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Neue Partei To Potami: Herr Theodorakis schreckt Griechenlands Eliten auf

Von , Thessaloniki

Neue Partei in Griechenland: "Alle sind willkommen" Fotos
REUTERS

Der Journalist Stavros Theodorakis prangert Korruption und Verschwendung in Griechenland an. Er lädt die Bürger ein, selbst Politik zu machen. Das funktioniert: Seine neue Partei erobert die Wähler.

Die drittgrößte Partei Griechenlands ist gerade einmal zwei Monate alt. Sie hat keine Zentrale, keine Parteiorgane oder größere Geldgeber, und kein einziger professioneller Politiker ist an ihr beteiligt. To Potami heißt diese eigentümliche Partei, zu Deutsch: Fluss.

Ihr Chef ist der 51 Jahre alte Stavros Theodorakis, ein prominenter und anerkannter investigativer Fernsehjournalist, der seinen Job gekündigt hat, um Politiker zu werden. Er verspricht einen Bruch mit dem ineffizienten und korrupten politischen System in Griechenland.

Seit den siebziger Jahren dominieren im Land zwei große Parteien, die konservative Neue Demokratie und die sozialistische Pasok. Das Zwei-Parteien-System ist durch die Krise nachhaltig erschüttert, denn es hat Griechenland in den Augen vieler Bürger in den Ruin getrieben. Neue politische Gruppen schießen aus dem Boden, um die entstandene Lücke zu füllen. Aber keine Neugründung ist so erfolgreich wie To Potami.

In Umfragen erreicht die Partei 9 bis 13 Prozent. Sie liegt längst vor den einst dominanten Sozialisten und hat auch die rechtsextreme "Goldene Morgenröte" überflügelt. Wenn Theodorakis' Partei so stark bleibt, werden künftige Regierungskoalitionen auf ihre Unterstützung angewiesen sein.

Nicht jammern, sondern handeln

In den Augen vieler Wähler unterscheidet sie sich stark von den etablierten Parteien: Als eine Gruppierung, die von Bürgern gegründet wurde, die nicht mehr über ihre Politiker jammern, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen wollten. "Wir hatten die Situation im Land so satt, diesen ganzen Wahnsinn. Wir wollten etwas verändern", sagt Christina Tachiaou, eine Journalistin und Vertraute von Theodorakis.

Den Parteichef selbst überrascht der Erfolg nicht. "Die Politiker haben sich lange nicht die Mühe gemacht, auf die Menschen im Land zu hören", so Theodorakis. "Jetzt wundern sie sich." Er wird wahrgenommen als jemand, der für sein Geld arbeitet und die Alltagssorgen der Menschen kennt. Er wuchs in einem Arbeiterviertel von Athen auf. Seit er 21 Jahre alt ist, arbeitet er als Journalist, auch für Griechenlands wichtigste Medien.

Theodorakis habe somit jahrelang von dem System profitiert, das er nun angeblich von Grund auf verändern wolle, bemängeln Kritiker. Theodorakis kontert, seine Meinungen seien für alle einsehbar. "Jeder kann selbst entscheiden, ob ich dem System gedient oder seine Auswüchse bekämpft habe."

Kritiker vermissen außerdem klare Positionen der Partei. Theodorakis gibt zu, dass er nicht auf alles eine Antwort hat. "Wir sind eben eine Bewegung, bei uns ist vieles im Fluss." Auf linke oder rechte Positionen will er sich nicht festlegen lassen, auch wenn er selbst ein erklärter Linker ist. Seine Partei schließt sich nicht den Standpunkten der linken Syriza an, die einen Schuldenerlass fordert oder gegen Deutschland wettert. Jeder politische Vorschlag, der Sinn habe und Probleme löse, sei willkommen, so Theodorakis. Jeder könne bei To Potami mitmachen.

"Große Ziele im Leben"

Theodorakis kritisiert die Troika ("Die Genies, die zu uns gekommen sind, sollten für ihre Fehler verantwortlich gemacht werden"), aber er gibt auch zu, dass die Griechen Verantwortung für ihre Verfehlungen übernehmen müssen. "Wir Bürger haben lange genug für schlechte Politiker gestimmt oder uns um Gruppen geschart, die nie etwas verändern wollten."

Er selbst aber wolle das. Auch wenn er sich nicht zutraut, bei den Europawahlen im Mai anzutreten: Andere seien besser qualifiziert, "außerdem ist mein Englisch nicht gut genug". Dafür schaffte es Christina Tachiaou auf die Liste der Kandidaten.

Eines Tages Premierminister werden, das könne er sich aber vorstellen, sagt Theodorakis. "Man sollte sich große Ziele setzen." Er legt Wert darauf, zu betonen, dass er sich von professionellen Politikern unterscheidet. In acht Jahren sei Schluss mit der Politik, erklärt er. Danach wolle er zurück nach Kreta gehen, wo er geboren wurde. "Politik sollte man nicht sein ganzes Leben machen. Dann können Jüngere übernehmen."

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insgesamt 24 Beiträge
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1.
zynisch 07.04.2014
Zitat von sysopREUTERSDer Journalist Stavros Theodorakis prangert Korruption und Verschwendung in Griechenland an. Er lädt die Bürger ein, selbst Politik zu machen. Das funktioniert: Seine neue Partei erobert die Wähler. http://www.spiegel.de/politik/ausland/griechenland-neue-reform-partei-to-potami-a-962216.html
Irgendwann muss mir mal jemand erklären, warum die Parasiten, Schmarotzer und superreiche Erbvermögende einer Gesellschaft "Eliten" genannt werden. Elitär ist doch m.E. jemand, der durch seinen Intelekt und/oder Charakter besonders positiv herausragt. Korrupte Materialisten sind das genaue Gegenteil. Diese sind parasitär. Sie leisten nichts und schöpfen dagegen durch Übervorteilung Anderer wichtiges Kapital aus der Gesellschaft ab.
2. Der Artikel
buntesmeinung 07.04.2014
lässt noch zuviel offen. Wie groß ist die Zahl der Parteimitglieder? Wie finanziert sich die Partei? Zumindest Theodorakis (aber ich denke auch andere), der seinen Job aufgegeben hat, um sich in der und für die Partei zu engagieren, muss doch ein Einkommen haben. Wie sind die Strukturen, wenn sie von denen etablierter Parteien abweichen? Wie werden Bürger, die nicht Mitglieder sind, in die Parteiarbeit eingebunden?
3.
Beobachtung 07.04.2014
finde ich gut. Weg mit den selbstgefalligen nur ihrem Wohl verpflichteten Politikern
4. Klingt gut - für den Anfang
gamh 07.04.2014
Solch eine Bewegung ist es, die ein Staat zum Aufräumen der Abzocker-Polit-Elite benötigt. Selbst wenn es Reformwillige in den alteingesessenen Parteien Griechenlands gibt, haben diese keine Chance, das zementierte Korruptionssystem zu knacken. Eine Bewegung, und nun Partei, wie To Potami muss sich allerdings ständig selbst kontrollieren, da gar zu gerne raffgierige Egomanen solche Organisationen als Sprungbrett in die Goldwanne Onkel Dagoberts nutzen. Viel Erfolg, Herr Theodorakis!
5. sofort verbieten
AhzekAhriman 07.04.2014
Solch eine Partei sollte man sofort verbieten! Wenn das Schule macht, ist das ganze parlamentarische Parteiensystem/demokratie in Europa in Gefahr. Das darf nicht sein. Wenn die doch wenigsten korrupt wären. Aber so? ne ;-)
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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