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Krise in Griechenland: Warum die Osteuropäer so sauer sind

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Osteuropa: Leiden lohnt sich Fotos
DPA

Von allen Euroländern sind die Osteuropäer am strengsten mit Griechenland. Denn Balten, Slowaken und Slowenen haben ihre Krisen mit drastischen Einschnitten überwunden. Jetzt wollen sie nicht weiter für ein reicheres Land zahlen.

Wann immer es um Griechenland geht, zeigt sich Dalia Grybauskaite seit geraumer Zeit genervt.

Sie ist Litauens Staatspräsidentin und war bis 2009 EU-Kommissarin für Finanzen und Haushalt. Zuletzt fand sie in Brüssel wieder deutliche Worte, als Alexis Tsipras mit einem Siegerlächeln an ihr vorbeieilte. In die Mikrofone lästerte sie: "Wir haben neue Vorschläge für heute versprochen bekommen. Aber für Griechenland bedeutet heute wohl immer 'mañana'. Aber in Europa kann es nicht immer noch einmal 'mañana' geben."

Kaum irgendwo in der Eurozone fällt die Kritik an der Syriza-Regierung und ihrem Verhandlungsgebaren so harsch aus wie in den osteuropäischen Euroländern Litauen, Lettland, Estland, Slowakei und Slowenien. Sie haben im letzten Vierteljahrhundert gleich zwei Mal schmerzhafte Reformprozesse absolviert - und sind heute stolz auf das Erreichte.

Sie eint das Los, noch vor 25 Jahren in die sowjetische Welt-Hälfte eingebunden gewesen zu sein, mit allem, was dazugehörte: ein ebenso ineffizienter wie bürokratischer und unterdrückerischer Staat, eine unrentable, schwerfällige Wirtschaft, Armut, Isolation.

Osteuropas EU-Staaten haben schmerzhafte Reformen hinter sich

Daraus haben sie sich befreit. Sie bauten den invasiven Staat zurück, vereinfachten die Steuersysteme und privatisierten Betriebe. Hunderttausende Menschen kostete das den Arbeitsplatz.

Doch zu Beginn der Nullerjahre ernteten sie die Früchte dieser Mühen: Estland entwickelte sich zum Beispiel zu einer IT-Hochburg, Lettland und Litauen wurden Drehscheiben des Handels zwischen Russland und Skandinavien. Das solide Wachstum der Slowakei beruht auf Investitionen der Autoindustrie - Kia und Volkswagen schätzen die gut ausgebildeten Arbeitskräfte und niedrigen Löhne. Slowenien war schon zu jugoslawischen Zeiten eine Effizienzhochburg.

Doch dann kam die Wirtschaftskrise 2008, der Aufschwung verwandelte sich in nur wenigen Monaten in einen Abschwung, war es etwa in Estland vorher zweistellig mit der Wirtschaft bergauf gegangen, schrumpfte sie dort 2009 um 14 Prozent.

Und die Osteuropäer schonten sich nicht. "Es kommt ein Jahr auf uns zu, in dem jeder unter der Wirtschaftskrise leiden wird", verkündete damals Premier Valdis Zatlers in Lettland. Dort und auch in den anderen Ländern bürdeten die Regierungen ihrem Volk Lohnkürzungen von bis zu 40 Prozent auf, dazu Entlassungen und Einsparungen im Sozialsystem. Die Slowakei lockerte den Kündigungsschutz, Slowenien holte wichtige Bankenreformen nach. Und niemand demonstrierte. "Wir sind noch nicht so an den Wohlstand gewöhnt", erklärte einmal Polens Nationalbankchef Marek Belka die Duldsamkeit der Osteuropäer. Zudem hatten sie ja gerade mal ein paar Jahre vorher die Erfahrung gemacht, dass Krisen mit Reformen überwunden werden können, dass Leiden sich lohnen kann.

Heute gehören die Haushalte der Balten zu den gesündesten in der EU, Estlands Schulden belaufen sich gerade mal auf zehn Prozent seines Bruttoinlandsproduktes. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Wirtschaft wächst.

Als Eurozonen-Mitglieder zahlen die Osteuropäer ihren Beitrag für den Rettungsfonds ESM - und der soll jetzt verausgabt werden, um ein Land zu retten, in dem der Durchschnittslohn fast doppelt so hoch liegt wie etwa in Lettland.

Diese Aussicht macht schlechte Laune: "Vier Monate lang haben wir versucht, die Syriza-Wahlversprechen einzulösen", sagte der slowakische Finanzminister Peter Kazimir: "Wenn jemand den Himmel auf Erden verspricht und das nicht halten kann, soll er nicht anderen die Schuld geben."

Der slowakische Premier Robert Fico klagt schon lange. Er kann seinen Landsleuten einfach nicht erklären, warum sie für die Rentner in Griechenland zahlen sollen, wo doch die Altersbezüge in den Karpaten gerade mal halb so hoch sind. Zu Verhandlungsbeginn diese Woche in Brüssel sagte Finanzminister Kazimir denn auch, ein Schuldenschnitt sei für Bratislava "die rote Linie".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 271 Beiträge
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1. Ist nur zu verständlich
huddi03 08.07.2015
dass jene die ihre Völker von der Notwendigkeit teils härterer Reformen überzeugt haben nicht die Unwilligkeit eines Volkes mitfinanzieren wollen genau jene dringenden und zielführenden Reformen durchzuführen da diese eventuell mit temporären Härten verbunden wären.
2. und zum Glück
chatty1974 08.07.2015
haben die großen Volkswirtschaften nicht so stark gespart sonst wäre es nach hinten losgegangen. Mit den Mitteln der sparsamen Hausfrau in der Politik kann man ganze Volkswirtschaften ruinieren siehe 1929. Das heißt nicht das man Geld zum Fenster rausschmeißen soll aber sinnvoll investieren ist in solchen Situationen sicherlich immer richtig.
3. Warum wird denn nichts
tanzbaer211 08.07.2015
über Gespräche der genannten Regierungen mit Tsipras bekannt. Diese Ländervertreter werden sicher tacheles mit Tsipras reden, wozu der Franzose und Merkel wohl nicht in der Lage sind. Freue mich auf Fotos, auf denen Tsipi endlich die Mundwinkel nach unten gezogen hat.
4. Alle sollten sauer sein
Rationator 08.07.2015
Zurecht sind die osteuropäischen Länder sauer wegen der griechischen Extrawurst: Gockelhaftes, rotzfreches Auftreten, leere Sprechblasen, flegelhafte Attitüden und fordern ohne Gegenleistung! Auch Deutschland als Hauptnettozahler sollte endlich, endlich eine härtere Gangart einlegen: Keine Chance auf Transfer- und Sozialunion! Die Mär von einem harmonischen, friedlichen Europa ist irrsinnig, besonders wenn die Griechen alleine für ihre Mitgliedschaft bedingungslosen Kapitaltransfer fordern! Grexit welcome!
5. Es gibt einen gravierenden Unterschied
empörteuch! 08.07.2015
der Osteuropäer zu Griechenland. Die ehemals sozialistischen Länder haben einen funktionierenden Verwaltungs -und Staatsapparat hinterlassen, den die Ostblockbesatzer im sozialistischen Sinne gefordert hatten. Griechenland wurde nach dem 2. Weltkrieg von keiner Besatzungsmacht wiederaufgebaut und von Onassis über die ganzen Irren und Wirren einer Militärdiktatur, zur Demokratie, gab es keinen gut genug gelungenen Verwaltungsstrukturaufbau. Dennoch ist Griechenland kein korruptes Land. Wenn Europa was taugt, dann ist JETZT der Moment durch Europa dem Land zu helfen die Strukturaltlasten zu bereinigen, ein ordentliches Steuerwesen etc muss Griechenland innenpolitisch durchsetzen. JETZT ist der Zeitpunkt dafür und dahin sollen und dürfen Europas Hilfsgelder fliessen. Griechenland gehört zu Europa und sollte auch abstimmen darüber, ob es ab jetzt bereit ist die Eurobedingungen zu erfüllen. - Die Vergangenheit hatte Korruption als Grundlage zum Eurobeitritt; Ab Jetzt heisst, was kann innenpolitisch geleistet werden um den Euro behalten zu können. Katasteramt, Verwaltungsreform, Verfassungsänderung hinsichtlich der Nichtbesteuerung der Reedereien, das ganze Zeugs, indem Griechenland verpasst hat ein Staat zu werden, der als Staat seinen Bürgern Rechtssicherheit bieten kann, und im Dienste seiner Bürger steht.
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