Griechischer Präsident Pavlopoulos "Die Deutschen haben eine große Seele"

Griechenland braucht frisches Geld, mal wieder. Hier erklärt Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos, warum Deutschland einen Schuldenschnitt nicht fürchten muss - und wo Wolfgang Schäuble schiefliegt.

Prokopios Pavlopoulos
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Prokopios Pavlopoulos

Ein Interview von


Wie soll es weitergehen mit Griechenland? Am Donnerstag kommender Woche diskutieren die Finanzminister der Euro-Gruppe einmal mehr über die Lage in dem Krisenland. Bei dem Treffen in Luxemburg soll das scheinbar Unmögliche gelingen. Es soll eine Lösung gefunden werden, die Berlin, Athen und den Internationalen Währungsfonds (IWF) gleichermaßen zufriedenstellt.

Die Bundesrepublik fordert Strukturreformen, Griechenland will einen Schuldenschnitt erreichen, der IWF zögert mit einer Beteiligung an neuen Finanzhilfen noch. Griechenland braucht im Juli aber unbedingt neues Geld aus dem dritten Rettungspaket.

Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos reist am Freitag nach Berlin und wird dort auch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zusammentreffen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE lobt er das Engagement der Deutschen für ein geeintes Europa.


SPIEGEL ONLINE: Schon wieder muss Europa in letzter Minute Griechenland retten. Wer ist schuld, dass die Krise in ihrem Land kein Ende findet?

Pavlopoulos: Griechenland ist seinen Pflichten vollends nachgekommen. Und das so schnell, wie es die Situation der Wirtschaft und Gesellschaft zugelassen hat. Jetzt ist es an der Zeit, dass unsere Partner das Gleiche tun im Hinblick auf den Schuldenerlass. Ich bin sicher, dass eine Lösung beim Euro-Gruppen-Treffen am 15. Juni gefunden werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland lehnt bislang jegliche klare Äußerung zu einem mittelfristigen Schuldenschnitt ab.

Zur Person
  • Prokopis Pavlopoulos, Jahrgang 1950, ist seit März 2015 griechischer Staatspräsident. Er wurde mit den Stimmen des linken Syriza-Bündnisses, aber auch mit Stimmen der Konservativen gewählt. Pavlopoulos studierte Verfassungs- und Verwaltungsrecht in Paris. In Athen war er Professor an der Universität und Berater mehrerer konservativer Ministerpräsidenten. Er gilt als überzeugter Europäer.

Pavlopoulos: Ja, die Bundesrepublik verhält sich zögerlich. Das hat mit den bevorstehenden Wahlen zu tun. Aber in einem großen Land wie Deutschland spielen bei der Bewertung einer Regierung viele Faktoren eine Rolle. Die Annahme, dass Merkel im September zwingend Stimmen verliert, wenn Deutschland seinen Teil beim Griechenland-Schuldenerlass tut, ist falsch.

SPIEGEL ONLINE: Überschätzt Merkel das politische Risiko eines Schuldenerlasses für Griechenland?

Pavlopoulos: Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses grandiose Volk mit seinen vielen wirtschaftlichen Errungenschaften Griechenland als politische Gefahr sieht. So eine Haltung ist mir bei meinen deutschen Freunden nie begegnet. Ich möchte Wolfgang Schäuble sagen, dass die Deutschen eine sehr viel größere Seele haben als man ihnen zuschreibt.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Griechenlandkrise den Populismus und antieuropäische Tendenzen in der EU befeuert?

Pavlopoulos: Es stimmt, dass manche versucht haben, die Griechenlandkrise für sich zu nutzen. Genau deshalb ist Solidarität ein wichtiges Bollwerk gegen antieuropäische Tendenzen. Wir müssen vermeiden, den Feinden Europas neues Futter zu geben. Es tut gut zu wissen, dass ihr Einfluss hinter den Erwartungen zurückblieb (mit politischen Niederlagen in Österreich, den Niederlanden und Frankreich, d. Red.). Ihre Propaganda zündete nicht.

SPIEGEL ONLINE: Schäuble hat die griechische Regierung stark kritisiert, weil die Sparpolitik vor allem die Schwächeren trifft und die Reichen kaum berührt.

Pavlpoulos: Seine Beobachtung stimmt nicht. Falsche Politik hat das Leiden der Schwächeren herbeigeführt. Der IWF hat zugegeben, dass er die Konsequenzen der Rezession unterschätzt hat. Ein Viertel des griechischen Bruttoinlandsprodukts wurde praktisch durch die Krise vernichtet, etwas, das in der westlichen Welt bis dahin noch nicht vorgekommen war. Herr Schäuble muss bedenken: Selbst nach all den Opfern hat eine überwältigende 85-Prozent-Mehrheit für proeuropäische Parteien gestimmt. Die Griechen haben bewiesen, dass sie in Europa bleiben wollen. Andere Staaten, die diese Opfer nicht bringen mussten, haben das europäische Schiff verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert, Europa müsse sein Schicksal in eigene Hände nehmen und aufhören, sich auf andere zu verlassen. Kann die EU das - nach Eurokrise und Brexit?

Pavlpoulos: Europa hat eine globale Aufgabe. Dafür brauchen wir ein starkes Europa - und dabei geht es nicht nur um die Währung. Wir brauchen ein wirtschaftlich, politisch und institutionell starkes Europa. Europa muss eine föderale Struktur entwickeln, die auf einer repräsentativen Demokratie basiert. So wie seine Gründer es sich vorgestellt hatten.

SPIEGEL ONLINE: Gerade in ihrem Land wurde Kanzlerin Merkel scharf kritisiert. Müssen die Europäer Deutschlands wachsenden Einfluss in der EU fürchten?

Pavlpoulos: Ich denke nicht, dass Angela Merkel eine hegemoniale Rolle für Deutschland innerhalb Europas anstrebt. Ich kenne sie ganz gut und sie ist eine Realistin. Sie kämpft für ein europäisches Deutschland. Ihr Mut in der Flüchtlingsfrage hat das bewiesen. Außerdem kann Deutschland das nicht alleine bewältigen. Nur ein vereinigtes Europa kann das.



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