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Korruptions-Ermittlerinnen in Griechenland: "High Heels sind keine Waffe"

Aus Athen berichtet

Korruption in Griechenland: Frauen gegen korrupte Männer Fotos
DPA

Eine neue Generation mutiger Ermittler geht in Griechenland gegen Korruption vor - ohne Rücksicht auf alte Seilschaften. Sie wird angeführt von zwei Frauen an der Spitze des Justizapparats.

Der erste Blick geht fast automatisch zu ihren Füßen. Die spielen eine besondere Rolle, wenn es um Popi Papandreou geht, Athens neuen "Stern am Justizhimmel". So nennen Kommentatoren gern die junge Staatsanwältin, die neuerdings couragiert und ohne Rücksicht auf große Namen gegen Korruption und Steuerhinterziehung vorgeht. Dabei wird nicht vergessen zu erwähnen, dass die Juristin nicht nur mutig, sondern auch besonders hübsch und stets auf Stöckelschuhen unterwegs sei.

Papandreou, 37, empfängt in einem unscheinbaren Büro, vier Schreibtische auf rund 20 Quadratmetern, schmucklos, etwas düster, keine Fenster.

"Die Menschen sollen ihren Glauben an die griechische Justiz zurückbekommen", sagt die Ermittlerin zur Begrüßung. Sie steht auf flachen Schuhen ohne Absatz, die schwarze Hose zum schwarzen Rolli schleift auf dem Boden. "Nur wenn ich alle Waffen habe, kann ich meinen Job machen und das Geld zurückholen für mein Land," sagt sie: "High Heels sind keine Waffe."

Seit drei Jahren ist Papandreou Stellvertreterin und wichtigste Vertraute ihrer Chefin Eleni Raikou, 52. Erst in der Staatsanwaltschaft gegen Wirtschaftskriminalität und seit vorigen Juni an der Spitze einer völlig neuen Spezialabteilung gegen Korruption und Veruntreuung öffentlicher Gelder.

"Die griechische Justiz greift ganz nach oben"

Vor allem die beiden Frauen, genannt das "weibliche Doppel", sind dabei, "Geschichte zu schreiben, indem sie nach langer Zeit der Straffreiheit und Omertà Betrüger und eidbrüchige Spitzenbeamte endlich bloßstellen", schreibt die Tageszeitung "To Vima".

Der vorerst Letzte war Angelos Filippidis, Ex-Vorsitzender der staatlichen Hellenischen Postbank TT. Der frühere Präsident des Athener Fußballtraditionsklubs Panathinaikos war von der konservativen Regierung 2007 an die Spitze der Bank berufen worden und wird nun verantwortlich gemacht für faule Kredite über mehr als 400 Millionen Euro.

Auf über 300 Seiten hat Papandreou aufgelistet, wie und zu welchen Bedingungen die Postbank befreundeten Geschäftsfreunden und politisch nahestehenden Unternehmern Gelder ohne Sicherheiten oder zu Sonderkonditionen zugeschanzt haben soll.

Der Medienmogul Dimitris Kontominas etwa, Besitzer der drittgrößten privaten TV-Station Alpha, soll rund 110 Millionen Euro ohne Sicherheiten erhalten und damit eine Privatimmobilie für seine Tochter in Großbritannien erworben haben. Zusammen mit der Postbank soll er ein Kreditkartenunternehmen in den Ruin gewirtschaftet haben, über 100 Millionen Euro fehlten, heißt es. Kontominas bestreitet die Vorwürfe, die Postbank brach 2012 zusammen und musste verkauft werden.

Insgesamt 25 Verdächtige hat die Staatsanwaltschaft allein wegen der Bankpleite im Visier, mehrere verhaftet. "Zum ersten Mal greift die griechische Justiz ganz nach oben", lobt der Athener Jura-Professor Aristidis Hatzis die neue Entwicklung. Nachdem die politische Elite ihren Einfluss verloren habe, "nutzt die Justiz ihre neue Unabhängigkeit, um endlich ihren Job zu machen".

Keine Angst vor großen Namen

Mit Eleni Raikou steht an der Spitze der neuen Sonderbehörde eine Chefin, die bei Kollegen als charmant im Umgang, aber hart in der Sache und als "juristisch superkorrekt" gilt. Die Chefermittlerin ist extrem medienscheu, öffentliche Auftritte und Interviews sind nicht gerade ihre Passion. Eine ganze Reihe aktueller Korruptionsermittlungen gegen Verantwortliche inzwischen zusammengebrochener Banken und gegen Ex-Politiker tragen ihre Handschrift.

Popi Papandreou, ihre rechte Hand und schärfste Waffe, gilt als Vorzeigejuristin und war Jahrgangsbeste ihrer Prüfungsklasse. Mit der großen Politiker-Dynastie Papandreou hat sie nur den Namen gemein, tatsächlich kommt sie aus kleinen Verhältnissen. Kollegen schildern sie als fleißig und ehrgeizig und ebenfalls als extrem öffentlichkeitsscheu. Wie von ihrer Chefin Raikou gibt es auch von Papandreou kaum zugängliche Fotos.

Einen Namen als couragierte Ermittlerin machte sie sich, als sie den Betrugs- und Wettskandal der griechischen Fußballliga aufdeckte. Und zuletzt in der Schmiergeldaffäre um den ehemaligen Verteidigungsminister Angelos Tsochatzopoulos.

Popi Papandreou leitete die Ermittlungen gegen den prominenten Sozialisten und seine spektakuläre Verhaftung, die ihn völlig unvorbereitet traf. "Soll ich Ihnen denn vorher Bescheid sagen, dass ich vorhabe, sie festzunehmen?", soll sie dem verdutzten Politiker geantwortet haben, erzählen Kollegen, als sie ihn in seiner Luxus-Villa festnahm.

Ende vorigen Jahres wurde der Ex-Minister wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche in Zusammenhang auch mit deutschen Rüstungsgeschäften zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Korruption hat fast durchweg ein männliches Gesicht

Die Frauen setzen Standards, sagt Wissenschaftler Hatzis, "sie sind so etwas wie Justizhelden". Und sie stehen nicht allein.

Über ihnen thront, als Generalstaatsanwältin am Obersten Gericht, dem Areopag, Efterpi Koutsamani, 64. Bei ihr landen auch alle Korruptionsverfahren in der letzten Instanz. Koutsamani war die erste Staatsanwältin Griechenlands überhaupt, heute ist sie die zweithöchste Juristin des Landes, sie gilt als "eiserne Lady", streng, unerbittlich und unbestechlich.

Sie ermittelt wegen Korruption und Steuerhinterziehung gegen Politiker, ist einem langjährigen Minister wegen EU-Subventionsbetrugs für sein Ferienhaus auf der Spur und geht jetzt, hart und unnachsichtig, gegen führende Vertreter der Neonazi-Partei Chrysi Avgi wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung vor. Teile der Parteispitze um den Vorsitzenden Nikolaos Michaloliakis sitzen in Untersuchungshaft, gegen einen Großteil der Abgeordneten in der Parlamentsfraktion wird ermittelt, unter anderem auch wegen des Verdachts auf rassistische Gewaltdelikte, Schutzgelderpressung und Geldwäsche.

Frauen als Hoffnungsträger für eine gerechtere Justiz? Papandreou mag von diesem Thema nichts hören. "Ich wache auf und mache meinen Job und denke nicht darüber nach, dass ich eine Frau bin und wie ich aussehe", sagt sie.

Richtig ist aber auch, dass Korruption in Griechenland fast durchweg ein männliches Gesicht hatte. Es sind vor allem Männer, die seit Jahren die Geschicke des Landes bestimmten, in der Regierung, an der Spitze der Gewerkschaften, in den Chefsesseln der Banken und Staatsbetriebe, und jetzt Schlagzeilen wegen Filz und Selbstbedienung machen. Und es waren zumeist männliche Richter, die zum Vorteil der Angeklagten oft Prozesse verschleppten.

Gegen diese Netzwerke gehen Juristinnen wie Popi Papandreou jetzt an. "Wir nehmen uns auch die schwersten Fälle vor", sagt die Staatsanwältin: So will sie in den nächsten Monaten alle Großprojekte der vergangenen Jahre unter die Lupe nehmen. Die Olympischen Spiele 2004 in Athen zum Beispiel, die mit sieben Milliarden Euro gut 50 Prozent teurer wurden als veranschlagt. Und alle Rüstungskäufe der Vergangenheit, die Griechenland für Jahre zum Land mit dem höchsten Wehretat der EU machten, sowie große Bauprojekte. "Ich mache das, was ich für notwendig erachte", sagt Popi Papandreou, "ich bin allein verantwortlich für mein Handeln und meine Unterschrift."

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1. Dann müsste es ja jetzt in Griechenland aufwärts gehen
br-ko 08.06.2014
Wenn das Justizwesen dort funktionsfähig wird, muss nur noch die Verwaltung in weibliche Hände gelegt werden und alles wird gut. Hoffentlich.
2. Kein Titel
wll 08.06.2014
Zitat von sysopDPAEine neue Generation mutiger Ermittler geht in Griechenland gegen Korruption vor - ohne Rücksicht auf alte Seilschaften. Sie wird angeführt von zwei Frauen an der Spitze des Justizapparats. http://www.spiegel.de/politik/ausland/griechenland-juristinnen-sagen-korruption-den-kampf-an-a-968357.html
Tja, da wird es den Damen wohl so ergehen, wie jüngst dem obersten Steuereintreiber in Griechenland. Kaum hatte der Herr Theoharis die oberen Zehntausend ins Visier genommen, wurde er auch schon zurückgetreten. Es war aber auch schon dreist, wie er in seinem Übereifer meinte, auch von den Oligarchen in Hellas Steuern einfordern zu müssen. Wobei er damit sogar noch Glück hatte, in Hessen werden solche Finanzbeamte gerne mal für verrückt erklärt...
3. Viel Erfolg
notbehelf 08.06.2014
Da kann man sich nur wünschen, dass den Damen keine Steine in den Weg gelegt werden. Dann würden die bestraft, die ihre griechischen Mitbürger und letztlich uns alle, seit Jahren betrügen.
4. ...ein wenig Hoffnung.
ratxi 08.06.2014
Zitat von sysopDPAEine neue Generation mutiger Ermittler geht in Griechenland gegen Korruption vor - ohne Rücksicht auf alte Seilschaften. Sie wird angeführt von zwei Frauen an der Spitze des Justizapparats. http://www.spiegel.de/politik/ausland/griechenland-juristinnen-sagen-korruption-den-kampf-an-a-968357.html
Dieser Bericht macht in der Tat ein wenig Hoffnung.
5. und wo sind
mchunter 08.06.2014
solch couragierte Frauen hier in Deutschland?
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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