Griechenland Rechtsextreme attackieren Bürgermeister

Eine Attacke in aller Öffentlichkeit schockiert Griechenland: Rechtsextreme Schläger haben Thessalonikis 75-jährigen Bürgermeister bei einer Gedenkfeier angegriffen. Bilder zeigen die Brutalität der Täter.

STR/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Griechenlands Politik wird durch einen Angriff auf Yiannis Boutaris, den liberalen Bürgermeister der zweitgrößten Stadt Thessaloniki, erschüttert. Ein nationalistischer Mob griff den als beliebt geltenden Bürgermeister mit heftigen Tritten und Schlägen an, als der am Samstagnachmittag versuchte, eine Gedenkfeier für die Vertreibung der sogenannten Pontosgriechen durch die Türken zu besuchen.

Die griechische Polizei geht davon aus, dass es Rechtsextreme waren, die den liberalen Bürgermeister erkannten und attackierten - am helllichten Tage, in aller Öffentlichkeit. Die Gedenkfeier, die er besuchte, erinnerte an die Pontosgriechen, die zwischen 1914 und 1923 von Türken von der Schwarzmeerküste vertrieben worden waren.

Dabei wurden angeblich bis zu 353.000 Pontosgriechen getötet - die griechische Seite spricht von einem Genozid. Die Türkei bestreitet entsprechende Vorwürfe. Heute leben etwa 400.000 Pontosgriechen in Griechenland, die meisten von ihnen in Thessaloniki. Der brutale Angriff kam aus dem Kreis der Teilnehmer an der Gedenkfeier.

Boutaris wurde an Kopf, Rücken und Beinen verletzt und musste über Nacht in einem Krankenhaus behandelt werden. "Sie haben mich überall geschlagen", sagt der 75-jährige Politiker: "Tritte, Fausthiebe, das ganze Programm. Aber mir geht es gut."

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Griechenland: Wie der Mob zuschlug

Seit er vor acht Jahren erstmals ins Amt gewählt wurde, hat sich Boutaris bemüht, Thessalonikis Image einer erzkonservativen, reaktionären Stadt zu revidieren. Er hat sich öffentlich für liberale Werte und Schwulenrechte eingesetzt - und dafür, starke Beziehungen zur Türkei und zu Israel zu knüpfen.

Schläger versuchten, die Autoscheiben einzuschlagen

Eine Politik, die dazu beitrug, alte Wunden zu heilen, das Image der Stadt zu verbessern, den Tourismus zu fördern und die Beziehungen zu den genannten Ländern zu verbessern - immerhin war Thessaloniki bis 1913 Teil des Osmanischen Reichs, ist die Geburtsstadt des türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk und besaß einst eine lebendige jüdische Gemeinde.

Doch Boutaris zog damit auch den Zorn von antisemitischen Rechtsextremen auf sich - auch sie gehören seit langer Zeit zur Stadt.

Die Polizei versucht nun, die Angreifer mithilfe von Videoaufnahmen zu identifizieren. Boutaris entkam dem Mob in einem Auto, während die Angreifer versuchten, dessen Fenster einzuschlagen. Der griechische Premierminister Alexis Tsipras bezeichnete die Angreifer als "Schläger der extremen Rechten", Griechenlands Polizeiminister Nikos Toskas versprach, sie würden "die Konsequenzen ihres Handels" zu spüren bekommen.

Yiannis Boutaris will sich im nächsten Jahr noch einmal zur Bürgermeisterwahl stellen.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, die Polizei gehe davon aus, dass die Täter "Rechtsextreme unter den Pontosgriechen waren". Wir haben die Passage dahingehend geändert, dass nur von "Rechtsextremen" die Rede ist. Außerdem haben wir die Formulierung "Griechenlands Nationalisten sprechen von einem Genozid" geändert. Tatsächlich ist die Verwendung des Begriffs Genozid in Griechenland insgesamt weitgehend Konsens - auch wenn die Türkei dies anders sieht.

Giorgos Christides/pat



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