Spekulationen über griechischen Euro-Ausstieg "Wir wussten, dass solche Berichte kommen würden"

"2015 ist nicht 2012": Mit großer Gelassenheit haben griechische Medien und Oppositionspolitiker auf den SPIEGEL-Bericht reagiert, laut dem die deutsche Bundesregierung ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone nicht länger ablehnt.

Akropolis in Athen: "Mehrere Möglichkeiten, Schuldenabbau zu betreiben."
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Akropolis in Athen: "Mehrere Möglichkeiten, Schuldenabbau zu betreiben."

Von , Thessaloniki


Keinen Grund zur Panik sehen Vertreter der griechischen Oppositionspartei Syriza, nachdem der SPIEGEL berichtet hatte, dass die Bundesregierung ein Ausscheiden Griechenlands nicht länger als Bedrohung für den Rest der Eurozone ansehe. Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) sollen einen Austritt sogar für unausweichlich halten, sollte das linksgerichtete Syriza-Bündnis bei den Parlamentswahlen am 25. Januar siegen und sich von der Sparpolitik und dem Schuldenabbau abwenden.

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Heft 2/2015
Warum wir träumen

"Wir wussten, dass solche Berichte kommen würden", sagte Syriza-Sprecher Panos Skourletis SPIEGEL ONLINE. "Berlin will offensichtlich seine Verbündeten in Athen stärken und die Wählerinnen und Wähler beeinflussen." Gleichzeitig merkte Skourletis mit Verweis auf Zitate vom ehemaligen EU-Währungskommissar Olli Rehn in der aktuellen SPIEGEL-Ausgabe an, dass Berichte dieser Art nicht zur Stimmung in Griechenland passten, da sich das Land in einer anderen Situation als 2012 befände. "Alles weist darauf hin, dass 2015 nicht 2012 ist. Die Angstschürerei ist gewichen, die internationale Presse und die Regierungsbeamten sind gespalten in ihren Ansichten, Vorhersagen und Analysen."

Ähnliche Warnungen wie die deutschen Regierungsmitglieder hat auch der griechische Premierminister Antonis Samaras ausgesprochen. In einer Rede vom Samstag sagte Samaras: "Syrizas Versprechungen führen Griechenland in den Bankrott. Das kriegen sie von der internationalen Presse und ausländischen Regierungsbeamten tagtäglich zu hören. Sie sagen ihnen immer wieder, was an [Syrizas] Aussagen unrealistisch ist und was das Land in ein schreckliches Wagnis führen wird."

Alternativen zur Sparpolitik

Der SPIEGEL-Bericht dominierte am Wochenende die Schlagzeilen der griechischen Fernsehsender und Online-Medien. Die griechische Ausgabe der "Huffington Post" bezeichnete den Bericht als "provokant", die meisten anderen Medien verzichteten jedoch auf weitergehende Analysen oder Kommentare.

John Milios, Syrizas führender Wirtschaftspolitiker und einer der Autoren des Wirtschaftsprogramms der Partei, sagte, Syrizas Position in der Schuldenfrage wäre eindeutig: "Die Lösung von Griechenlands Schuldenproblem sollte dem Modell folgen, das 1953 (auf der Londoner Schuldenkonferenz, Anm. d. Red.) für Deutschland entworfen wurde: Ein Großteil von Griechenlands Schulden muss getilgt werden, während gleichzeitig eine Wachstumsklausel eingeführt wird", so Milios zu SPIEGEL ONLINE.

Was das mögliche Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone betrifft, zeigte sich Milios rigoros: "Jeder, der das behauptet, liegt einfach falsch. Es gibt mehrere Möglichkeiten, Schuldenabbau zu betreiben, für manche bedarf es sogar keines Parlamentsbeschlusses, größerer Transfers oder Einschnitte auf Kosten der Steuerzahler."

Syriza-Politiker Giannis Dragasakis, ein Gemäßigter, der in der gesamten Parteienlandschaft wohl gelitten ist und gemeinsam mit Milios als Favorit auf einen wirtschaftspolitischen Führungsposten in einer von Syriza geführten Regierung gilt, sagte, dass seine Partei nach Gemeinsamkeiten suchen werde, "aber wir müssen einen Weg finden, damit die Schuldenberge nicht länger in die Sparfalle führen. Wir sind keine Dogmatiker, aber wir müssen einen Ausgleich finden, damit Griechenland überleben kann."

"Wir hassen niemanden und wollen auch niemanden zerstören"

Was wäre, wenn Berlin und Griechenlands Schuldner die Forderungen einer Syriza-Regierung ablehnten? "Unser Ziel ist es, Brücken zu bauen, nicht auf gegenseitige Erpressungen zurückzugreifen", sagte Dragasakis SPIEGEL ONLINE. "Wir sind eine kleine Wirtschaft und ein kleines Land. Wir hassen niemanden und wollen auch niemanden zerstören. Aber wir fordern, mit Respekt und als Gleichberechtigte behandelt zu werden."

Die deutsche Bundesregierung bekräftigte derweil ihre Überzeugung, dass Griechenland seine Pflichten erfüllen werden werde: "Griechenland hat sich stets an seine Verpflichtungen gehalten", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter der griechischen Nachrichtenagentur ANA. "Die Bundesregierung ist davon überzeugt, dass Griechenland den von der Troika gemachten Auflagen nachkommen wird."

Was mögliche Umbrüche nach den Wahlen betrifft, sagte Dragasakis, es werde Beständigkeit in den staatlichen Strukturen geben, aber nicht in der politischen Ausrichtung: "Beständigkeit kann man auch aus einer ganz anderen Warte aus betrachten. Deutschland steht durch ein Darlehen, das uns während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg aufgezwungen wurde, in der Schuld Griechenlands. Wir bestehen aber nicht darauf, Deutschland in seine Innenpolitik reinzureden, nur weil das Land unser Schuldner ist."

In den Umfragen zu den Parlamentswahlen am 25. Januar führt Syriza. Laut einer Umfrage, die die mitte-rechts-orientierte Zeitung "Eleftheros Typos" am Sonntag veröffentlichte, liegt Syriza bei 30,4 Prozent, gefolgt von der bisherigen Regierungspartei Neue Demokratie mit 27,3 Prozent. 6,1 Prozent der Befragten sagten, sie würden für die neue Partei des ehemaligen Premierministers Georgios Papandreou stimmen. In Stimmanteile umgerechnet, würde das Papandreous Bewegung der demokratischen Sozialisten zur drittstärksten Partei im Parlament machen.

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insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
laimelgoog.0815 04.01.2015
1. Griechenland bekommt vor den Wahlen klar die Ansage
Es ist richtig und fair wenn sich die Kanzlerin vor den Wahlen klar positioniert. Einige werfen Ihr vor alles auszusitzen. Jetzt macht Sie es nicht meckern einige Foristen wieder. Die Mehrheit der Deutschen finden die deutsche Politik der Bundeskanzlerin richtig.
johnnypistolero 04.01.2015
2. nachdem....
die schulden, der griechen, bei den meisten ausländischen banken, in allgemeine schulden umgewandelt wurden, dürfen sie nun raus... da haben mal alle politiker wieder schön mitgeholfen, die vermögen weniger zu retten, und die schuldenlast der staaten weiter aufzublähen
laimelgoog.0815 04.01.2015
3. Die Griechen haben die Wahl und Deutschland sagt vor der Wahl
was Fakt ist. Prima Politik und kein Aussitzen bis nach den Wahlen!
ichsagemal 04.01.2015
4.
...die Griechen könnten den Beweis antreten, das der Euro-Wahn, für den Merkel&Co eine ganze Generation gnadenlos geopfert haben, ein Irrweg war und ist.
Badischer Revoluzzer 04.01.2015
5. Was jetzt ?
Treten sie aus der EU/Euro aus oder nicht. Sollen wir immer weiter zahlen? Wir wissen alle, daß beim Volk nichts von all den Milliarden ankommt und nur die dicken Fische gefüttert werden. Also das Ergebnis ist klar und sollte so schnell wie möglich umgesetzt werden. Das ist das Beste.
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