Ursachen und Folgen der Krise "Die Schuld tragen wir Griechen selbst"

Er hält nichts davon, deutsche Spitzenpolitiker als Sündenböcke zu verdammen: Der griechische Wissenschaftler Dimitri Sotiropoulos erklärt im Interview, wo er die Ursachen für die Misere seines Landes sieht - und was ein Grexit bedeuten würde.

Ein Interview von

Anstehen vor den Bankautomaten: "Wir hatten schon immer wirtschaftliche Schwierigkeiten"
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Anstehen vor den Bankautomaten: "Wir hatten schon immer wirtschaftliche Schwierigkeiten"


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Am Tag nach dem griechischen Nein zu den Sparauflagen der Geldgeber ist Dimitri Sotiropoulos ein gefragter Mann. Ständig klingelt das Telefon des Politikwissenschaftlers an der Universität Athen. "Was ist das denn für eine Vorwahl?", fragt er, als er auf seinem Display einen verpassten Anruf entdeckt. "0061?" Er googelt. "Das ist Australien." Sotiropoulos lacht. "Griechenland ist plötzlich sehr bekannt in der Welt."

Aber nach dem Referendum ist ihm eigentlich nicht zum Lachen zumute. Sotiropoulos, der an der London School of Economics und in Yale studiert hat, befürchtet düstere Zeiten für sein Land. "Es gibt nur ein sehr kleines Fenster, das für uns noch geöffnet ist." Ein Grexit, also ein Austritt aus dem Euro, wäre für Griechenland seiner Meinung nach "eine Katastrophe".

Sotiropoulos teilt die Meinung vieler Griechen nicht, Deutschland trage die Hauptschuld an ihrer Misere. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum er die größte Verantwortung bei Griechenland selbst sieht - und welche Wege aus der Krise es noch gibt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sotiropoulos, die Griechen haben mit überwältigender Mehrheit die Sparauflagen abgelehnt und feiern das. Aber ist das Nein wirklich ein Grund zur Freude oder eher zur Besorgnis?

Sotiropoulos: Die Mehrheit scheint zu feiern. Sie feiern, weil sie davon ausgehen, dass die Regierung gestärkt wurde und es nun Hoffnung auf Besserung der Lage gibt. Der wirtschaftliche Niedergang dauert ja schon seit fünf Jahren an, es ist also eine Art verzweifelte Freude. Sie feiern aber auch, was ihrer Meinung nach Demokratie leisten kann, nämlich den Weg, den ein Land geht, zu verändern. Auf griechischer Seite formiert sich deswegen ja die Regierung neu.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nicht so, als würden Sie sich mitfreuen.

Sotiropoulos: Ob die Freude gerechtfertigt ist oder nicht, wird sich erst zeigen, wenn wir den nächsten Schritt der Gläubiger kennen, wenn also Internationaler Währungsfonds, Europäische Kommission und Zentralbank sich auf ihr weiteres Vorgehen festgelegt haben.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie?

Sotiropoulos: Ich bezweifle, dass sie einen anderen Kurs einschlagen werden als bisher und den griechischen Forderungen entgegenkommen. Ich glaube auch, dass die Mehrheit der Griechen einer populistischen Regierung erlegen ist, die versprochen hat, es werde innerhalb von 48 Stunden nach dem Referendum eine Einigung mit den Gläubigern geben.

SPIEGEL ONLINE: Und nun?

Sotiropoulos: Jetzt wird es wahrscheinlich ein wirklich allerletztes Angebot seitens der Gläubiger geben. Es wird harsche Sparforderungen an Athen enthalten, die Griechenland ökonomische Konsolidierung bringen sollen. Wenn wir das wieder ablehnen, bleibt tatsächlich nur noch das Verlassen der Eurozone. Das wird hoffentlich ein möglichst sanfter Übergang sein, bei dem uns die Euroländer helfen, kein panischer Ausstieg.

SPIEGEL ONLINE: Was würde das Ende des Euro in Griechenland für die Bevölkerung bedeuten?

Sotiropoulos: Es wäre ein ökonomisches Desaster und eine soziale Katastrophe. Griechenland wäre plötzlich ausgeschlossen aus einer gut geschützten Währungszone, die für ärmere Länder ja ein Schutz ist. Griechenland hätte diese Sicherheit nicht mehr und müsste mit der Drachme in einer hochkomplexen Welt mit starken Währungen bestehen. Wir stünden unter einem unglaublichen Druck und würden in eine noch tiefere Krise stürzen. Ich befürchte, dass die Inflation unglaublich ansteigen würde, worunter die Armen stärker leiden würden als die Reichen. Wir hatten kurz vor dem EU-Betritt 1981 schon mal eine Inflation von rund 25 Prozent.

SPIEGEL ONLNE: Vor dem Referendum wurde Stimmung gegen Deutschland gemacht, mit Plakaten, auf denen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble angegriffen wurden. Teilen Sie die Kritik an der Bundesrepublik?

Sotiropoulos: Die Schuld für unsere Lage tragen wir Griechen selbst. Wir hatten schon immer wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die weltweite Banken- und Wirtschaftskrise hat uns deshalb besonders schwer getroffen. In all dieser Zeit hat der Staat den öffentlichen Sektor viel stärker geschützt und gefördert als den privaten. Gleichzeitig haben Großunternehmer, aber auch Ärzte, Anwälte, kleine Ladenbesitzer und Handwerksbetriebe keine Steuern gezahlt. Da hat sich in letzter Zeit einiges geändert, aber die Strukturen müssten viel tiefgreifender reformiert werden. Hier hätten Deutschland und die anderen Geberländer solche Reformen einfordern müssen, anstatt sich mit Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen zufrieden zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Teilen Sie den Eindruck, dass Stolz und Eitelkeiten in Griechenland eine größere Rolle spielen als ökonomische und politische Vernunft?

Sotiropoulos: In diesem Teil der Welt ist das so, ja. Hier ist Nationalismus die stärkste Ideologie, gestärkt durch Politiker, Schulen, Massenmedien und selbst die Kirche. Es ist eine Ideologie, in der man vor allem in der Krise in emotionale Verhaltensmuster verfällt.

SPIEGEL ONLINE: Macht der Rücktritt von Finanzminister Yanis Varoufakis die Sache leichter?

Sotiropoulos: Auf jeden Fall. Ich bin mir sicher, ein anderer Politiker, der dieselben Forderungen wie Varoufakis gestellt und dieselben Positionen eingenommen hätte, wäre erfolgreicher gewesen. Varoufakis' Art hat zu der Lage, in der wir uns befinden, beigetragen.

Zusammengefasst: Der griechische Politikwissenschaftler Dimitri Sotiropoulos sieht im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Ursache an der tiefgreifenden wirtschaftlichen Misere des Landes in verschleppten Reformen. Die Gläubiger, auch Deutschland, hätten schon lange effizientere Strukturen fordern müssen. Ein Grexit aber wäre "ein ökonomisches Desaster und eine soziale Katastrophe".

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goethestrasse 06.07.2015
1. Der werte Herr braucht..
..mir als Bundesbürger, keinen Honig um den Mund schmieren. Er soll dafür sorgen, dass Griechenland selbst wieder auf die Beine kommt. Alt genug und selbstbewusst sind sie ja.
grifter2012 06.07.2015
2. Hier wird ...
der Grund für die griechische Misere auf einen Punkt gebracht. Von einem Griechen. Danke für diesen Artikel!
kolybri 06.07.2015
3. realistische Einschätzung
Endlich einmal eine realistische Einschätzung ohne Pathos und "falschen" Stolz. Der Professor hat Recht, wenn man nun Struktur-Reformen statt Sparmaßnahmen einfordern soll. Selbst bei einem Grexit kann die Gemeinschaft mildernd abfedern.
Potatocouch 06.07.2015
4. Am Ende werde Deutschland zahlen müssen.
Das sagte Varoufakis einst und wusste damals schon dass er Recht behalten wird. Merkel wusste das auch aber belog lieber vorsätzlich das Volk und verbrannte wieder besseren wissens unser Steuergeld. Nun wird noch mehr nach Griechenland fließen und Merkel wird weiteres Steuergeld verbrennen.
donpedro59 06.07.2015
5. Sehr geehrte Frau Merkel,
als die Schulden Griechenlands noch niedriger waren, zahlte Griechenland 7% Zinsen, Deutschland 3 %. Griechenland konnte nicht mehr tilgen, die Menschen wurden ärmer, die Banken reicher, die Schulden stiegen. Herr Ackermamn sinnierte vor laufender Kamera, ein Geschäft müsste mindestens 25% Gewinn bringen. Auf das Geschäft mit den Eurofightern wollte auch niemand verzichten. Sieht so vorausschauende Politik aus?
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