgebeutelten Orten wie Afrin fliehen.

Am frühen Freitagmorgen überquert eine Gruppe von Flüchtlingen den Evros, darunter eine vierköpfige kurdische Familie. Die Menschen warten in Pythio auf die Polizei, einem Dorf kaum einen Kilometer vom Fluss entfernt. Sie alle erzählen diese Geschichte: Türkische Polizisten hätten sie gesehen, als sie sich gegen 5 Uhr dem Ufer näherten - doch sie hätten sie nicht aufgehalten.

Kurdische Familie in Pythio
Alexandros Avramidis

Kurdische Familie in Pythio

Tatsächlich sollte es den Türken ein leichtes sein, den Fluss zu überblicken. Folgt man der griechischen Evros-Seite von Pythio aus mehrere Kilometer Richtung Norden, kann man in regelmäßigen Abständen große Wachtürme am türkischen Ufer sehen. Von dort aus müsste die Sicht eigentlich sehr gut sein.

Die griechischen Sicherheitskräfte halten sich jedoch ebenfalls zurück, nachdem die Türkei im März zwei griechische Soldaten festgenommen hatte, die versehentlich auf der Verfolgung von Flüchtlingen die Flussgrenze überquert hatten. Die Soldaten werden immer noch festgehalten und warten auf ihren Prozess. Dieser Vorfall hat die ohnehin schon miesen griechisch-türkischen Beziehungen weiter verschlechtert. De facto besteht nun keine Zusammenarbeit mehr zwischen den Grenzschützern beider Länder.

Nicht vorbereitet

Sicher ist, dass Griechenland von der neuen Taktik der Schleuser unvorbereitet erwischt wurde. Auch Athen ist auf die ansteigenden Flüchtlingszahlen nicht vorbereitet. Die Folgen sind kaum vorhersehbar.

Wie schwierig die Lage ist, kann man in Fylakio sehen, einem hässlichen, von Stacheldraht umgebenen Registrierungszentrum. Die Polizei bringt alle Neuankömmlinge vom Evros her. Ein Team von Polizisten, Asylbeamten und UNHCR-Angestellten arbeitet hier - doch das Zentrum ist unterbesetzt und schlecht ausgestattet. Es fehlt an Übersetzern, Psychologen, Ärzten - und Platz.

Flüchtlingslager Fylakio
Alexandros Avramidis

Flüchtlingslager Fylakio

In Fylakio gibt es eigentlich nur Raum für 300 Menschen. Kürzlich griff die Polizei jedoch an nur einem einzigen Tag etwa 400 Flüchtlinge auf. Kein Wunder, dass die Behörden sich hektisch beeilen, die Menschen mit Bussen so schnell wie möglich nach Athen oder Thessaloniki zu schicken.

Diese Eile wirft jedoch Zweifel an der Gründlichkeit des Registrierungsverfahrens auf - sogar bei Beamten in Fylakio. Das wiederum könnte zu erneuter Kritik aus der EU führen, wie effektiv Griechenland die gemeinsame Grenze schützt. Vor allem, wenn die Migranten in Länder wie Deutschland gelangen. Nach SPIEGEL-Informationen hat sich die Zahl der von der griechischen Polizei festgenommenen Migranten an der mazedonischen Grenze zuletzt verdreifacht.

Notfallpläne bereit

Für die Flüchtlinge selbst geht das Chaos auch dann weiter, wenn sie Fylakio verlassen. Es gibt keine Vorgaben, wo sie bleiben sollen, wenn sie Athen oder Thessaloniki erreicht haben. Die Lager sind voll. Die einzigen Informationen, die Flüchtlinge erhalten, stammen aus einem Flyer der UNHCR, der einige Nichtregierungsorganisationen auflistet, die ihnen helfen könnten.

Die Regierung erklärt, Notfallpläne lägen bereit und würden bald umgesetzt. Etwa 150 weitere Grenzschützer sollen an den Evros geschickt und geschlossene Lager wiedereröffnet werden. Doch griechische Sicherheitskräfte fürchten, dass das Schlimmste noch bevorsteht. Sollten der politische Umbruch in der Türkei, die eisigen Beziehungen mit Ankara und die Instabilität Syriens fortbestehen, könnte der Evros zur am heftigsten umkämpften Passage nach Europa werden.



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